"Ich muss doch als Sterntaler weiß und blond sein?" - Eine Leipzigerin berichtet von ihren alltäglichen Rassismuserfahrungen

Rassismus
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Die Auseinandersetzung mit Herkunft, kultureller Identität, Wurzeln, Hautfarbe und meinem eigenen Weißsein spielte in meinem Leben keine Rolle. „Das ist doch heute kein Problem mehr. Bei uns doch nicht“, habe auch ich einmal gesagt. Dass ich mich geirrt habe, erlebe ich seit der Geburt meiner schwarzen Tochter. „Du hast wohl zu viel Möhrensaft getrunken?“, wird sie am ersten Tag in der Kinderkrippe von der Erzieherin gefragt. Ich verstehe gar nicht, was sie mit der Frage meint. Erst später begreife ich die Anspielung auf ihre Hautfarbe. Wenige Monate danach plappert meine Tochter beim Abendessen das Wort „Neger“ aus. Ich weiß nicht, wo sie das aufgeschnappt hat und sie ist noch zu klein, um es mir zu erzählen. Spätestens jetzt wird mir klar, dass sich unser Familienleben von dem monokultureller Eltern unterscheidet.

„Wie süß, wie niedlich“, hörte ich im Babyjahr oft von älteren Damen, wenn ich auf den Bus wartete. Den Komplimenten folgt ein schneller Griff in das Tragetuch und meine Tochter wird ungefragt getätschelt. Ich lächele verlegen und freue mich über die positive Reaktion. Heute nervt es mich einfach nur, dass wir in der Öffentlichkeit auffallen, dass meine Tochter als Exotin wahrgenommen wird. „Wie kämmen Sie denn diese Haare?“, „Ist das nicht schwierig mit diesen Haaren?“, hören wir häufig an der Kasse in Geschäften.

"Das Temperament hat sie von ihrem Vater"

Wieder an der Haltestelle: Meine Tochter hüpft ausgelassen um das Wartehäuschen herum und trällert ein Lied. Eine Frau beobachtet sie aufmerksam. Dann sieht sie mich an und sagt: „Na, das Temperament hat sie von ihrem Vater.“ Ich frage mich, woher sie das wissen will, da sie ihn gar nicht kennt. Welche Vorstellung verbindet sie mit schwarzen Menschen?

„Darf ich sie mal was fragen?“, nähert sich im Freibad Kleinzschocher eine junge Frau an unsere Decke an. „Ihre Tochter ist doch afrikanisch.“ Als ich das verneine und antworte, sie sei deutsch, wird die Frau unsicher und hakt nach. „Naja, aber Sie waren ja schon mal in Afrika. Ich möchte da nämlich dieses Jahr in den Urlaub fahren. Können Sie mir Tipps geben?“ Ich erkläre, dass ich nie in Afrika war und selbst wenn, dass der Kontinent viele Länder hat und ich keine pauschalen Reisetipps geben kann.
Wir stehen an der Kasse in einer Drogerie im Leipziger Hauptbahnhof. Vor uns eine Frau mit Kinderwagen, über dem ein blau-weißer Fußballschal hängt. Die Frau hat ihre Haare millimeterkurz geschoren und einen blonden Pony. Wortlos starrt sie meine Tochter an, die beim Warten leicht den Kinderwagen berührt. Ruckartig zieht die Mutter mit grimmiger Miene den Wagen weg. Ich erkläre ihr, dass sie keine Angst haben muss. Meine Tochter färbe nicht ab.

„Die Kind ist ja schwarz!"

Am Abend sitze ich in einem Freisitz auf der Karl-Liebknecht-Straße. Beim Döneressen komme ich mit den anderen Gästen ins Gespräch. Später schaue ich auf meinem Telefon nach der Uhrzeit. Als der Mann neben mir das Foto meiner Tochter auf dem Display sieht, sagt er erschrocken: „Die Kind ist ja schwarz! Wie ist das denn passiert. Hast Du keinen anderen abbekommen?“ Ich habe auf die Diskussion keine Lust, esse auf und gehe.

Familienausflug mit dem Vater meiner Tochter. Im Bus schaue ich auf den Fahrplan, wo wir aussteigen müssen. Ein Service-Mitarbeiter der LVB fragt mich auf Englisch, ob er mir helfen könne. „Danke, nein. Ich spreche deutsch.“ Das hält ihn nicht davon ab, den Vater meiner Tochter später wieder auf Englisch anzusprechen, der ihn nur verwundert ansieht, weil er diese Sprache gar nicht kann. Es ist das erste Mal, dass ich erlebe, dass Nicht-Weißsein oder das Zusammensein mit Schwarzen bei anderen Menschen den Glauben erweckt, man spreche automatisch nicht deutsch.

