Rechts rockt Staupitz

Neonazismus
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Ein Gasthof am Rande von Torgau bietet Nazi-Bands regelmäßig eine Bühne

Ein Gasthof im südlich von Torgau gelegenen Örtchen Staupitz – bis Ende 2008 noch Teil der Gemeinde Pflückuff, die dann nach Torgau eingemeindet wurde – hat sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Veranstaltungsorte für neona zistische Konzerte in Sachsen entwickelt.

Hier fand beispielsweise am 21. Juni 2008 ungestört ein großes Nazi-Konzert mit schätzungweise 300 bis 400 Besucher/innen statt.[1] Es kann davon ausgegangenwerden, dass es sich dabei um eine Ausweichveranstaltung für den am selben Tag geplanten „JN-Sachsentag“ in Dresden handelte. Dieses „Sommerfest“ der NPD-Jugendorganisation war kurzfristig verboten worden. Die verärgerten Nazis zogen damals am Nachmittag in einer „Spontandemonstration“ mit ca. 300-500 Teilnehmern, von der mehrere Übergriffe ausgingen, durch die Dresdner Innenstadt. Die am Abend in Staupitz auftretenden Bands Saga (Schweden), Youngland (USA) und Sleipnir (Deutschland) waren zuvor alle für die JN-Veranstaltung in Dresden angekündigt worden.[2]

Neben diesem fanden 2008 in Staupitz mindestens noch drei weitere Rechtsrock-Konzerte statt: am 12. April, am 9. August und am 17. Oktober, mit Bands wie Racial Purity, Frontalkraft, Painful Awakening oder Diary of a Dying Nation und Besucherzahlen zwischen 80 und 200. Nach Angaben von Behörden von 2008 wird Staupitz neben Dresden und Schildau als Beispiel für die als „Szene-Objekte“ bezeichneten, im Besitz von Neonazis bzw. Sympathisant/innen befindlichen Locations genannt, in denen ein Großteil der in diesem Jahr laut Verfassungsschutz insgesamt 43 Nazi-Konzerte in Sachsen über die Bühne gingen.

Staupitz ersetzt Schildau

In der zwischen Torgau und Wurzen gelegenen Gneisenaustadt Schildau fanden in einer ehemaligen Geflügelfabrik jahrelang derartige Konzerte mit bis zu 350 Besucher/innen statt (u.a. am 27.08.2005, 02.11.2005, 26.11.2005, 20.05.2006), 2008 noch mindestens zwei mit bis zu 200 Besucher/innen). Der Pächter der Fabrik soll sich dann jedoch mit den vermutlich aus dem Umfeld der Kameradschaft "Schildauer Jungs" stammenden Konzert-Veranstaltern überworfen und das Gelände an die Stadt verkauft haben. Seitdem hat sich ein Großteil der früher dort veranstalteten Konzerte nach Staupitz (und zeitweise auch in einen Gasthof bei Colditz) verlagert. Für 2011 nennt das Innenministerium dann bereits neun Nazi-Konzerte in Staupitz bzw. Torgau. Diese fanden in einem beinahe monatlichen Rhythmus statt: 15. Januar, 26. Februar, 12. März, 16. April, 21. Mai, 30. Juli, 20. August (parallel zur letztlich untersagten NPD-Kundgebung am Leipziger Völkerschlachtdenkmal), 24. September und 5. November.[3]

Laut Einschätzung von Behörden fanden damit in diesem Jahr in dem Staupitzer Gasthof neben dem "Zur deutschen Eiche" im Rothenburger Ortsteil Geehege (ebenfalls neun Konzerte) die mit Abstand meisten der insgesamt 42 bekanntgewordenen Nazi-Konzerte mit durchschnittlich 190 Besucher/innen in Sachsen statt.[4] 2012 sind in Staupitz[5] bislang mindestens fünf davon zu verzeichnen: am 28. Januar, am 4. Februar (u.a. beworben vom britischen Ableger des in Deutschland verbotenen "Blood & Honour"-Netzwerks), am 31. März (u.a. mit der ungarischen "Blood & Honour"-Band Fehér Törvény), am 21. April (Motto: „Kraft durch Musik“) und schließlich am 21. Juli mit der in Nazi- und Hooligan-Kreisen Kultstatus genießenden Kapelle Kategorie C.

