Konzert mit rechter Neofolk-Band "Blood Axis" in der Theaterfarbrik

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20.

August
2011
Samstag

Ein Konzert der bekannten rechten Neofolk-Band "Blood Axis" lockte am Sonnabend rund 500 Besucher/innen in die "Theaterfrabrik Sachsen" im Leipziger Stadtteil Leutzsch. Neben der in der Szene legendären Gruppe des US-Amerikaners Michael Moynihan traten auch der Brite Andrew King, bis vor kurzem Mitglied der ebenfalls berüchtigten Band "Sol Invictus", sowie Uwe Nolte aus Halle mit seinem Projekt "Barditus" auf. Es handelte sich um das einzige Konzert von "Blood Axis" in Deutschland im Rahmen ihrer kurzen Europa-Tournee. Davor war die Ende der 1980er Jahre gegründete Band, in deren Repertoire sich auch mehre deutschspachige Stücke befinden, hier zuletzt 1998 (u.a. in Meißen) und 2005 aufgetreten.

Beworben wurde das vom "Veranstaltungs- und Medienservice Leipzig" organisierte Konzert u.a. im neonazistischen "Thiazi-Forum". Auf der von "Blood Axis" bei Facebook angelegten Event-Seite für den Auftritt in Leipzig kündigten neben vielen anderen auch der Pressesprecher der NPD-Fraktion im sächsichen Landtag und Vorsitzende ihres "Bildungswerkes", Thorsten Thomsen, und der Vorsitzende der NPD im Saarland, Frank Franz, ihr Kommen an. Unter den Besucher/innen waren zudem mehrere Personen aus dem Milieu der sogenannten "Neuen Rechten" um das "Institut für Staatspolitik", die Zeitschrift "Sezession" sowie die rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit". Konzertberichte erschienen später u.a. in der "Jungen Freiheit", im "Thiazi-Forum" und in einem weiteren Neonazi-Blog namens "Sonnenritter-Journal". Der JF- und Sezession-Autor Martin Lichtmesz wird in der "Jungen Freiheit" mit den Worten zitiert, das Konzert sei führ ihn ein "religiöses Erlebnis" gewesen.

Forderung nach Konzertabsage und Verharmlosung in der L-IZ

Bereits Anfang Juni hatte das zivilgesellschaftliche Anti-Nazi-Bündnis "Leipzig nimmt Platz" einen Brief an die Betreiber der Theaterfabrik gerichtet und diese gebeten, die Veranstaltung aufgrund des Hintergrundes der Band kritisch zu überdenken bzw. abzusagen:

"Blood Axis" gehört zu den maßgeblichen extrem rechten Bands des Dark Wave-Genres. Ihr Frontmann Michael Moynihan befördert in seiner Position als Publizist, Verleger und Musiker esoterische, rechte Weltanschauung und bekannte sich nicht nur einmal zu faschistischen und geschichtsrevisionistischen Ideen. Folgerichtig wird das Konzert in der Theaterfabrik am 20.8.2011 u.a. in einem der wichtigsten neonazistischen Internetforen, thiazi.net, beworben. Damit wird deutlich welches Klientel am 20.8. zumindest Teile des Publikums in ihrem Haus bestimmen würde.

Die "Leipziger Internetzeitung" (L-IZ) berichtete daraufhin gleich mehrfach über das geplante Konzert, wies die Kritik "aus der linken Szene" aber zunächst entschieden zurück. Statt dessen wurde empfohlen, die Kritiker_innen sollten doch einfach zum Konzert gehen, um sich dort "selbst ein Bild zu machen". Der von der L-IZ als Experte herangezogene Kulturwissenschaftler Alexander Nym bezeichnete die an "Blood Axis" geäußerte Kritik als "Faschismus in seiner subtilsten und alltäglichsten Form". Es handele sich bei Moynihan & Co. um "Hippies, die Folkmusik machen".

Moynihans "'rechte' Phase" (darunter versteht Nym dessen "Beschäftigung mit den esoterischen Grundlagen der NS-Zeit Anfang bis Mitte der Neunziger Jahr") wird von ihm als eine Provokation der "politisch korrekten Alltagsnazis - also Zensoren und besorgte Spießbürger" bezeichnet. "Nazis" und "Faschisten" sind für Nym also immer die anderen. In ähnlicher Weise verharmloste er in einem weiteren L-IZ-Artikel den Faschismus als lediglich eine "Religion der Selbstanbetung". Auf die vom Aktionsnetzwerk angeführten Zitate, in denen Moynihan u.a. die nationalsozialistische Vernichtungspolitik befürwortet, wird in der L-IZ gar nicht eingegangen. Es heißt lediglich verschwurbelt, "Unwissenheit, Naivität und eine Ist-Mir-Egal-Haltung" habe ihn - ähnlich wie "Death in June" und "Sol Invictus" - "in die rechtsoffene Falle tappen" lassen, zudem seien diese Äußerungen schon viele Jahre her.

Dass sich Nym so für Moynihan einsetzte, ist kein Zufall. Immerhin ist in dem von ihm 2010 herausgegeben Buch "Schillerndes Dunkel" über die Gothic-Szene der "Blood Axis"-Sänger selbst mit einem Beitrag vertreten. Neben vielen anderen kommen in dem Sammelband auch der bereits erwähnte "Junge Freiheit"- und "Sezession"-Autor Martin Lichtmesz sowie der langjährige Betreiber des rechten Szene-Labels "Eis & Licht", der Dresdner Stephan Pockrandt (auch Herausgeber der wichtigen Fanzines "Sigill", "Zinnober" und "Zwielicht"), zu Wort. In einem Rundumschlag beschuldigt Nym in der L-IZ schließlich die Antifa, die Gothic-Szene mit ihrer Kritik an rechten Tendenzen "unangenehmer" gemacht zu haben. Dabei sei diese Szene "Anfang der Neunziger dezidiert anti-faschistisch eingestellt" gewesen, habe aber "ihre Faszination und das historische wie ästhetische Interesse am Dritten Reich nicht verleugnet".

