"Irrer Blick und zerzauste Haare" - Aufregung um Pläne für Privatklinik im Machern

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6.

Dezember
2011
Dienstag

In Machern sorgen Pläne zur Einrichtung einer Privatklinik für Aufregung. Die Betreiber des "Sigma-Zentrums für Akutmedizin" aus Bad Säckingen (Baden-Württemberg) wollen unweit des Macherner Schlosses im ehemaligen Kavalierhauses und auf dem Gelände einer Kaufhalle am Markt einen Ableger ihrer Klinik für Psychatrie und Psychotherapie ansiedeln. Wie die Leipziger Volkszeitung unter der Überschrift "Eine Klinik für exklusive Kunden" berichtet, kursieren seit Bekanntwerden dieser Pläne - CDU-Bürgermeister Frank Lange hatte lange Zeit nur ausgewählte Gemeinderäte informiert - in der Stadt Befürchtungen, es würde eine Klinik für "Drogensüchtige und sogar Kriminelle" entstehen. Dafür sieht Sigma-Geschäftsführer Christoph Bielitz keinen Grund. Patienten, die Probleme mit harten Drogen haben, würden nicht zum Anspruch der Klinik passen. Zielgruppe seien ausschließlich Privatpatienten, die sich "Medizin auf hohem Niveau" leisten könnten.

Der Bürgermeister von Bad Säckingen, Martin Weissbrodt (CDU), unterstützt den Klinikbetreiber, indem er das in seinem Ort bestehende Sigma-Zentrum als "Vorzeigeklinik" lobt. Es würden dort nur Privatpatienten behandelt, die etwa an Burnout leiden. Also kein Grund zur Sorge, denn: "Da läuft keiner mit irrem Blick und zerzausten Haaren herum. Wenn Sie in die Klinik kommen, wissen Sie nicht, wer Arzt und wer Patient ist."

Ob letzteres unbedingt ein Vorteil ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall gibt der CDU-Politiker damit eine interessante Sichtweise auf Patient_innen wieder, die sich die exklusive Klinik nicht leisten können. Die Entwicklung hin zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft im Gesundheitswesen wird nicht hinterfragt. Der ärztliche Direktor Bielitz gesteht offen zu, dass man dieses Konzept als elitär kritisieren könnte. Immerhin würde sein Zentrum damit anderen keinen Platz in "normalen Kliniken" wegnehmen.

Die Kritiker_innen des Projekts befürchten jedoch nicht nur, dass das Macherner Stadtzentrum von "Drogensüchtigen" bevölkert werden könnte. Linke-Stadtrat Andreas Holtz sieht auch die Gefahr, dass die für die neue Sigma-Klinik benötigten 120 hochqualifizierten Mitarbeiter_innen aus den medizinischen Einrichtungen um Machern abgeworben werden, die eh schon unter Personalmangel leiden würden. Bei der Bürgerfragestunde im Gemeinderat wurde zudem die Befürchtung geäußert, dass die Ansiedlung der Klinik zulasten des "geistig-kulturellen Lebens rund ums Schloss" gehen würde und sich die "Behandlung psychisch Kranker in Sicht- und Hörweite von Schule und Kinderkrippe" nicht mit dem "postulierten Anspruch der Familienfreundlichkeit vertrage".

Quelle: 

LVZ/MTL vom 6. und 10./11.12.2011, LVZ Borna-Geithain vom 12.12.2011, LVZ/MTL vom 14.12.2011