Keine Proteste, kein „Behördenstress“

Die Veranstaltungen im abgelegenen Staupitz gehen bislang ohne jede Störung von außen über die Bühne. Als Schleusungspunkt für die konspirativ beworbenen Konzerte dient meistens eine Tankstelle im nahen Mockrehna. Beim – inzwischen abgeschalteten – neonazistischen Internetforum Thiazi konnte man regelmäßig Konzertberichte aus Staupitz lesen, in denen sich auch über die Polizei- bzw. Verfassungsschutzmitarbeiter_innen amüsiert wurde, die zu Beginn kurz hereinschauten und das Nazi-Treiben ansonsten nicht weiter beeinträchtigten. Dem Vernehmen nach bemühen sich die Veranstalter sehr darum, keinen Ärger mit den Behörden zu bekommen. So werden die Konzerte beim zuständigen Ordnungsamt angemeldet und auch eine Liste der zu spielenden Titel vorgelegt. Die Band Kategorie C freute sich nach ihrem Auftritt am 21. Juli 2012 in Staupitz auf ihrer Homepage sehr darüber, dass dieser „ausnahmsweise ohne Behördenstress“ erfolgen konnte, da man „ja alles vorher vor Gericht geklärt“ habe.[6] Umgekehrt scheint es den involvierten Ämtern ganz recht zu sein, dass die Konzerte an einem Ort stattfinden, den sie mehr oder weniger im Blick haben.

NPD & JN mischen mit

Einige dieser Veranstaltungen können direkt den örtlichen NPD- bzw. JN-Stukturen zugerechnet werden. Auf die Nutzung des Gasthofes als Ausweichort für die Party zum „JN-Sachsentag“ 2008 wurde eingangs bereits hingewiesen. Die Kontaktnummer für eine als „Rocknacht in Nordsachsen“ angekündigte Feier am 16. April 2011 (u.a. mit Thematik 25 aus Leipzig, Aryan Hope aus Wurzen, 12 Golden Years aus Thüringen und Priorität 18 aus Dresden) stimmte mit der des Nordsachsen-Versandes überein, der vom Eilenburger NPD-Stadtrat Kai Rzehaczek und seinem Sohn Paul (nordsächsischer JN-Vorsitzender) betrieben wird. Auf dem zugehörigen, beim Thiazi-Forum veröffentlichten Flyer prangte auch das „Schwarze Fahne in Kreis“-Symbol der neonazistischen Freien Kräfte bzw. des Freien Netzes, zu dem u.a. das mit der örtlichen NPD verbandelte "Aktionsbüro Nordsachsen" gehört.[7] Aus Torgau stammt
mit Plan B übrigens auch die einzige derzeit aktive Nazi-Band aus Nordsachsen. Diese wurde 2010 gegründet, ist bereits in diesem und im folgenden Jahr bei Konzerten aufgetreten, hat aber noch keine Veröffentlichung vorzuweisen.

Zur Relevanz von Neonazikonzerten

Bereits in den 80er Jahren entdeckten Neonazis die Möglichkeit, mit Musik ihre menschenverachtende Ideologien zu verbreiten. Über eingängige Texte sollten junge Menschen den Weg in die Neonaziszene finden und bereits überzeugte Neonazis in ihren Einstellungen gestärkt werden. In der Folge gründeten sich unzählige Neonazibands unterschiedlichster Stilrichtung, die in ihren Liedern Rassismus, Nationalsozialismus, Hass und Gewalt propagieren. In Sachsen gibt es derzeit über 30 aktive Neonazisbands. Neben CDs, die durch einschlägige Versände und Geschäfte vertrieben werden, sind Konzerte ein wesentlicher Ort zur Verbreitung rechter Musik.

