"Überhaupt nichts los" in Mügeln

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24.

April
2010
Samstag

Erneut haben Neonazis ein Fußballspiel des Vereins Roter Stern Leipzig (RSL) gestört: Der Schiedsrichter der Auswärtspartie gegen SV Mügeln-Ablaß 09 hat die Begegnung am Sonnabendnachmittag in der 80. Minute abgebrochen, nachdem sich Spieler des RSL unter anderem über antisemitische Parolen ("Ein Baum, ein Strick, ein Judengenick", "Juden raus") und das Absingen des "U-Bahn-Liedes" ("Eine U-Bahn bauen wir von Jerusalem nach Auschwitz") beschwert hatten.

Bereits vor Beginn des Bezirksklasse-Spiels hatten sich auf der Seite des Gastgebers etwa 50 Neonazis postiert, die durch das wiederholte Zeigen des Hitlergrußes und Sprüche wie "Frei, sozial und national", "Hier regiert der nationale Widerstand" und "Hasta la vista, antifascista" aufgefallen sind. Ein Teil der Störer hatte sich mit T-Shirts uniformiert, die den antirassistischen Verein "Vive le Courage" verunglimpfen sollten. Bei den Einlasskontrollen am Eingang der Mügeln-Fans wurde dies offenbar nicht beanstandet.

Laut Augenzeug_innen suchten die Neonazis frühzeitig eine Konfrontation, bewarfen Fans des RSL mit Bierbechern und mussten von der Polizei zurückgedrängt werden. Diese hat später zwar die Personalien eines Mannes aufgenommen, der den Hitlergruß gezeigt hat, griff aber gegen die volksverhetzenden Sprechchöre auf der Mügelner-Seite nicht ein. Die Polizei rechtfertigte ihre Zurückhaltung vor Ort damit, dass alles gefilmt und später ausgewertet werde.

Dafür kam es nach einer knappen halben Stunde zu einem Polizeieinsatz gegen Fans des RSL, der von Zeug_innen als "überfallartig" beschrieben wird. Die Polizei wollte angeblich die Personalien von Zeugen eines vorangegangenen Vorfalls aufnehmen, startete jedoch plötzlich einen gewalttätigen Zugriff, der mit mehreren verletzten Personen endete. Obwohl die Polizei mit zahlreichen Mannschaftswagen nur wenige Meter entfernt von den RSL-Fans postiert war, haben die BeamtInnen die etwa 120 Personen mit Fahrzeugen umkreist und versucht, ohne ersichtlichen Grund Einzelne aus der Menge herauszugreifen.

Bei dem hektischen Manöver wurde eine Person angefahren. Zeug_innen beobachteten außerdem, wie Polizeibeamt_innen gezielt mit der Faust gegen Köpfe schlugen. Wegen der Körperverletzungen musste die Polizei Anzeigen gegen ihre eigenen Kolleg_innen aufnehmen. Außerdem hat der Polizeieinsatz zu einer ersten Spielunterbrechung in der 28. Minute geführt. Die aggressive Stimmung auf Mügeln-Seite hat sich dadurch nicht beruhigt, es wurde sogar applaudiert, als die Polizei gegen die RSL-Fans vorging.

In einer ersten Stellungnahme des SV Mügeln-Ablaß kritisierte deren Pressesprecher, es werde "nur die Opferrolle des RSL dargestellt". Sein relativierender Kommentar zu den Vorfällen: "Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!" Laut Darstellung des Vereins seien die besagten Gesänge von einer Gruppe ausgegangen, "die noch niemals in Mügeln oder Ablaß zum Fußball erschienen war". Daher distanziere sich der Verein von diesen Personen. Allerdings war für Augenzeug_innen nicht erkennbar, dass sich die 250 restlichen Mügeln-Fans in irgendeiner Weise von den Störern abgegrenzt hätten. Umso deutlicher grenzt man sich von den Gästen ab, denn nicht nur Nazis sondern auch "die gewohnt zahlreich erschienene Anhängerschaft der Sterne, nutzten diese Plattform und machten aus dieser Bezirksklassepartie ein Politikum. Der Verein [Mügeln] distanziert sich von jeglicher politischer Haltung. [...] Im Vorfeld wurden alle möglichen Vorkehrungen getroffenen, damit die Partie einen ruhigen Verlauf nimmt. Leider sorgten beide politisch motivierten Gruppen dafür, dass es dazu nicht kommen sollte."

