Den Sinn von Arbeit hinterfragen - Guillaume Paoli über Glückliche Arbeitslose und unglückliche Arbeitnehmer_innen

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Der heutige „Hausphilosoph“ des städtischen Centraltheaters, Guillaume Paoli, wurde in den 90er Jahren als ein Vertreter der „Glücklichen Arbeitslosen“ bekannt. Was lag also näher als sich mit ihm über die Situation von Hartz-IV-Empfänger_innen und deren Diskriminierungserfahrungen zu unterhalten? Paoli selbst hielt davon jedoch zunächst eher wenig. Immerhin sei er mittlerweile nicht mehr arbeitslos, könne also auch nicht für andere Arbeitslose sprechen. Schließlich ließ er sich aber trotzdem auf ein Gespräch in seiner „Philosophischen Praxis“ ein, das sich unter anderem um die paradoxe Professionalisierung der „Glücklichen Arbeitslosen“ und um die generelle Diskriminierung durch die Arbeitswelt drehte.

Herr Paoli, wie kam es 1996 eigentlich zur Gründung der Glücklichen Arbeitslosen?

Guillaume Paoli: Ich war damals arbeitslos und viele von meinen Bekannten in Berlin auch. Uns ging es gut, wir hatten Zeit zu tun, was wir wollten. Wir haben eigentlich dasselbe gemacht wie heute, nur dass wir von Arbeitslosenunterstützung gelebt haben. Das war nicht üppig, aber genug. Allerdings waren auch die Mieten niedriger als heute. Und es gab weniger Kontrollen vom Arbeitsamt. Das war also schon etwas wie ein Grundeinkommen, nur dass es nicht so genannt wurde.
In den Medien wurde diese Praxis aber nicht thematisiert. Darum haben wir beschlossen, das öffentlich zu machen. Wir haben damit kein bestimmtes Ziel verbunden, es war zunächst nur ein Statement: Seht her, es gibt keinen Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben, nur weil man arbeitslos ist. Das ist kein individuelles Problem, sondern hat strukturelle Gründe – es gibt in der Wirtschaft nicht mehr genug Arbeit für alle. Warum sollte deshalb also jemand in ein schwarzes Loch fallen, nur weil er arbeitslos ist?

Und wie haben die Leute darauf reagiert?

Es haben sich Hunderte von Menschen bei uns gemeldet. Es kamen Briefe aus ganz verschiedenen Ecken. Nicht nur aus den Städten, sondern auch vom Land, wo Menschen vom Arbeitslosengeld lebten und sich nebenbei um ihren Garten kümmerten. Daraufhin haben wir mehrere Treffen mit diesen Menschen gemacht, in verschiedenen Städten und immer in öffentlichen Räumen, zum Beispiel mitten in einer Einkaufsstraße. So kam es auch zu Kontakten mit Leuten, die zufällig da vorbeigingen. Natürlich gab es auch negative Reaktionen. Die Bild-Zeitung schrieb von mir als „frechstem Arbeitslosen Deutschlands“, der zudem noch aus Frankreich stammt.
Und es haben sich auch Arbeitslose bei uns gemeldet, die gar nicht glücklich mit ihrer Situation waren. Wir haben dann versucht zu definieren, weshalb Arbeitslose eigentlich unglücklich sind. Das wenige Geld ist eine Sache. Aber es gibt auch die „Working Poor“, die viel arbeiten, aber trotzdem kaum Geld haben. Eine andere Sache ist der Umgang mit den Ämtern. Das konnte auch damals schon schwer sein. Ein dritter Punkt ist das Ansehen, dass man von anderen Menschen, von der eigenen Familie und von Bekannten als „arme Sau“ oder als „Schnorrer“ betrachtet wird. Aber das ist nur ein Bild, und das kann man verändern.
Viele Menschen antworten auf die Frage: „Was machst du?“ mit „Ich bin arbeitslos“ oder „Ich bin Hartz-IV-Empfänger“. Weil sie sich so stark über Arbeit definieren. Oft sehen sich Langzeitarbeitslose dann auch selbst als Versager. Die Aussage: „Ich bin ein glücklicher Arbeitsloser“ schafft da ein ganz anderes Bild, ein anderes Selbstbild.

Wie ging es dann mit den Glücklichen Arbeitslosen weiter?

Wir wurden sehr schnell mit dem Thema identifiziert. Das war schon paradox, gewissermaßen eine „Professionalisierung der Glücklichen Arbeitslosen“. Problematisch war auch, dass wir als Anführer angesehen wurden, als Fürsprecher für die Arbeitslosen. Andere Leute haben erwartet, dass wir Lösungen für sie haben. In Interviews mit den Medien haben wir deshalb immer betont, dass wir keine Vertreter der Arbeitslosen sind, sondern nur für uns selbst sprechen. Einladungen in Fernsehshows haben wir abgelehnt, da man dort sehr schnell in die Rolle eines „Hanswurst“ gerät. Wir wollten dieses Spiel, diesen Medienhype nicht mehr mitspielen. Bald hatten wir keine Zeit mehr für andere Sachen, und es wurde auch eintönig.
Bei vielen von uns hatte sich inzwischen die biographische Situation verändert. Ich wurde vom Arbeitsamt in die Selbständigkeit „entlassen“. Die haben Druck gemacht, wollten plötzlich jeden Tag etwas von mir. Andere von uns sind ausgewandert oder haben einen Job gefunden. Durch die Glücklichen Arbeitslosen haben wir plötzlich – ohne dass wir das beabsichtigt hätten – Job-Angebote für verschiedene Sachen erhalten. So hat sich zum Beispiel auch ergeben, dass ich heute hier beim Theater arbeite. Und sobald wir nicht mehr arbeitslos waren, konnten wir auch nicht mehr über die Situation von Arbeitslosen sprechen.

