Neonazis feiern "Heß-Wochen"

31.

August
2010
Dienstag
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Dienstag, 31. August 2010

Im Rahmen einer so genannten "Heß-Woche" haben Neonazis in ganz Sachsen des Hitler-Stellvertreters und verurteilten Kriegsverbrechers Rudolf Heß gedacht, der sich am 17. August 1987 erhängt hat. In den Nächten um den Todestag sind unter anderem in Grimma, Borna, Geithain, Eilenburg, Delitzsch, Kohren-Sahlis, Frohburg, Bad Lausick, Döbeln, Torgau und Leisnig Aufkleber, Plakate, Graffitis und Schmierereien angebracht worden.

Die verwendeten Parolen fordern "Rache für Heß" und spielen auf seine angebliche Ermordung an. Weitere Neonazi-Graffitis sind laut Informationen der Polizei fast zeitgleich in Wurzen, Neukieritzsch und Beilrode aufgetaucht. Heß-Schmierereien und -Plakate sind außerdem in den Leipziger Stadtteilen Volkmarsdorf und Neuschönefeld aufgetaucht.

Während die Täter meist willkürliche Orte gewählt haben, ist in Grimma in der Nacht zum 19. August der Eingangsbereich des Büros der Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz (Die Linke) mit Heß-Propaganda beklebt worden. „Es ist bekannt, dass seit Jahren aus diesem Anlass umfangreiche Aktionen der Neonazis stattfinden", sagte Köditz. "Wenn von der Polizei Prävention ernst genommen wird, dann hätte in diesem Zeitraum zumindest eine verstärkte Bestreifung in der Nacht vorgenommen werden müssen."

Unterdessen hat die Polizei in Borna in der Nacht darauf zwei junge Männer gestellt, die im Bereich der Röthaer Straße – unweit der mittlerweile geschlossenen Neonazi-"Gedächtnisstätte" – Heß-Plakate verklebt haben.

Die Urheber dieser Propaganda-Aktionen sind nicht unbekannt: In Döbeln wurden im Wohngebiet Nord Heß-Plakate mit dem Emblem der "Nationalen Sozialisten Döbeln" verklebt. Einige der Aufkleber in Grimma verwiesen auf das "Freie Netz" als Urheber, eine Vernetzung gewaltbereiter Neonazis aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Nordbayern. Websites einzelner Kameradschafts-Gruppen des "Freien Netzes" begleiteten die "Heß-Woche" mit geschichtsrevisionistischen Artikeln, die an altbekannte Verschwörungstheorien zu Verhaftung und Freitod des einstigen Reichsministers anknüpfen.

Wenige Stunden, nachdem am frühen Morgen des 18. August Heß-Plakate in Geithain verklebt worden waren, die auf die Website "Freies Netz Borna-Geithain" verweist, wurde genau dort erklärt: "Persönlichkeiten wie Rudolf Heß sind unsterblich. […] Und so tauchten auch in diesem Jahr zu den sogenannten Hess-Wochen [sic!] wieder Hunderte von Plakaten und Aufklebern, Tausende Flugblätter, Schriftzüge und Transparente […] auf, die Bezug auf den seit 23 Jahren ungesühnten Mord an Rudolf Heß nehmen."

Auf Neonazi-Websites kursieren zudem ausdruckbare Vorlagen für Heß-Plakate und vorgefertigte Sprühschablonen, die Heß' Konterfei zeigen.

Schon seit einigen Jahren koordinieren Neonazis im Interenet ihre "Heß-Wochen". Unter diesem Titel werden jährlich in etlichen Städten Aktionen durchgeführt, seit 2005 der zentrale "Rudolf-Heß-Gedenkmarsch" im bayrischen Wunsiedel verboten worden ist. Die Aufmärsche in Wunsiedel fanden seit 1988 statt. In der oberfränkischen Gemeinde ist Heß bestattet worden, sein Grab wurde für die rechte Szene zum regelrechten Wallfahrtsort.

Um den Todestag trotz Verbots weiter propagandistisch zu benutzen, setzen Neonazis auf niedrigschwelligere Aktionsformen. In den vergangenen Jahren tauchten beispielsweise rund um den 17. August Bettlaken auf, die an Brücken und leerstehende Gebäude gehangen wurden und mit ihren Beschriftungen wiederum auf Heß anspielten.

Mehr Aufwand wurde vor drei Jahren getrieben, als der so genannte "Heß-Lkw" durch Deutschland fuhr. Der Wagen war mit Heß' Porträtbild und der Parole "Mord verjährt nicht" beschriftet und machte unter anderem vor dem Leipziger Bruno-Plache-Stadion, der Spielstätte des 1. FC Lokomotive, eine Foto-Pause. Diese Aktion wurde augenscheinlich von Leipziger Neonazis mitgeplant.

Die Heß-Propaganda funktioniert derweil auch auf die gewohnte Weise. Im thüringischen Altenburg findet am 17. August jährlich ein Naziaufmarsch statt. In der Nacht zum 17. August 2004 war in der Kleinstadt ein Neonazi von einem Polizisten angeschossen worden. Zuvor hatten Beamte Neonazis beim Ankleben von Heß-Plakaten erwischt. In diesem Jahr nahmen an dem Aufmarsch etwa 130 Personen teil. Die meisten von ihnen stehen dem "Freien Netz" nahe.

Quelle: 

Diverse Pressemitteilungen der Polizei, PM Kerstin Köditz, Eigenberichte Freies Netz