Geithain: Junger Mensch von Neonazi lebensgefährlich verletzt

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7.

Mai
2010
Freitag

Am Freitagabend wurde ein 15-Jähriger in Geithain (Landkreis Leipzig) von Neonazis angegriffen und schwer verletzt. Der äußerlich als alternativ erkennbare Jugendliche hatte mit einem Freund an der Tankstelle in der Peniger Straße Halt gemacht und verließ gerade den Verkaufsbereich. Aus einem der in der Nähe stehenden Autos stürmte plötzlich ein ortsbekannter Neonazi auf den Jugendlichen zu und verpasste ihm Schläge und Tritte auf den Kopf und ins Gesicht. Der Täter verschwand anschließend sofort mit seinen Begleitern.

Der Verletzte wurde ins Krankenhaus gebracht, wo eine schwere Schädelverletzung festgestellt wurde. Er schwebte bis zur Operation am Sonntagmorgen in Lebensgefahr. Bereits im Dezember hatten Geithainer Neonazis in einem im Internet veröffentlichten Papier mit "Erziehungsmaßnahmen" und körperlicher Gewalt gedroht; zusätzlich wurde ein Youtube-Video mit persönlichen Fotos von Geithainer_innen veröffentlicht. Der nun Schwerverletzte wurde außerdem im April auf einer neonazistischen Internetseite als nichtrechter Jugendlicher geoutet und somit als Opfer markiert. An das Haus seiner Familie wurden wiederholt Drohungen wie "Wir kriegen dich" gesprüht.

Die zuständige Polizeidirektion Westsachsen informierte erst vier Tage später über den brutalen Angriff, nachdem die Tat durch eine Pressemitteilung bekannt gemacht worden war. Ein politisches Motiv sei nicht auszuschließen, hieß es im Zeugenaufruf der Polizei.

Am 17. Mai wurde schließlich ein 19-Jähriger aus Lunzenau (Kreis Mittelsachsen) wegen dringendem Tatverdacht festgenommen. Laut einer Mitteilung der Chemnitzer Staatsanwaltschaft und der Polizeidirektion Westsachsen ist der mutmaßliche Täter den Behörden bereits wegen anderer Straftaten bekannt. Als Tathintergrund für den Angriff an der Tankstelle wird die "unterschiedliche politische Orientierung von Opfer und Täter" genannt. Der Tatverdächtige stamme "aus der rechten Szene", er habe "ohne ersichtlichen Grund" auf sein "linksorientiertes" Opfer eingeschlagen.

Auf der neonazistischen Internetseite "Recht auf Zukunft", welche für die gescheiterte Neonazi-Demonstration am 17. Oktober vergangenen Jahres in Leipzig eingerichtet wurde, erschien kurz nach der Festnahme des mutmaßlichen Täters ein Text mit dem Titel "Einer fehlt? - Lasst ihn raus!" Der Artikel wurde auch auf verschiedenen Seiten der neonazistischen Plattform "Freies Netz" übernommen. Über das Opfer des Angriffs wird darin kein Wort verloren. Statt dessen wird betont, dass der wegen schwerer Körperverletzung festgenommene "Kamerad Albert" bereits viel "für die Sache" getan habe, bei "Aktionen auf der Straße" und bei Demonstrationen dabei gewesen sei. Wie zur Rechtfertigung ist von "ausländische[n] und deutsche[n] Jugendliche, welche ihren fremden Vorbildern nacheifern", die Rede, die "in unseren Städten und Dörfern" ständig und überall zuschlagen würden. Der Aufforderung, Grüße für den "aufrichtige[n] Kämpfer und Aktivist[en] unserer Sache" zu hinterlassen, sind innerhalb weniger Stunden bereits über 40 Kommentator_innen nachgekommen. Darunter u.a. "Freie Kräfte" bzw. "Nationale Sozialisten" aus Zwickau, Döbeln, Jena, Neuruppin und Senftenberg sowie ein Mitglied der Leipziger Hooligan-Gruppierung "Scenario Lok".

In einem Beitrag des MDR Magazins Exakt vom 03. August wird ausführlich über den Angriff und die vorhergehende Hetzkampagne berichtet. Erschreckend ist nicht nur die hemmungslose Gewalt des Angreifers, sondern auch die fatale Reaktion der Geithainer Bürgermeisterin Romy Bauer (CDU). Sie legte der Familie des Angegriffenen nahe, den "Ball flach zu halten." Im Interview führt sie aus, was sie damit meint: "Eskalationen sollen nicht provoziert werden, weil jede Eskalation auch eine Gefahr bedeutet, nämlich die, dass wir in schlechte Schlagzeilen kommen."

Quelle: 

chronik.LE, Pressemitteilung vom 11.05.2010, PD Westsachsen vom 12.05.2010, LVZ Borna-Geithain vom 12.05.2010, PD Westsachsen vom 18.05.2010, LVZ-Online vom 18.05.2010, Neonazi-Seite "Recht auf Zukunft" vom 17.05.2010