Was haben die Glücklichen Arbeitslosen denn bewirkt?

Wir haben keine Massenbewegung ausgelöst. Aber immerhin haben wir gezeigt, dass es nicht unmöglich ist, das zu thematisieren und Diskussionen darüber auszulösen. Real haben wir natürlich nichts bewirkt, null. Also Hartz IV und so weiter konnten wir nicht verhindern. Vielleicht sind wir sogar mit Schuld daran. Die Aussage „Es gibt kein Recht auf Faulheit“ des damaligen Bundeskanzlers Schröder ist ja fast so etwas wie eine Reaktion auf unsere Thesen.

Was hat sich inzwischen durch die Hartz-IV-Gesetze verändert?

Dadurch hat sich die Situation für die Betroffenen verschlimmert. In meinem Freundeskreis gibt es nur zwei, drei Leute, die noch Arbeitslosengeld beziehen. Die meisten versuchen, andere Wege zu finden. Aber das hat dann auch viel mit Selbstausbeutung zu tun. Gleichzeitig steigen die Kosten für alles Mögliche. Es ist heute schwieriger, mit Hartz IV zurechtzukommen als früher mit dem Arbeitslosengeld.
Die Möglichkeiten, alles etwas entspannter zu beobachten, sind geringer geworden. Nicht nur bei den Arbeitslosen, sondern zum Beispiel auch bei den Studirenden. Durch die Bologna-Reform werden doch nur noch Fachidioten für die Arbeitswelt herangezogen. Alles ist viel zeitintensiver geworden.
Vor zehn Jahren war die Vorstellung, dass die Verhältnisse sich auch ändern können, noch mehr vorhanden. Das hat stark abgenommen. Von Vollbeschäftigung als offiziellem Ziel redet heute kein Mensch mehr. Es geht nur noch darum, die Hartz-IV-Empfänger zu verwalten, und das soll möglichst nicht viel kosten. Die Frage nach dem Sinn der Arbeit wird gar nicht mehr gestellt.

Wird sich die gesellschaftliche Stimmung irgendwann mal wieder verändern?

Ich hoffe es. Zurzeit sehe ich aber keine Anzeichen dafür. Es herrscht eher Resignation, es gibt viel Ohnmacht. Die geringen Chancen auf einen guten Job führen eher dazu, dass sich alle noch stärker darum bemühen, sich zu qualifizieren und ja keine Chance auslassen. Gerade habe ich im Spiegel von einer Umfrage gelesen, dass die Mehrheit der Deutschen gegen die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze ist. Empathie für Arbeitslose entwickelt sich nur dann, wenn man auch die eigene Arbeit anders sieht.

Inwieweit könnte Bürgerarbeit oder ein öffentlicher Beschäftigungssektor eine Lösung für das Problem der Arbeitslosigkeit sein?

Über Bürgerarbeit, für die Arbeitslose herangezogen werden sollen, wurde schon damals diskutiert. Die Frage dabei ist: Wer definiert eigentlich, was als „Bürgerarbeit“ gelten soll? Es gibt ja keine klare Grenze zwischen gesellschaftlich relevanten und irrelevanten Tätigkeiten. Das gilt auch für die Arbeitswelt: Banken, Werbeagenturen – sind die wirklich nützlich? Heute entscheidet darüber der Markt, aber ist der Markt dafür wirklich so relevant?

Es bräuchte also einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel?

Ja natürlich, aber wir wollten damals mit den Glücklichen Arbeitslosen nicht über eine bessere Zukunft reden, sondern über eine bessere Gegenwart. Deshalb waren wir auch skeptisch gegenüber der Idee des Grundeinkommens. Es gibt keine Chance, das in der gegenwärtigen Politik durchzusetzen. Und wer zu sehr in die Zukunft schaut, der verliert die Gegenwart aus dem Blick.

Was hatten Sie denn für Ideen für die Gegenwart?

Konkret haben wir gefordert: Die Arbeitsämter sollen sich darauf beschränken, das Geld auszuzahlen, und nicht so tun, als könnten sie wirklich Arbeit vermitteln.

Und dadurch würde die Diskriminierung der Arbeitslosen aufhören?

Es handelt sich ja nicht nur um eine Diskriminierung von Arbeitslosen, sondern generell um eine Diskriminierung durch die Arbeitswelt und den Arbeitsmarkt. In Diskussionen mit Beschäftigen haben wir immer gefragt: Wenn es die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, nicht gäbe, würden Sie dann das, was Sie tun, weiter so tun? Alle haben gesagt: Nein, zumindest nicht in dem Ausmaß. Wobei das auch abhängig ist von den konkreten Arbeitsverhältnissen. Eine Kassiererin im Supermarkt würde sicher gern weniger arbeiten. Oder Call-Center-Jobs – das ist eine ziemlich nervige Arbeit. Aber mir hat einer gesagt: „Ich mag das, ich vermittele gern meine Kenntnisse. Das Problem dabei ist nur, dass ich eigentlich nicht länger als drei Minuten mit einem Kunden reden darf. Und ich soll ihm natürlich bestimmte Computerprogramme verkaufen.“
Es gibt nicht nur den starren Gegensatz zwischen Arbeitern und Arbeitslosen. Auch weil fast jeder schon mal arbeitslos war. Ausgegrenzt aus der Gesellschaft ist auch jemand, der voll in die Arbeitswelt integriert ist und dadurch keine Zeit mehr für sich hat. Die Isolation haben Arbeitnehmer und Arbeitslose also gemeinsam. Entweder wenig Zeit oder wenig Geld.

Das Gespräch führte chronik.LE

Das Interview wurde erstveröffentlicht in der Broschüre "Leipziger Zustände 2010"