»Pick-Up-Artists« in Leipzig

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28.

April
2016
Donnerstag

In Leipzig sind laut online-Ankündigungen "Pick-Up-Artists" unterwegs um "Frauen abzuschleppen". Die Praxis des "Pick Up" geht auf in Deutschland u.a. auf Leonard G. und Sascha T. zurück, welche nach eigenen Angaben Anfang 2016 die »flirtverrueckt GbR« gründeten, über die sie Seminare, Trainings sowie Anleitungen anbieten, um Männern zu zeigen, wie sie "heiße Frauen" ansprechen. Im Weiteren soll Männern vermittelt werden, durch welche Methoden und Tricks sie "Sex mit [ihrer] persönlichen 9,9" haben, wie sie "tolle Menschen" kennenlernen oder "einfach [ihre] Ex zurück gewinn[en]".

Satanas "alte[...] Affen"
Mit dem Buch »Lob des Sexismus. Frauen verstehen, verführen und behalten. Ein Praxisbuch für Aufgeschlossene« von Lodovico Satana soll ihre Auseinandersetzung begonnen haben, die letztlich mit dem so genannten »Pickup« endete. Satana versucht bereits zu Beginn, sich von jeder Frauenverachtung und jedem Sexismus freizusprechen:

"Der Sexismus, den ich lobe, ist unpolitisch und unmoralisch. Er steht nicht im Widerspruch zu Gleichbehandlung und -berechtigung in der Rechtssprechung [sic!] oder am Arbeitsmarkt. Er taugt nicht zur Rechtfertigung von Unterdrückung, Ausbeutung oder Gewalt gegen Frauen. Er ist die mythische Kraft hinter der Liebe. Er ist primär, natürlich und unausrottbar, eignet sich zur Ekstase wie zum Selbstmord. Du kannst ihn fühlen, wenn du einer Frau, die du begehrst, in die Augen siehst. Dieses Buch lehrt nichts weiter, als seine Gesetze zu verstehen und sich seine besten Seiten zu Nutze zu machen."

Die Entpolitisierung von Sexismus bei gleichzeitiger Naturalisierung der Geschlechter sowie der scheinbaren Distanzierung von Gewalt gegen Frauen soll den angehenden "Gruppenführer" oder "Alpha" - wie es bei Satana heißt - vom Ballast zivilisatorischer Errungenschaften befreien und ihm ermöglichen auf den Status von "alten Affen" zurückfallen zu können, da

"[w]ir alten Affen [...] uns niemals völlig von unseren Trieben und Instinkten frei machen [können]."

Zwar schreibt der Autor von "Gleichbehandlung und -berechtigung", doch jene solle sich lediglich in der "Rechtssprechung [sic!] oder am Arbeitsmarkt" äußern. Ansonsten erkennt er in Frauen Personen, die bei der "Partnerwahl unendlich sensibel gegenüber den Merkmalen von Gruppenführern" seien und "der
instinktive Seismograph der Frau" ausschlage, wenn sie bemerkt, wie "ein Mann, [...] die Fäden in der Hand hält."

Satanas Geschreibsel verharrt im Heteronormativen. Seine Welt besteht aus Frauen und Männern, die einander begehren, wobei die gegenseitige "Zuneigung [...] in uns angelegt zu sein [scheint]." Homosexualität erklärt er durch "Instinkte", die "offensichtlich nicht in jedem Mann gleichartig" seien. Damit wird Homosexualität als abweichend und andersartig markiert sowie stigmatisiert.

»Pick-Up-Artists«
Über Satana bewegten sich Leonard G. und Sascha T. zu »Pickup«, dessen Grundlagen und Programm Satana in seinem Buch aufzeigt. Er selber sei "Mitglied der PickUp&Seduction-Community". »Pick-Up-Artists« (PUA) betrachten sich als »Verführungskünstler«.
Pick-Up-Artists sind Männer, die mit gezielten Manipulationsversuchen Frauen so schnell wie möglich ins Bett bekommen wollen. Das einzige Merkmal bei der Auswahl ihrer Opfer ist das Aussehen – dafür werden auf einer Skala von 1-10 Punkte vergeben. Dann folgen verschiedene Schritte – “Number-Close” – “Lay” bedeutet, die Frau ins Bett bekommen zu haben. Um das zu erreichen, geben sich die Männer am Anfang besonders verständnisvoll, um rasch eine emotionale Bindung aufzubauen und das Vertrauen der Frau zu gewinnen. Diese Masche wird abgewechselt mit gezielten Sticheleien auf das Selbstwertgefühl der Frauen – totale Nähe wird abgewechselt mit Rückzug, bis die Frauen ihren eigenen Gefühlen nicht mehr vertrauen. Das heißt in der Community “Push and Pull”. Die Frau gerät so in eine zunehmend schwächere und abhängige Position, sie wird gezielt verunsichert. Lehnen die Frauen den Sex ab, wird jedes vorangegangene Interesse geleugnet, die Frauen werden sogar beleidigt und verbal herabgewürdigt, bis sie nicht mehr wissen, ob sie sich die zuvor gefühlte Zuneigung nur eingebildet haben.
Im Buch "Bang: The Pick-up Bible" wird u.a. das Selbstbestimmungsrecht der Frau abgesprochen. Der Autor vertritt dabei die Aussage, dass Männer nicht um Erlaubnis fragen sollten für Sex. Die patriarchale Vormachtstellung von Männern wird dadurch reproduziert, dass Männer wüssten was im Einverständnis der anderen Person gegenüber wäre, wohingegen Frauen(von Männern) gezeigt werden müsse, was sie wöllten.