Antiziganistisch verzerrte Wahrnehmung und Wirklichkeit – ein Lehrstück aus der „Leipziger Volkszeitung“

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16.

Juli
2009
Donnerstag

Das Gegenteil von gut ist manchmal auch „gut gewollt“. Das illustriert eindrücklich der Artikel „Zwischen Nobelkarosse und Camper“ aus der Feder von Drago Bock, der am 14.07.2009 in der „Leipziger Volkszeitung“ erschienen ist.

Eine Gruppe Roma aus Spanien macht offenbar regelmäßig Halt auf dem Festplatz in Wurzen. Dass war für den Journalisten Drago Bock Anlass einmal vorbeizuschauen. Nicht Anlass, sondern der Grund für sein schiefes Porträt der Campierenden, war aber offenbar die Suche nach der Bestätigung seiner Klischees. Über Roma bzw. dieser Gruppe zugeordneten Menschen existieren seit Jahrhunderten Klischees und Vorurteile, die wenig bis gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Diese „Zigeuner-Bilder“ legen sich über die Wahrnehmung und verformen sie. Der Rassismus gegen Roma, der auch als Antiziganismus bezeichnet wird, besteht nicht nur aus Ablehnung und Anfeindung, sondern auch aus solchen „Zigeuner-Bilder“, die zum Teil erst einmal nicht direkt negativ sind.

Der Journalist gibt gleich zu Anfang als eine Art Bürgeranwalt die Beschwerden eines Teils der Anwohnerschaft wieder. Die Roma hätten den Wald als Toilette verwendet („Schamlos hätten dort die Roma ihr Geschäft verrichtet.“). Es wird nicht hinterfragt, ob das stimmt bzw. ob überhaupt die Roma-Gruppe dafür verantwortlich ist. Diese Klagen sind für ihn der Grund einmal bei dem Lager vorbeizuschauen. Hier wird er freundlich empfangen und ein Camp-Mitglied erklärt, dass sie auf eigene Kosten einen Müllcontainer von der Stadt bestellt haben.

Statt einmal nach dem Leben der Roma und der individuellen Lebensgeschichte zu fragen, ist der Journalist verwundert über den scheinbaren Reichtum, dem er begegnet („Auch er trägt eine
Rolex-Uhr am Handgelenk.“). Obwohl die Gesprächspartner den ersten Eindruck korrigieren, so liest man in der Berichterstattung doch deutlich Zweifel aus dem Bericht. Die Rolex ist „Keine echte, wie er sagt.“. Das „wie er sagt“, illustriert aber deutlich den Zweifel.
Offenbar ist Drago Bock durch die Wirklichkeit an die Grenzen des Klischees vom „dreckigen Zigeuner“ gestoßen und ersetzt das durch ein anderes Klischee, nämlich das vom durch unlautere Mittel zu Reichtum gelangten „Zigeuner“, die über „schnittige Limousinen“ und Rolex-Uhren verfügen.

Auch gibt er unkritisch den Kommentar eines Anwohners wieder, der sein Ressentiment nicht offen ausspricht, aber doch andeutet: „Man dürfe zu den Thema ja nichts sagen, würde sonst gleich abgestempelt, lässt er wissen.“ Da Antiziganismus ähnlich wie Antisemitismus auch als kultureller Code funktioniert, kann man auch mit Andeutungen arbeiten. Das Wissen um diese Andeutungen, die seit Jahrhunderten vermittelten „Zigeuner-Bilder“, ist vorhanden und muss gar nicht mehr offen ausgesprochen werden.

Selbst Tatsachen, die den Vorurteilen entgegen stehen, werden in dem Bericht als Ausnahme gekennzeichnet. So heißt es: „In diesem Jahr habe es bislang keine Probleme gegeben.“ Oder an anderer Stelle: „Dass die Toiletten im Kaufland, seit die Roma auf dem Festplatz lagern, in saumäßigem Zustand seien, will im Supermarkt keiner bestätigen.“ Der Subtext suggeriert entgegen der Faktenlage, dass es normalerweise eigentlich anders sei.

Dorothea Strekies vom Ordnungsamt wird mit der Behauptung wiedergegeben, „dass die Stadt fast regelmäßig seit Anfang der 90-er Jahre von den Sinti und Roma überrascht werde. Die sind plötzlich unangemeldet da, und wir können nur reagieren.“ Abgesehen davon, dass hier entgegen den Grundregeln des Journalismus unklar ist, wo die Grenze zwischen direkter und indirekter Rede ist, muss der logische Fehler sofort auffallen. Wie bitteschön kann man denn „regelmäßig […] überrascht“ werden? Überraschungen sind nur solche, wenn sie unerwartet auftreten.

