Junge Nationaldemokraten üben sich bei einer CDU-Veranstaltung im Wortergreifen

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6.

November
2008
Donnerstag

Am 6. November 2008 fand in der Handwerkskammer zu Leipzig eine von den CDU-Vereinigungen Junge Union (JU) und Seniorenunion organisierte Veranstaltung mit dem Titel "Eisberg voraus - wohin steuert die Finanzkrise?" statt. Als Referent war der CDU-Bundestagsabgeordnete Manfred Kolbe zugegen. Aber auch einige Mitglieder der Jungen Nationaldemokraten (JN) aus Leipzig und Halle nutzten die Diskussionsrunde in Reudnitz, um sich in der Methode der "Wortergreifung" zu üben.

Auf der Internetseite "Freies Netz Leipzig" erschien wenige Tage später ein Bericht, in dem sich die Neonazis damit brüsteten, dass sich auch "nationale Sozialisten der JN Leipzig und JN Halle" unerkannt unter das Publikum gemogelt hätten. Die Mitglieder der NPD-Jugendordganisation hätten in der anschließenden Diskussion "unmissverständlich" klargemacht, "dass das zinskapitalistische System und die parlamentarische Demokratie als das Puppenhaus für unsere Berliner Politmarionetten zwangsläufig scheitern müssen."

Mit etwas weniger agitatorischer Strenge, sondern beinahe launisch wird die praktizierte Wortergreifung in einem Anfang 2009 an gleicher Stelle veröffentlichten "Jahresrückblick" der Freien Kräfte Leipzig beschrieben: "Die Freunde von der JN Leipzig und Halle hatten sich spontan selbst eingeladen zu einem Kongress der jungen und alten Union und sorgten dort für reichlich Trubel. Die gestartete Diskussion wurde recht schnell vom Rentnerclub beendet und so gingen die Kameraden mit einem dicken Grinsen im Gesicht wieder."

Eine Sprecherin der Jungen Union Leipzig bestätigte gegenüber chronikLE den Störversuch der Neonazis. Die anfangs etwa zwölf jungen Männer seien aufgrund ihres Erscheinungsbildes (kurze Haare oder Seitenscheitel, schwarze Bomberjacken) von Anfang an aufgefallen, obwohl sie sich zunächst weder mit Transparenten oder Parolen bemerkbar machten. Es habe sich um Jugendliche im Alter von vermutlich 16 bis 20 Jahren gehandelt. Nur ihr mutmaßlicher Anführer sei mit ungefähr 30 Jahren etwas älter gewesen. Eine halbe Stunde nach dem Beginn der Veranstaltung tauchten zwei weitere junge Männer auf, dem Äußeren nach möglicherweise Studenten. Diese begannen damit, das Geschehen mit einer Kamera zu filmen. Die JU-Sprecherin hält es für möglich, dass die Aufnahmen im kommenden Kommunalwahlkampf der NPD Verwendung finden sollen.

Nach dem Ende des Kolbe-Vortrags habe einer der Jugendlichen sogleich eine vom Blatt abgelesene Rede über Finanzkrise und US-Banken vorgetragen. Später verlegten sich die Nazis auf Zwischenrufe. Auf die Aufforderung der Moderatorin sich vorzustellen, sei keiner der Störer eingegangen. Lediglich im Nachhinein habe sich einer von ihnen in einer E-Mail als Mitglied der Jungen Nationaldemokraten zu erkennen gegeben.

In dieser und einer folgenden Mail klagte der mitteilungsbedürftige JNler außerdem über die Übel des "Zinskapitalismus" und die "ruhelose, sozialkalte, körperlich und seelisch degenerierte und durch fremde Einflüsse entartete Gesellschaft", die auf den "Volkstod" zusteuere. Die Mails enthalten weitere antisemitische, antiamerikanische, geschichstrevisionistische und möglicherweise volksverhetzende Bekundungen. Vermutlich auch deshalb zog der E-Mail-Schreiber es vor, anonym zu bleiben. Die "politischen Ideen der Machthaber von damals", heißt es am Ende, sehe er "nicht im geringsten als Schande an, im Gegenteil."

Quelle: 

Freies Netz Leipzig, JU Leipzig