Junger Leipziger stirbt nach Messerattacke

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24.

Oktober
2010
Sonntag

In der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober ist ein 19-Jähriger im Müllerpark vor dem Leipziger Hauptbahnhof von zwei Personen angegriffen und niedergestochen worden. Das Opfer, Kamal K., erlag kurze Zeit später seinen schweren Verletzungen im Krankenhaus. Zwei Tatverdächtige konnten von der Polizei unweit des Tatortes im Besitz der mutmaßlichen Tatwaffe aufgegriffen werden und sind wegen Verdacht des Totschlags in Untersuchungshaft überstellt worden.

Mehrere Indizien weisen darauf hin, dass Kamal – er kommt aus einer irakisch-ägyptischen Familie und lebt schon seit Jahren in Sachsen – aus rassistischen Motiven ermordet wurde. So zeigt ein Pressefoto einen der Tatverdächtigen bei der Überstellung zum Haftrichter mit einem Pullover mit dem aufgedruckten Nazi-Spruch "Kick-off antifascism". Zudem ist einer der Tatverdächtigen, der 28-Jährige Leipziger Daniel K., mehrere Jahre in der neonazistischen und gewaltbereiten "Kameradschaft Aachener Land" aktiv gewesen. Ebenso wie sein Kumpane, der 32-Jährige Erfurter Marcus E., hatte er erst kürzlich eine langjährige Haft wegen teils politisch motivierter Gewaltverbrechen abgesessen.

Laut "Initiativkreis Antirassismus Leipzig" ist Kamal damit der sechste Mensch, der in Leipzig seit 1990 durch nazistische und rassistische Gewalt ums Leben gekommen ist. Allerdings betonte die Staatsanwaltschaft, dass Hinweise auf ein rassistisches Tatmotiv nicht vorlägen. Diese Deutung ist auch in der Berichterstattung der Leipziger Volkszeitung (LVZ) zunächst unhinterfragt übernommen worden. Am 26. Oktober berichtete die LVZ zudem, dass „auch das Opfer“ kein „unbeschriebenes Blatt“ und „polizeibekannt“ sei.

Zwischenzeitlich war unter anderem in der Kommentarspalte der LVZ-Online-Ausgabe fälschlich kolportiert worden, dass es es sich bei der "tödlichen Auseinandersetzung" nicht um einen gezielten Mord, sondern um einen "Milieu-Streit" unter "Kriminellen" gehandelt habe. Allerdings widerspricht dem die von der Staatsanwaltschaft bestätigte Darstellung des Tathergangs.

Durch den unsachlichen Hinweis, auch das Mordopfer sei "polizeibekannt" gewesen, leistete die LVZ haltlosen Spekulationen Vorschub, die einzig auf dem Vorurteil beruhen, dass Kamal als "Ausländer" zwangsweise "kriminell" gewesen sei – zumal dies im Tatzusammenhang keine Rolle spielt. Auch der MDR verstieg sich in diese These: In einem Videobeitrag vom 4. November wurde (wortgleich mit der LVZ) betont, dass "auch das Opfer kein unbeschriebenes Blatt" sei.

Im Zuge der Berichterstattung zum Fall, der vom "Initiativkreis Antirassismus Leipzig" überregionalen bekannt gemacht worden ist, meldete sich auch Sachsens Ausländerbeauftragter Martin Gillo (CDU) zu Wort. Im zitierten MDR-Beitrag sagte er, die "Menschen im Freistaat Sachsen" müssten nun "zeigen, dass das Unglück, das einen Migranten befällt, genauso schwer auf dem Herzen liegt wie ein Unglück, das einem Sachsen wiederfährt." Bei einem ebenfalls am 4. November bei "Radio Corax" (Halle/S.) ausgestrahlten Interview sagte Gillo, es gehe darum zu zeigen, "dass uns die Tragik nicht egal ist, wenn sie einen Ausländer, einen Migranten betrifft."

Gillo hatte persönlich an der Beisetzung Kamals am 1. November teilgenommen, nicht aber am vorangegangenen Trauerzug, an dem sich etwa 400 Menschen beteiligt hatten. Bei diesem Trauermarsch ist es zu rassistischen Pöbeleien gegen die Teilnehmer_innen – hauptsächliche Angehörige und Freund_innen des Ermordeten – gekommen. Anlässlich des Mordes fand am 4. November eine Demonstration unter dem Motto "Das Problem heißt Rassismus" durch die Leipziger Innenstadt statt. Bis zu 1200 Menschen waren dem Aufruf des "Initiativkreises Antirassismus" gefolgt.

Gillo begründete seine Zurückhaltung - er hatte an der Demonstration nicht teilgenommen - im Interview wiederum damit, dass das Tatmotiv "noch nicht klar" sei. Dagegen warf er die sachfremde Frage auf, wie es möglich sei, "dass ein Gewaltverbrecher und Vergewaltiger" – gemeint ist einer der Tatverdächtigen, der wegen Vergewaltigung verurteilt worden war – "so schnell wieder auf die Straße kommt" und sich "relativ locker in der Öffentlichkeit bewegen" kann. Statt die Motivation der Tötung von Migrant_innen zu diskutieren, hat Gillo damit die Aufmerksamkeit auf die populistische Forderung nach härteren Strafen gelenkt – und in einem Kontext, der weder speziell mit der Ermordung Kamals, noch mit rassistischen Vorurteilen im Allgemeinen etwas zu tun hat.

Gefragt nach seiner Meinung zur laufenden "Migrationsdebatte" in Deutschland sagte Gillo, als "Trotz-Reaktion" von Migrant_innen würden diese "Parallelgesellschaften" aufbauen. Thilo Sarrazin habe geholfen, den "Schleier der Verdrängung" dieser "Tatsache" zu beseitigen.

Ein Überblick zu den 6 Todesfällen im Zusammenhang mit neonazistischer Gewalt in Leipzig seit 1990, sowie den jeweiligen Darstellungen in der Öffentlichkeit, findet sich in der Broschüre "Leipziger Zustände 2010". Die Fälle machen deutlich, dass rassistische und neonazistische Tathintergründe in der Öffentlichkeit, Politik und vor Gericht immer wieder systematisch ignoriert oder verleugnet wurden.

Quelle: 

PD Leipzig vom 24.10.2010 und vom 25.10.2010, L-IZ vom 24.10.2010, LVZ-Online vom 24.10.2010, LVZ-Online vom 25.10.2010 I und II, Bild-Online vom 26.10.2010