Leipziger Bürger mobilisieren gegen Sinti und Roma

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27.

August
2010
Freitag

Im Leipziger Stadtteil Volkmarsdorf drohen Anwohner_innen eine Bürgerwehr gegen eine Gruppe von Sinti und Roma zu gründen. In einem offenen Brief machen sie diese für große Verschmutzungen, belästigende Bettelei, Steine werfende Kinder und sonstige Kriminalität rund um die Lukaskirche verantwortlich. Die Gründung einer Bürgerwehr gegen Sinti und Roma stellt für die Bewohner_innen den Weg dar, um ihrer extreme(n) Feindlichkeit gegen die betreffende Minderheit Ausdruck zu verleihen.

Die LVZ reagierte Ende August auf den offenen Brief der Anwohner_innen mit einem Artikel dessen Untertitel „Zoff um Sinti und Roma“ die Meinung vorzugeben scheint. Zwar wird Quartiersmanager Schirmer zitiert, der pauschale Schuldzuweisungen an bestimmte Gruppen zurückweist, doch bleibt die Tatsache bestehen, dass die LVZ nicht in der Lage ist, den Brief und die Bürgerwehr zu kritisieren. Es erscheint der LVZ eine gerechtfertigte und diskutierbare Forderung der Anwohner_innen zu sein, eine in Selbstjustiz handelnde Bürgerwehr gründen zu wollen, welche auf vorurteilbehaftetem Handeln und Agieren gegen eine Minderheit basiert und mit Sicherheit nicht die angesprochenen Probleme des Viertels lösen würde.

Zum wiederholten Mal beweist die LVZ eine unreflektierte Meinungswiedergabe, welche keinerlei Versuch unternimmt, Kritik klar zu formulieren und das Problem in Volkmarsdorf beim Namen zu nennen: Antiziganismus! Ganz nebenbei steht im Artikel der LVZ die Aussage der Polizei, die klar macht, dass in Volkmarsdorf weder die Kriminalitätsrate besonders hoch, noch die verübten Straftaten an einer Gruppe Sinti und Roma fest zu machen seien. Warum die Anwohner_innen sich so sicher sind, es handele sich bei den Verursachern von Sachschäden und kleineren Diebstählen um ausgerechnet die Minderheit der Sinti und Roma in diesem Stadtviertel, geht weder aus dem offenen Brief noch aus Artikeln in der LVZ hervor.

Vorhersehbar war, dass die NPD auf das gesattelte Ross aufspringt und den, sich von der Stadt und Polizei allein gelassen fühlenden, Deutschen ihre Unterstützung zusagt. An den NPD- Stadtrat Rudi Gerhardt seien angeblich Anwohner_innen persönlich herangetreten, um die Angelegenheit in den Stadtrat zu tragen. Aussagen von Anwohner_innen zufolge sei nicht nur das öffentliche Verhalten der Sinti und Roma auffällig, sondern auch das selbstständige Schlachten von Tieren in der Wohnung mit anschließender Innereien-Entsorgung „einfach auf der Straße“. Es war nicht anders zu erwarten, dass die NPD in ihrem Artikel rassistische und antiziganistische Vorurteile aufgreift und natürlich auch davon ausgeht, dass die „Damen und Herren Sinti und Roma“, die, wie die NPD bedauert „aus Gründen der politisch korrekten Sprachregelung“ nicht mehr „Zigeuner“ genannt werden dürfen, an der Kriminalität in Volkmarsdorf schuld seien.

Stigmatisierungen und Vorurteile dieser Art werden seit Jahrhunderten mit Sinti und Roma in Verbindung gebracht und die Bewohner_innen in Volkmarsdorf sind nicht die ersten vermeintlich braven Bürger_innen, welche alles Übel ihres vernachlässigten Stadtteiles auf eine Gruppe projizieren und damit einer Jahrhundert alten Tradition antiziganistischer Zustände folgen.