Für Neonazis erfüllen Konzerte einen wichtigen Zweck. Hier treffen sie auf Gleichgesinnte, das Hakenkreuz-Tattoo muss nicht versteckt werden und die eigene Einstellung kann offen zur Schau gestellt werden. Tabus bestehen meist keine und so kann fleißig mitgesungen werden, wenn zur Tötung von „Ausländern, Juden und Zecken“ aufgerufen wird. Auch der Vernetzungseffekt spielt eine wichtige Rolle: Auf Konzerten trifft man „Kameraden“ von nah und fern. Freundschaften, Allianzen und Netzwerke können aufgebaut und verfestigt werden. Das gemeinsame Erleben eines Konzerts, auf dem der Hitlergruß gezeigt werden „darf “, schweißt zusammen und stärkt das Gemeinschaftsgefühl.

In Sachsen findet in der Regel pro Wochenende mindestens ein Neonazikonzert statt – besonders oft in Staupitz nahe Torgau und im Landkreis Ostsachsen. Schon in den 90er Jahren galt Sachsen als Eldorado der rechten Musikszene – die Szene war groß, es gab viele regionale Bands und gute Kontakte zur rechten Musikszene im Ausland. Die Sicherheitsbehörden drückten meist beide Augen zu. Damals war das internationale "Blood & Honour"-Netzwerk (dt.: Blut & Ehre) einer der wichtigsten und aktivsten Akteure bei der Organisation von Nazikonzerten in Sachsen. Trotz eines Verbots im Jahr 2000 agiert dieses Netzwerk noch immer in Sachsen, auch im Bereich der Konzertorganisation. Heute werden rechte Konzerte meist konspirativ über SMS-Ketten oder soziale Netzwerke organisiert, um mögliche Proteste von Antifaschist_innen oder Gegenmaßnahmen des Staates zu vermeiden. Dieser „Duft des Verbotenen“ zieht viele Neonazis zusätzlich an. Im Vergleich zu den 90er Jahren hat sich die Anzahl der Konzerte in Sachsen in den vergangenen Jahren nicht verringert. Und auch die Anzahl der Besucher/innen bleibt konstant.

Mit den Einnahmen aus Konzerten, Getränkeverkauf und Merchandise haben einige Neonazis ihr Lebenseinkommen gefunden. Nicht selten geht ein Teil dieser Einnahmen auch direkt in die politische Arbeit der Szene. Einerseits, weil die Organisator_innen selbst Teil der Szene sind und deren Aktivitäten befürworten, andererseits, weil sie sich so die Anerkennung ihres Publikums sichern können. Mit Konzerteinnahmen wurde auch der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) unterstützt, unter anderem von Aktivist_innen des sächsischen "Blood & Honour"-Netzwerks.

Quelle: Broschüre "Nordsächsische Zustände", Stand: September 2012

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Anmerkungen:
[1] Vgl. Kleine Anfrage „Rechte Konzerte in Sachsen im Jahr 2008“ (Drs. 4/14295)
[2] Vgl. www.chronikle.org/ereignis/nazi-konzert-staupitz-nordsachsen-bietet-alternative-verbotenen-jn-sachsentag-dresden.
[3] Vgl. Kleine Anfrage „Rechte Konzerte in Sachsen im Jahr 2011“ Drs. 5/7854)
[4] Vgl. Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen: Jahresbericht 2011, S. 14.
[5] Der genaue Ort ist noch nicht in allen Fällen bestätigt. Auf den Flyern bzw. im Internet ist meinstens nur von Nordsachsen o.ä. die Rede. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Konzerte überwiegend in Staupitz stattgefunden haben.
[6] Vgl. Mitteilung auf der Homepage von Kategorie C – Hungrige Wölfe vom 22.07.2012.
[7] Vgl. www.chronikle.org/ereignis/konzert-f%C3%BCnf-nazi-bands-staupitz-nordsachsen.