Theaterfabrik weist Forderung nach Konzertabsage zurück

Theaterfabrik-Geschäftsführer Roy Meißner distanzierte sich in der L-IZ pauschal von "irgendwelche[n] rechts- wie auch linksradikale[n] Vermächtnisse[n] oder Erscheinungsformen". Man habe wie immer im Vorfeld recherchiert, ob die Künstler "einem Spielverbot unterliegen oder sich klar zu einer antidemokratisch-radikalen Partei in welche Richtung auch immer, bekennen. Dies haben wir bei dieser Band nicht feststellen können." Daher werde er das Konzert auch nicht absagen.

In einem Antwortschreiben an das Aktionsnetzwerk vergleicht er "Blood Axis" mit Bands wie Motörhead, Manowar, Slayer oder Kiss, die ebenfalls "mit gewissen Runen und Zeichen arbeiten, die manchmal sehr an die Grenzen unseres Verstehens gehen könnten". Zudem verweist er auf eine angeblich eindeutige Stellungnahme der Band: "Blood Axis zelebriert das freie Denken und lehnt alle totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts ab."

Dagegen bezeichnete der Soziologe Martin Langebach (u.a. Mitautor des Buches "Ästhetische Mobilmachung" über "Darkwave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien") den "Blood Axis"-Frontmann Michael Moynihan in der LVZ als Anhänger des auf René Guénon und Julius Evola zurückgehenden, antimodernen und elitären Integralen Traditionalismus: "Moynihan versucht, metapolitische Vorstellungen über Musik zu vermitteln und attraktiv zu machen. Als Kunstform soll Blood Axis einen Geist erwecken, der auf Basis völkischer und faschistischer respektive nationalsozialistischer Denker die Zukunft gestaltet.
"

Ob das mit vertonten Gedichten nationalsozialistischer oder jungkonservativer und ähnlich gesinnter Autoren gelingen kann, sei dahin gestellt. In Leipzig hatte Moynihan dafür jedenfalls keine größeren Hürden zu überwinden. In der "Jungen Freiheit" wurde beinahe enttäuscht registriert, dass sich der "antifaschistische Widerstand" nicht zu mehr als einem an die Außenwand der Theaterfabrik gesprühten Schriftzug ("Kein Raum für Nazis") habe aufraffen können. Der Autor spekuliert, dass die "Kräfte der militanten 'Antifa'“ möglicherweise durch eine für den gleichen Tag geplante NPD-Kundgebung gebunden waren.

Lieder über Kameradschaft, Wölfe und uniformierte Marschierer

Für den ungestörten Ablauf bedankte sich auch der Autor des "Sonnenritter"-Berichts herzlich bei dem Konzertveranstalter, da dieser sich nicht von "Einschüchterungsversuchen, Übergriffen und bürokratischen Attentaten" habe beeindrucken lassen. Besonders erfreut zeigte sich dieser selbsternannte "Kameradenkreis" naturgemäß über das "Blood Axis"-Stück „Song Of The Comrade“ - die Vertonung eines Gedichts des NS-Dichters Herybert Menzel in der Übersetzung des "esoterischen Hitleristen" Miguel Serrano. Auf Deutsch trug die Band den Titel "Wir Rufen Deine Wölfe" nach einer Vorlage des nationalrevolutionären Publizisten Friedrich Hielscher sowie "Erwachen In Der Nacht" (nach Hermann Hesse) vor.

Von Moyhnihans Willen zur Inszenierung einer elitären, antimodernen Haltung zeugten auch die Lieder "Storm of Steel" (angelehnt an Ernst Jünger), "Lord of Ages" (eine Hymne Rudyard Kiplings auf den frührömischen Sonnengott Mithras bzw. Sol Invictus) und "Reign I Forever" (nach "The Challenge of Thor" des amerikanischen Dichters Henry Wadsworth Longfellow - die im Titel erwähnte Herausforderung des nordischen Donnergotts gilt dem christlichen Gott). Zum Abschluss gaben "Blood Axis" schließlich ihre erstmals 1994 veröffentlichte Version des Joy-Division-Stücks "They Walked In Line" zum Besten. Anders als in der Album-Version war dieses in der Theaterfabrik zwar nicht mit einem Sample aus einer Hitler-Rede und Marschgeräuschen unterlegt, aber im Refrain rief Moynihan auch hier "We walked in line". Statt sich also wie im Joy-Division-Original von den Marschierenden abzugrenzen ("They walked in line"), identifizieren sich "Blood Axis" und zumindest ein Teil ihrer dazu begeistert die Arme in die Luft reckenden Fans offenbar mit den in schöne Uniformen gehüllten Soldaten ("All dressed in uniforms so fine, They drank and killed to pass the time").

Quelle: 

Brief des Aktionsnetzwerks "Leipzig nimmt Platz" an die Theaterfabrik vom 06.06.2011,L-IZ vom 06.06.2011, vom 08.06.2011 und 21.08.2011, LVZ vom 12.08.2011 (Interview mit Martin Langebach) und 22.08.2011, "Blaue Narzisse"-Blog vom 20.08.2011, "Sonnenritter-Journal" vom 21.08.2011, "Thiazi"-Forum vom 22.08.2011, "JF-Online" vom 30.08.2011 und "Junge Freheit" vom 02.09.2011, Der Rechte Rand Nr. 132 vom September/Oktober 2011 (»Wir rufen Deine Wölfe …«. On Tour mit »Blood Axis«)