Sonntagnachmittag beim Kaffeetrinken mit meinen Eltern. Wir essen Kuchen und plaudern entspannt, bis meine Mutter vor meiner Tochter sagt: „Wir können ja froh sein, dass sie nicht ganz so dunkel ist. Sie hat ja eine schöne Hautfarbe.“ Ich kläre sie darüber auf, dass es weder schöne noch hässliche Hautfarben gibt und schenke ihr ein Buch über afrodeutsche Kinder.

„Da wird schon nix passieren.“

An einem Sommertag fahren wir Freunde in Trebsen besuchen. Meine Tochter wird das Wochenende dort ohne mich verbringen. Es sind Landtagswahlen und auf der Fahrt sind die Straßen mit zahlreichen NPD-Plakaten gepflastert. Die Familie will mit den Kindern auf ein Volksfest in Grimma. Als ich erkläre, dass ich das nicht möchte, weil ich mir in dieser Gegend Sorgen mache, zumal ich nicht dabei sein werde. Ich stoße jedoch auf völliges Unverständnis. „Da wird schon nix passieren.“ Letztlich willigen die Freunde ein, nicht auf das Fest zu gehen.

Shoppingnachmittag in der Innenstadt. In der Kinderabteilung im Kaufhaus suchen wir ein neues T-Shirt und meine Tochter hält freudig eins hoch in schönen bunten Farben. Ein Mädchen ist darauf abgebildet. Die Aufschrift: „Wild African Girl.“ Ich erinnere mich an die unzähligen Situationen an Leipzigs Bushaltestellen und überlege kurz, ob sich das T-Shirt auch verkaufen würde mit der Aufschrift „Wild European Girl“. Dann entscheide ich, es wieder auf die Stange zu hängen und weiter zu suchen.

„Das sieht bei mir nicht schön aus“

Für die Faschingsparty im Kindergarten haben wir ein Sterntalerkostüm ausgesucht. Einen Tag vorm Fest möchte meine Tochter das Kleid doch nicht anziehen. „Ich muss doch als Sterntaler weiß und blond sein. Das sieht bei mir nicht schön aus“, argumentiert sie. Ich muss schlucken und habe Mühe, mir nicht anmerken zu lassen, dass mich das traurig und betroffen macht. Wir googeln zusammen Begriffe wie „black jesus“ und „afro-american santa claus“. Als sie sieht, dass der Weihnachtsmann, eine Meerjungfrau und Feen auch schwarz sein können, freut sie sich und zieht das Kleid an.

Ich nehme die Situation zum Anlass, mit ihr über ihre Zimmerdekoration zu sprechen. Dabei fällt mir auf, dass an ihren Wänden nur weiße Prinzessinnen hängen, im Bücherregal fast nur Bände stehen, in denen die Figuren weiß sind. Das gleiche gilt für Filme in unserem Haus. Mein Kind wächst in einer weißen Umgebung auf. Am nächsten Tag suche ich erfolglos in der Buchhandlung nach Kinderliteratur, in denen Schwarze präsent sind. Die Verkäuferin findet nur zwei Exemplare. In einem erzählt ein Mädchen aus Afrika über ihre Schule. In einem anderen Eltern über ihr schwarzes adoptiertes Kind. Kein einziges Buch, in dem schwarze Kinder einfach nur so vorkommen. Im Internet werde ich auf dem US-amerikanischen Buchmarkt schnell fündig. Sogar Rapunzel, Der Fischer und seine Frau und Hänsel und Gretel gibt es in einer Version, in der die Figuren schwarz sind. Die englischen Texte übersetze ich und klebe die deutschen Zeilen einfach darüber.

Ich denke an die Frau im Schwimmbad, die sagte, meine Tochter sei afrikanisch und ihr entgegnete, nein, sie sei deutsch. So wie andere zuerst ihre Hautfarbe wahrnehmen, habe ich sie wahrscheinlich immer nur als mein Kind gesehen, weder schwarz noch weiß. Welchen Anteil ich selbst als weiße Mutter daran habe, dass sich mein Kind mit ihrer Binationalität wohl fühlt, habe ich erst spät wahrgenommen. Heute ist sie sechs Jahre alt und kommt im Sommer in die Schule. Ihr größter Wunsch: Dass sie in ihrer Klasse nicht die einzige Schwarze ist.