JN Muldental plakatiert gegen "Tag der Befreiung" und säubert Kriegerdenkmäler

08.

Mai
2011
Sonntag
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Sonntag, 8. Mai 2011

Im Vorfeld des Tages der Befreiung vom Nationalsozialismus am 8. Mai kam es im früheren Muldentalkreis vermehrt zu neonazistischen Propagandaaktionen.
So wurden am Ausgangspunkt des Gedenkmarsches für die Opfer der Todesmärsche, bei dem am 8. Mai mehrere Hundert Menschen auf der Strecke von Gerichshain nach Wurzen an die von den Nazis in den letzten Kriegstagen in den Tod getriebenen KZ-Häftlinge erinnerten, Plakate gegen die Bewertung des 8. Mai als "Tag der Befreiung" geklebt.
Ein Kirchenvertreter aus Gerichshain reagierte darauf, indem er die Teilnehmer_innen bewusst "zum Tag der Befreiung 2011" begrüßte. "Gerade weil es Menschen gebe, die den 8. Mai noch immer als schmerzliche Niederlage für das deutsche Volk empfinden, sei die Beschäftigung mit den Todesmärschen wichtiger denn je", wurde er in der LVZ zitiert. Bei einem großen Einkaufsmarkt in Wurzen prangten laut Augenzeug_innen noch am Montag revisionistische Plakate.

In Grimma wurden am Wochenende nach Angaben des Netzwerks Naunhof im Stadtgebiet ebenfalls mehrere "Freies Netz"-Plakate angebracht (u.a. am Bahnhof, am Nicolaiplatz und auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums), auf denen von der "Lüge der Befreiung" die Rede war. In der Nähe des Nicolaiplatzes wurden zudem Aufkleber der "JN Muldental" angebracht und Flyer zum Thema 8. Mai verteilt. Am Einkaufszentrum waren zusätzlich noch Aufrufe für eine Neonazi-Demonstration am 4. Juni in Braunschweig zu finden. Laut LVZ ließ die Stadtverwaltung einige der Plakate entfernen, verzichtete aber darauf, Anzeige zu erstatten. "Offenbar versucht die Verwaltung, rechtsextreme Erscheinungen in Grimma aus der öffentlichen Diskussion herauszuhalten", vermutet das Blatt. Öffentlich geworden sei der Vorfall erst durch die Frage eines Abgeordneten im Technischen Ausschuss.

Die NPD-Jugendorganisation "JN Muldental" berichtet auf der Internetseite des neonazistischen "Aktionsbüros Nordsachsen" von einer Vortragsveranstaltung am 6. Mai, bei der die damalige Situation "historisch richtig(!)" beleuchtet wurde und man aufgrund der "vorgetragenen historischen Fakten" zu der Erkenntnis kam, "dass Deutschland nicht befreit, sondern besiegt und besetzt wurde!".
Am folgenden Tag seien in angeblich 25 Gemeinden des ehemaligen Muldentalkreises (u.a. Borsdorf, Gerichshain, Röcknitz, Hohburg, Falkenhain, Wurzen, Trebsen, Grimma und Nerchau) Flugblätter verteilt und Kriegerdenkmäler mit Kerzen sowie Blumen geschmückt worden.

Den Zweck dieser als "Ehrendienst" bezeichneten Säuberungs- und Propagandaaktion erläutert "Stützpunktleiter" Mathias König in dem Bericht mit markigen Worten: Der 8. Mai sei der "Ausgangspunkt für die völkerrechtswidrigen Handlungen der alliierten Siegermächte" gewesen, die danach "Besatzungszonen (DDR und BRD)" installiert hätten. Auch würden "wir noch heute in einer Besatzungszone und 'Finanz-GmbH'" leben und "unser Volk noch nach über 60 Jahren auf seine Souveränität und echte Freiheit" warten. Als Perspektive für den zu führenden Kampf "mit allen geistigen Waffen" gibt König die Parole aus: "Das Reich hat niemals kapituliert und besteht noch immer fort!"

Die Neonazis wenden sich entsprechend ihres Weltbildes gegen die Interpretation des 8. Mai als "Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus". Für die heutigen Nationalsozialisten stellt der Tag der Kapitulation des Deutschen Reiches und der Befreiung der Überlebenden der Konzentrationslager das Ende des historischen Projektes dar, an dessen Wiederaufnahme sie engagiert arbeiten.

Quelle: 

LVZ/MTL vom 09.05.2011 und 12.05.2011, Freies Netz/Aktionsbüro Nordsachsen vom 09.05.2011, Netzwerk Naunhof, chronik.LE