Geithain: Verurteilter Neonazi schlägt erneut zu

01.

April
2011
Freitag
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Freitag, 1. April 2011

In der Nacht zum 2. April haben drei Neonazis in Geithain (Landkreis Leipzig) vier Personen angegriffen und teilweise schwer verletzt. Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich bei den Tatverdächtigen um den 20-jährigen Nazi-Schläger Albert R. aus Lunzenau (Landkreis Mittelsachsen) sowie um zwei ebenfalls einschlägig bekannte Neonazis aus Geithain (20 und 22 Jahre). Gegen alle drei wird wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Der Überfall ereignete sich kurz nach Mitternacht vor einer Pizzeria in der Chemnitzer Straße in Geithain. Aus einem Auto heraus griffen die Tatverdächtigen die Betroffenen an, besprühten sie mit Pfefferspray, schlugen und traten auf sie ein. Durch einen Schlag mit einer Bierflasche erlitt ein Mann eine Platzwunde und musste ambulant im Krankenhaus behandelt werden.

Am 29. September 2011 verurteilte das Jugendschöffengericht beim Amtsgericht Leipzig die drei Täter zu Haftstrafen ohne Bewährung. Albert R. muss für vier Jahre und acht Monate in den Knast (eine Verurteilung aus dem März 2011 floss mit ein), Andy K. für zwei Jahre und sechs Monate, Rico G. für zwei Jahre und drei Monate. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Bereits am 19. April hatte die Polizei die Wohnungen der drei Tatverdächtigen durchsucht und Beweismittel sichergestellt. R. saß seitdem in Untersuchungshaft, da nach Angaben der Staatsanwaltschaft "Wiederholungsgefahr" bestand.

Nach Einschätzung von Richter Steffen Blaschke sei es reines Glück, dass sich die Täter nicht "wegen eines versuchten oder vollendeten Tötungsverbrechens" verantworten mussten. Sie hätten bei den Attacken ohne Hemmungen agiert, u.a. zusammen auf eines ihrer Opfer eingetreten haben, nachdem ihn R. mit der Bierflasche außer Gefecht gesetzt hatte. Erst als R. weiter gegen dessen Kopf trat, hätten ihn G. und K. schließlich weggezogen.

Die drei Neonazis gaben in der Verhandlung zu, der "rechten Szene" anzugehören und die Opfer angegriffen zu haben, weil sie sich von deren Aussehen und Kleidung provoziert fühlten. Vor dem Übergriff seien sie zusammen bei einer Veranstaltung gewesen. An genaueres konnten sie sich jedoch nicht erinnern, weil sie angeblich zu betrunken waren. Diese Ausrede wurde mehrfach vorgebracht, was laut LVZ teilweise "groteske Züge" annahm. So wollen die drei auch den Fahrer des Autos, der sie zum Tatort brachte, nicht gekannt haben. Gegen den unbekannten Fahrer wurde ebenfalls ermittelt, jedoch bisher ohne Erfolg.

Entgegen den Behauptungen der Täter handelte es sich nach Einschätzung des Gerichts bei dem Überfall um eine geplante Aktion. So berichteten Zeug_innen, dass das erwähnte Fahrzeug zuvor mindestens einmal am Tatort und den späteren Opfern vorbeigefahren ist. Auch hätte R. wenige Wochen vor dem Angriff einen der Betroffenen bedroht: "Es kommt was auf dich zu." Diese Worte fielen auf einer Kundgebung für den Ende 2010 geschlossenen, von Neonazis frequentierten Jugendclub Syrha. Die örtlichen Neonazis um den Geithainer NPD-Stadtrat Manuel Tripp und das "Freie Netz Borna-Geithain" setzen sich seitdem mit Kundgebungen und anderen Aktivitäten für den Treff ein. Der im Stadtrat gern bürgerlich auftretende Tripp war auch bei den Verhandlungen zu dem Pizzeria-Angriff als Zuschauer im Gericht anwesend.

Nur zwei Tage vor dem Übergriff hatte das Chemnitzer Landgericht Albert R. zu einer anderthalbjährigen Haftstrafe verurteilt, weil er am 7. Mai 2010 in Geithain einen 15-jährigen Jugendlichen lebensgefährlich verletzt hatte.. Gegen das Urteil legte R. jedoch Rechtsmittel ein, weshalb er zunächst weiter auf freiem Fuß blieb. Auch bei dieser Urteilsverkündung zeigten Tripp und andere Neonazis ihre Solidarität mit den Gewalttäter.

Bei der Veranstaltung, die Albert R., Andy K. und Rico G. vor dem Überfall gemeinsam besucht haben, handelt es sich vermutlich um eine "Schulungsveranstaltung" zum Thema "Genderterror", die das "Freie Netz Geithain" am gleichen Abend durchgeführt hatte. Nach dem Angriff begrüßte die Neonazis diesen in einer Twitter-Meldung am 5. April mit den Worten: "Und wieder beginnt das Rumgeheule von Linkskriminellen, die auch mal ihre Medizin schlucken mussten..." Diesen politischen Zusammenhängen ist das Gericht offensichtlich nicht nachgegangen.

Quelle: 

chronik.LE, PM der PD Westsachsen vom 04.04.2011 (Revier Borna), LVZ-Online vom 04.04.2011, Blog von Juliane Nagel vom 04.04.2011, LVZ-Online vom 05.04.2011, LVZ Borna-Geithain vom 05.04.2011, LVZ-Online vom 19.04.2011, "FNGeithain"-Twitter vom 05.04.2011, LVZ-Online vom 22.09.2011 und vom 29.09.2011, LVZ Borna-Geithain vom 23. und 30.09.2011