Das die Roma-Gruppe vom Ordnungsamt als Störfaktor betrachtet wird, ist der/dem Leser/in schnell klar. Der Bericht betont noch einmal: „Eine Standgebühr zahlten sie nicht.“ Allerdings wurde ein paar Zeilen darüber noch erwähnt, dass die Gruppe die nicht gerade geringe Summe von 350 Euro für einen Müllcontainer bezahlt hat. Trotzdem soll offenbar bei der Leserschaft der Eindruck entstehen, die Roma bekämen etwas umsonst. Gleichzeitig gibt der Journalist noch eine mögliche, andere Handlungsoption wieder: „Theoretisch könne ein sofortiger Platzverweis ausgesprochen werden.“ Dann betont der Autor im nächsten Satz noch einmal, dass geschehe aber nicht, solange sie sich den Gegebenheiten unterordnen würden: „Die Leute müssten die Regeln und Gesetze akzeptieren […].“ Trotzdem planten der „Oberbürgermeister Jörg Röglin oder Bürgermeister Gerald Lehne einen Besuch auf dem Festplatz.“ Dieser Besuch ist aber nicht ergebnisoffen. Denn Drago Bock schreibt ohne jede Kritik im darauf folgenden Satz: „Ziel: Räumung der Wagenburg noch am selben Tag.“ Dass hier mehrere Familien offenbar vertrieben werden sollen, ist Bock keine Silbe der Kritik wert.

Zu dem Bericht gibt es noch einen Kommentar mit dem Titel „Eine fremde Welt einfach mal besuchen“. Hier wird die Roma-Gruppe bereits im Titel als exotisch, als „fremde Welt“ gekennzeichnet. Auch wenn es weiter heißt: „Die Wagenburg der Sinti und Roma bestätigt so gar nicht das Klischee über die fahrenden Leute. Sie kommen nicht schmutzig daher, von bettelnden Kindern keine Spur. Und Taschenspieler und Trickser hat die Polizei bislang auch noch nicht entdecken können, bestätigt das Ordnungsamt.“ So ist die Verwunderung über das Nicht-Eintreffen der antiziganistischen Klischees greifbar. Offenbar misstraut Bock seiner eigenen Wahrnehmung. So heißt es dann weiter: „Gastfreundlich und sympathisch wirken die Camper. Gleichwohl kann sich der unvoreingenommene Besucher des Eindrucks nicht erwehren, ein bisschen auf den Arm genommen zu werden. Heißen die beiden Gesprächspartner wirklich Borado und Borati? Arbeiten sie tatsächlich als Maschinenbauer und Tischler?“ Offenbar gilt für Roma nicht die Unschuldsvermutung. Die Wahrheit gibt es laut Autor nur gegen Geld, denn so ticken laut seiner antiziganistischen Wahrnehmung nun mal die Sinti und Roma: „Man wird es (vielleicht) nur erfahren, wenn man ein paar Scheine auf den Tisch legt.“ Da mutet es schon wie Hohn an, wenn der Journalist am Ende empfiehlt: „Trotz aller gefühlter Skepsis wie unter den Nachbarn der Wagenburg empfehle ich einen Besuch bei den Sinti und Roma. Warum nicht die vermeintliche Fremdheit kennenlernen und das Gespräch suchen?“ Ihm hat der Besuch jedenfalls nicht geholfen.

Insgesamt verrennt sich der Bericht und der Kommentar in antiziganistischen Klischees, auch wenn er vorgibt genau diese widerlegen zu wollen. „Zigeuner-Bilder“ funktionieren zum Teil über Andeutungen und kritiklos wiedergegebene O-Töne, zum Teil werden sie aber vom Autor auch direkt wiedergekäut.

Um die ganze Sache zu erfassen, möge man einmal in einem Gedankenexperiment an die Stelle der Roma-Gruppe eine niederländische Camping-Gruppe setzen. Ob hier Drago Bock wohl auch empfohlen hätte: „Insofern sollte die Stadt durchgreifen, wenn die Sitten nicht eingehalten werden.“?

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Ein Gastbeitrag von Lucius Teidelbaum, Mitbetreiber des Watchblogs „http://antizig.blogsport.de“
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Quelle: 

LVZ/MTL vom 14. und 16.07.2009