LVZ protegiert rassistische Äußerungen

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26.

August
2010
Donnerstag

Am 30. August veröffentlicht Thilo Sarrazin (SPD) sein Buch "Deutschland schafft sich ab". Bereits im Vorfeld entspannte sich eine heftige Kontroverse um die rassistischen und antisemtischen Äußerungen Sarrazins. Die Leipziger Volkszeitung stellt sich dabei schützend vor das Bundesbank-Vorstandsmitglied und verharmlost seine Thesen als "unbequeme Wahrheiten".

Am Donnerstag den 26.08.2010 erscheinen in der LVZ zwei Beiträge zu Thilo Sarrazins Buchprojekt, in denen Befürworter der menschenfeindlichen und rassistischen Äußerungen Sarrazins aufgeboten werden (Sarrazin hatte in Interviews im Vorfeld von "Judengenen" gesprochen und verwendet in seinem Buch biologistisch-rassistische Argumentationsmuster). Beispielsweise wird der Präsident des Sächsischen Handwerkstages (sicherlich ein ausgewiesener Integrationsexperte) mit den Worten zitiert: "Es ist gut, dass einmal Klartext und nicht immer nur um den heißen Brei geredet wird". LVZ-Redakteur Thilo Boss spricht in einem Leitartikel auf Seite 1 anerkennend von einer zulässigen "Provokation", von einem "Querdenker" mit "streitbaren Thesen". Deutschland müsse sich im Jahre 2010 trotz der dunklen Geschichte mit einem unbelasteten Verständnis von Diskriminierung auseinander setzen. Die Muslime, die sich "jetzt mal wieder" von Sarrazin "brüskiert" fühlen, sollen sich gefälligst nicht so haben.

Am Folgetag veröffentlich die LVZ gar ein Interview mit Udo Ulfkotte, einem national-konservativem Autoren des Kopp-Verlages. In der Print-Version, sowie in Langfassung auf der Webseite bietet die LVZ Ulfkotte ein Forum für die Verbreitung seiner unerträglichen rassistischen und populistischen Behauptungen, die deutlich weiter gehen als Sarrazins Thesen. Verschwörungstheoretisch konstruiert Ulfkotte dort eine billionenschwere „Integrations- und Migrationsindustrie“ herbei, die unterstützt durch „eine Schar von naiven Politikern“ „ausschließlich für Zuwanderer“ arbeite. Er spricht von angeblich verheerenden Auswirkungen für die „ethnisch deutsche“ Bevölkerung und setzt Einwanderung – die er als skrupellosen Import von Migranten bezeichnet – mit der Verabreichung von „Gift“ an die „Einheimischen“ gleich. Demokratischen Politiker_innen wird unterstellt, unter Zuhilfenahme von Migrant_innen gezielt Wohlstand und Werte der Deutschen zu vernichten, wobei der „Wille der Bevölkerung […] mit Füßen getreten“ und „für anormal erklärt“ werde. Widerspruch vom Interviewer der LVZ erfährt Ulfkotte für seine menschenverachtenden Äußerungen nicht. Das Antidiskriminierungsbüro Sachsen fordert die LVZ daraufhin in der folgenden Woche zu einer Rücknahme der Veröffentlichung des Interviews auf LVZ-Online auf.

Am Sonnabend, den 28.08.2010 veröffentlich die LVZ das Ergebnis einer telefonischen TED-Umfrage zum Thema. Die tendenziöse und unkritische Berichterstattung hat ihren Dienst getan. 99% der Anrufenden waren der Meinung, Sarrazin habe mit seinen rassistischen und antisemitischen Thesen Recht. Die Leserbriefe der folgenden Tage bestätigen das hohe Maß an Intoleranz und diskriminierenden Einstellungen gegenüber Migrant_innen. Ein Schreiben des Vorsitzenden der „Freien Bürgerstimme Baden“, eines weit außerhalb des LVZ-Einzugsgebiets ansässigen neurechten Vereins, zeigt, für welche Diskurse die LVZ-Berichterstattung Anschlüsse bietet. In der Rubrik „Lesertelefon“ sprechen Anrufer_innen von einer „unberechtigten Hetze gegen Sarrazin“, für den sie stattdessen „Respekt und Hochachtung“ fordern (4.9.10).

Kritische Stimmen finden dagegen nur zaghaft und sehr spät Eingang in die Berichterstattung der lokalen Monopolzeitung. In einer Stellungnahme des "Forum für Kritische Rechtsextremismusforschung" ist zur Kritik an der LVZ Berichterstattung zu lesen:

"Einmal mehr verliert die LVZ dabei die Grenzen der journalistischen Sorgfaltspflicht aus dem Auge und überschreitet deutlich die Grenzen einer demokratischen Berichterstattung in einer Stadt, in der Rassismus, Diskriminierung und tätliche rassistische Angriffe nach wie vor alltäglich sind.[...] Dass sie nicht erkennt, wie gefährlich ihre undifferenzierte Berichterstattung ist, ist zwar keine Überraschung, bleibt aber ein Skandal und zumindest ein großes Hindernis auf dem Weg zu einer demokratischen Leipziger Stadtgesellschaft."

Auch wenn unterschiedliche Beurteilungen der Hintergründe der Debatte bestehen mögen, haben es sogar konservative deutsche Medien wie die FAZ vermocht, den rassistischen und antisemitischen Gehalt der Sarrazinschen Argumentation offenzulegen und zu kritisieren. Dass die LVZ hierzu nicht in der Lage scheint, offenbart erneut unangenehme Sympathien mit diesem Ideologien der Ungleichwertigkeit.

Quelle: 

LVZ vom 26.08.2010, LVZ vom 27.08.2010, LVZ vom 28.08.2010