Lok Leipzig: Neonazis bei "Trauermarsch" für Verstorbenen

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13.

Mai
2011
Freitag

Ungefähr 200 Fußball-Fans nahmen vor dem Spiel des 1. FC Lokomotive Leipzig gegen den FC Carl Zeiss Jena II an einem "Trauermarsch" für einen verunglückten Lok-Anhänger teil. Der junge Mann kam am 30. April 2011 bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Für den Trauermarsch warben die neonazistische Hooligan-Gruppierung "Blue Caps LE" und die ihnen nahestehende Gruppe "Scenario Lok". Beide haben sich kürzlich zur "Fanszene Lok" zusammengeschlossen. "Scenario" hatte sogar die eigene Internetpräsenz durch ein Logo mit der Aufschrift "Wir stehen zusammen, wir fallen zusammen" ersetzt. Auch die im NPD-Zentrum Odermannstraße beheimatete und mit Stadionverbot belegten "Blue Caps LE" trauerten auf ihrer Internetseite um den Verstorbenen.

Die überwiegend schwarz gekleideten Teilnehmer sammelten sich gegen 18.30 Uhr auf dem Parkplatz am Völkerschlachtdenkmal. Nach einer kurzen Ansprache durch den Versammlungsleiter setzte sich der Aufzug entlang der Prager Straße in Bewegung. An der Spitze trugen vier Männer einen Kranz. Dahinter präsentierte die erste Reihe ein schwarzes Gedenktransparent mit der Aufschrift "Ruhe in Frieden". Einzelne Teilnehmer entzündeten Fackeln.

Das Erscheinungsbild erinnerte stark an Neonazi-Trauermärsche. Unter den Teilnehmenden befanden sich zahlreiche bekannte Leipziger Neonazis, darunter Mitglieder der NPD und ihrer Jugendorganisation JN. Gegenüber Außenstehenden erweckte der Aufzug einen bedrohlichen Eindruck.

Wie eine Kleine Anfrage des Grünen-Landtagsabgeordneten Miro Jennerjahn ergab, setzte der 1. FC Lokomotive an diesem Tag die bestehenden Haus- und Stadionverbote nicht durch. Dies sei nach Angaben der Staatsregierung auf Bitten des von Land, Kommune und DFB finanzierten Fanprojektes geschehen. Fanprojektleiter Udo Überschär weist die Vorwürfe auf Nachfrage von chronik.LE jedoch von sich: Seitens des Fanprojekts sei darauf keinesfalls hingewirkt worden. Von Vereinsseite heißt es, dass "den Behörden wohl bewusst gewesen sein muss, dass an diesem Marsch auch Personen teilnehmen würden, die beim 1. FC Lokomotive Leipzig Haus- bzw. Stadionverbot haben".

Nach Angaben eines Vereinsvertreters sei in der Sicherheitsberatung vor dem Spiel der Wunsch an den Verein heran getragen worden, an jenem Tag auch Personen den Zutritt zum Stadion zu erlauben, die eigentlich Haus- bzw. Stadionverbot haben - um deeskalierend zu wirken.

Nach Angaben des Vereins Lokomotive Leipzig hätten "sechs bis acht Personen der Gruppierung Blue Caps bereits seit 2007" Haus- bzw. Stadionverbot. Darunter sei auch der ehemalige NPD-Landtagsmitarbeiter Enrico B., eine der Hauptperson bei den "Blue Caps". Weiterhin schätzt der Verein die Gruppierung "nach wie vor als gefährlich" ein, daher werde versucht, "das Auftreten als Gruppierung im Zusammenhang mit dem FC Lok Leipzig" zu unterbinden.

Warum nun den Neonazis ausgerechnet bei einem solchen Trauermarsch Mitwirkung und Stadionzutritt ermöglicht worde, ist noch unklar – und auch, wer dafür verantwortlich ist.