Krawalle und Angriff auf Polizei bei Party im NPD-Zentrum

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21.

Dezember
2008
Sonntag

In der Nacht von Sonnabend zu Sonntag kam es während einer Veranstaltung im NPD-Zentrum in Lindenau zu mehreren Gewalttaten. Besucher der Veranstaltung bedrohten Passanten, bewarfen ein Polizeiauto mit Flaschen und Feuerwerkskörpern und setzten sich teilweise gewaltsam gegen Polizeimaßnahmen auf dem NPD-Grundstück zur Wehr. Laut einer Mitteilung des Leipziger NPD-Kreisverbandes soll im Objekt an diesem Abend eine Feier von "Anhängern des Fußballvereins Lok Leipzig" stattgefunden haben, die den im Haus befindlichen Versammlungssaal angemietet hatten. Nach Informationen des MDR hatten sich die NPD-Gäste allerdings zu einer - für Fußballfans eher untypischen - Sonnenwendfeier zusammengefunden.

Die Beamten waren laut Polizeibericht bereits gegen 22 Uhr von einem Anwohner gerufen worden, der sich über laute Musik aus dem "NPD-Bürgerbüro" beschwert hatte. Vor Ort konnten die Polizisten zunächst weder ruhestörenden Lärm noch sonstige Vorkommnisse feststellen, blieben jedoch zur Beobachtung der Lage in der Gegend. Gegen 2.45 Uhr verließ eine Personengruppe das NPD-Zentrum in der Odermannstraße und verfolgte zwei Passanten, was von den vor Ort gebliebenen Polizisten beobachtet wurde. Als diese in die Odermannstraße zurückkehrten, wurde ihr Fahrzeug mit Flaschen und Feuerwerkskörpern beworfen. Anschließend begaben sich die Angreifer wieder auf das NPD-Grundstück.

Die Bereitschaftspolizei wurde zur Verstärkung gerufen; traf allerdings - so die Berliner Zeitung - erst mit mehreren Stunden Verzögerung ein. Es "begann das konsequente Einschreiten der Polizei" (Polizei-PM). Die Odermannstraße wurde dafür zwischen 4 und 7 Uhr morgens auf beiden Seiten gesperrt und der Straßenbahnverkehr umgeleitet.
Die sich dem Objekt nähernden Beamten wurden am Eingangstor mit Reizgas angegriffen, wodurch es bei zwei Polizisten zu leichten Augenreizungen kam. Nach einem Gespräch mit einem "Verantwortlichen" gelang es schließlich, das Grundstück zu betreten und die Identität der dort befindlichen 46 Personen festzustellen. Diese verhielten sich weiter aggressiv gegenüber den Beamten. Gegen einen 26-jährigen Flaschenwerfer sowie drei weitere Tatverdächtige im Alter von 25 bis 28 Jahren wurden Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte sowie Sachbeschädigung eingeleitet.

Der Leipziger NPD-Vorsitzende Helmut Herrmann bezeichnete die Randale in einer auf der Homepage des Kreisverbandes veröffentlichten Mitteilung als "bedauerlichen Zwischenfall" und distanzierte sich "in aller Form" von den Tätern, die "aus der Anhängerschaft des Fußballvereins Lok Leipzig sowie möglicherweise auch von auswärts kommen".

Zusammenhänge zwischen der Leipziger Hooliganszene, den Leipziger Freien Kräften, letztlich auch der JN sind jedoch nicht von der Hand zu weisen, wie vorausgegangene Ereignisse zeigen. So werden die "Dienste" der "Blue Caps", die körperliche Auseinandersetzungen nicht unbedingt scheuen, auch von der NPD gern in Anspruch genommen. Noch zur Eröffnung des NPD-Zentrums hatte Petzold kein Problem mit "der Anhängerschaft des Fußballvereins Lok Leipzig", die "Blue Caps" übernahmen den Ordnungsdienst. Es gibt personelle Überschneidungen, die Gruppierungen unterstützen sich gegenseitig bei ihren Aktivitäten; ein kürzlich erschienener Artikel auf der neonazistischen Internetpräsenz "Freies Netz Leipzig" bestätigt dies. So schreibt der Autor, ein "junger Kamerad": "Egal ob 'Autonom', 'Parteigebunden' oder 'Frei', sind auch die Aktionsformen andere, man hat über die Zeit gelernt das alle das selbe Ziel verfolgen [...]"; zu einer Demonstration am 12.10. heißt es: "Rund 60 Aktivisten aus Politik und Fußball trafen sich am Nachmittag des 12. Oktober um eine Solidemonstration für einen Freund durchzuführen".

Auch die Leipziger Internet-Zeitung (l-iz.de) weist darauf hin, dass hier anscheinend "Schwarzer Peter" gespielt werde und fragt sich, was wohl von Seiten des Probstheidaer Fußballclubs zu diesem Versuch der Verantwortungsabwälzung gesagt wird. Immerhin trennte sich der 1. FC Lok Leipzig erst kürzlich von der allzu rechtsoffenen Fangruppierung "Blue Caps".

Die "Verantwortlichen des Objekts in der Odermannstraße 8" müssten künftig, so NPD-Chef Herrmann weiter, "dafür Sorge tragen, dass es nicht mehr zu derartigen Vorfällen kommen kann." Nähere Angaben zu den "Objekt-Verantwortlichen", die offenbar recht autonom von der Parteiführung agieren, unterbleiben aber.

Der offizielle Betreiber des NPD-Büros, der Landtagsabgeordnete Winfried Petzold, unterschlägt in einem am 23. Dezember auf der Internetseite der Leipziger NPD veröffentlichten Schreiben an die "Bürgerinnen und Bürger in Lindenau" gleich jeden Hinweis auf die von seinem Abgeordnetenbüro ausgegangenen Übergriffe und beklagt sich statt dessen über angebliche "Angriffe aus der linksextremistischen Szene". So hätten vor kurzem "80 gewaltbereite Antifaschisten mit Fahrrädern" versucht, in sein Büro einzudringen. Auch den zivilgesellschsaftlichen Protest auf dem Lindenauer Markt gegen sein "Bürgerbüro" diskreditiert Petzold mit allerlei Beleidigungen. So schreibt er von einem "haßerfüllten alten Mann, dem der Antigermanismus förmlich ins Gesicht geschrieben steht, ein ehemals populärer Sänger, dem offenbar außer penetranter Bierreklame und Antifaschismus künstlerisch nichts mehr einfällt und ein Priester, dessen Präferenzen wohl weit jenseits des von ihm offiziell vertretenen 'christlichen' Glaubens liegen".