Der Bürgermeister der Stadt und Vereinspräsident des SV Mügeln-Ablaß, Gotthard Deuse (FDP), ging sogar noch weiter und widersprach dem eigenen Pressesprecher. Deuse sagte gegenüber dem MDR, er habe keine Nazi-Sprüche gehört und keine Neonazis gesehen. Es sei nach seiner Beobachtung "überhaupt nichts los" gewesen.

Das mag an der eigenwilligen Toleranzschwelle in Mügeln liegen. Nach Aussagen von Spielern und Betreuer_innen des Roten Sterns machten Vereinsverantwortliche wie Anhänger_innen des Ablaß-Mügelner Vereins sofort nach Spielabbruch die Gäste-Mannschaft dafür verantwortlich. Der Stadionsprecher warf den Leipziger Spielern vor, "feige" gehandelt zu haben. Er interessiere sich nicht für die Neonazis, man solle über soetwas stehen. Auch Oliver Kahn sei beleidigt und mit Bananen beworfen wurden, hätte darüber aber nur gelacht. Nicht lachen konnte der Stadionsprecher allerdings darüber, dass die Mügelner "als Nazis beschimpft worden" - dies sei nicht "normal". Auf der anderen Seite beleidigten Mügelner Anhänger_innen und Vereinsoffizielle die Spieler des Sterns mit rassistischen wie antisemitischen Schmähungen. So riefen zwei Frauen, die nach Spielende die Bierbecher zusammenkehrten, der in die Fahrzeuge einsteigenden Mannschaft hinterher: "Laßt euch nicht mehr so schnell hier blicken, ihr Kanacken".

Die Stadt Mügeln im Landkreis Nordsachsen war bereits vor knapp drei Jahren bundesweit in die Schlagzeilen geraten. Damals hatten während eines Dorffestes mehr als 50 Personen unter den Augen und angefeuert von zahlreichen Schaulustigen acht Inder rassistisch beschimpft, angegriffen, gehetzt und zum Teil schwer verletzt. Deuse war danach mit seiner originellen Interpretation der Wahrheit aufgefallen, nach der es in seinem Ort keine rechte Szene gebe. Anlässlich des rassistischen Überfalls gab Deuse der nationalkonservativen "Jungen Freiheit" ein Interview, in dem er die "Vorverurteilung" seiner Stadt kritisierte und aus den Geschehnissen folgenden Schluss zog: „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein.“ Mittlerweile ist Mügeln laut Statistik der Opferberatungsstelle RAA Sachsen der Ort mit der landesweit höchsten Zahl rechter Übergriffe.

Zum Geschehen am Sonnabend liegt mittlerweile auch eine Stellungnahme des sächsischen Innenministers Markus Ulbig (CDU) – politischer Verantwortungsträger für den Polizeieinsatz – vor. In einem Interview gegenüber Leipzig-Fernsehen sagte er, die jüngsten "Auseinandersetzungen" beim RSL-Spiel hätten gezeigt, "dass der Fußball von rechten und linken gewaltbereiten Extremisten benutzt wird." Wo die "linken gewaltbereiten Extremisten" am Sonnabend waren, sagte Ulbig nicht.

Allerdings vermeldete die Polizei, was die Rechten trieben: Kurz nach Spielende sammelten sich auf dem Mügelner Marktplatz etwa 60 Personen, die ein Transparent gegen "linke Gewalt" und den zivilgesellschaftlichen Verein "Vive le Courage" im Ort zeigten. Weil ein Lied mit strafbarem Inhalt – laut Zeug_innen handelte es sich um das "Horst-Wessel-Lied" – gesungen wurde, habe die Polizei den nicht angemeldeten Aufmarsch aufgelöst, die Personalien der Beteiligten aufgenommen und Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung eingeleitet.

Quelle: 

l-iz.de vom 24.04. und 25.04.2010, MDR Online vom 24.04.2010, LVZ Online vom 24.04.2010, PM Roter Stern Leipzig vom 25.04.2010, PM SV Mügeln/Ablaß 09 vom 24.04.2010, Kopfstoss.FM vom 25.4., Augenzeug_innen, chronik.LE