Naunhof: Mann fast zu Tode geprügelt

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3.

Juni
2016
Freitag

Gegen 22:30 Uhr bewegen sich Maik E. und drei weitere Männer in Richtung eines Naunhofer Einkaufsmarktes, als sie in der Ladestraße einen Rettungswagen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) erblicken. Im Prozess sagt einer der Männer aus, sie seien neugierig gewesen, was passiert sei und haben sich daher in Richtung des Rettungswagens bewegt.

An diesem kümmern sich zwei Rettungssanitäter um den stark alkoholisierten und bewusstlosen Michael S., der auf einer Trage liegt. Als Maik E. den Mann auf der Trage sieht, will er in diesem einen vermeintlichen Drogendealer wiedererkannt haben und greift ihn an. E. drängt die Rettungssanitäter zur Seite und schlägt und tritt auf den wehrlosen Michael S. ein. Die Rettungssanitäter sagen später aus, dass der Angriff 20 bis 30 Minuten gedauert habe und sich gegen den Oberkörper und Kopf des Opfers richteten. Einer der Rettungssanitäter erklärt während der Verhandlung: "Da dachte ich, das war es." Und weiter: Maik E. sei „sehr brutal und aggressiv vorgegangen. Wir hatten keine Chance, an das Opfer zu kommen. Unsere Aufforderungen, endlich aufzuhören, beachtete er gar nicht." Erst mit dem Eintreffen der Polizei lässt er von S. ab und lässt sich widerstandslos festnehmen.

Während des Angriffs soll Maik E. einen Hitlergruß gezeigt und seinen Angriff mit Äußerungen wie "Du vertickst hier keine Drogen mehr an Kinder“ und "Sowas wie Du hat in Deutschland nichts verloren“ kommentiert haben.

Im April 2017 wird Maik E. zu zwei Jahren und elf Monaten Haft wegen gefährlicher Körperverletzung und des Verwendens verfassungsfeindlicher Kennzeichen verurteilt. Ein Tötungsvorsatz wurde aufgrund des Verletzungsbildes seitens des Gerichts angezweifelt. Die Staatsanwältin hatte auf Totschlag plädiert.

Eine politische Tatmotivation - im konkreten sozialdarwinistischen Sinn - ist im Prozess nicht zur Sprache gekommen. Sozialdarwinistisch-motivierte Taten werden selten als solche erkannt. Dieser Fall zeigt dies exemplarisch anhand der medialen Berichterstattung: Die Tat wird rekonstruiert, der Verweis auf den Alkoholpegel des Täters wird erwähnt und durchaus auch der Hitlergruß sowie die Äußerungen gegenüber dem Opfer während der Tat. Es fehlt jedoch jedwede Kontextualisierung und das Interesse, die Absicht hinter der Tat - also die Motivation seitens des Täters - zu hinterfragen. Letztlich wird die Tat entpolitisiert, trotz des Verweises auf die ablehnende Haltung des Täters gegenüber (vermeintlichen) Drogendealer_innen. Die Verlautbarungen von Maik E. während der Tat - "Du vertickst hier keine Drogen mehr an Kinder“ und "Sowas wie Du hat in Deutschland nichts verloren“ - wurden als solche nicht weiter berücksichtigt, obwohl in ihnen das eigentliche Moment der Tat zu erkennen ist.

Maik E. sieht sich als "Vollstrecker des Volkswillens" gegen Menschen, die als nutzlos erachtet werden, da sie in der Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft - ein Denken, das Menschen nach ökonomischen Nützlichkeitskriterien bewertet (zu Verwertungsideologien ein Artikel in den "Leipziger Zuständen 2010", Einleger S. VI) - nicht bestehen können und keinen "Beitrag zur Gemeinschaft" leisten würden. Michael S. ist nach E.s Ansicht kein Teil seiner imaginierten Gemeinschaft: Menschen wie S. haben "in Deutschland nichts verloren". Der verbale Ausschluss legitimiert lediglich die körperliche Gewalt.

Quelle: 

LVZ-Online vom 28.03.2017: "30-Jähriger prügelt sein Opfer in Naunhof von der Trage des Rettungsdienstes"
LVZ-Online vom 05.04.2017: "Gutachter bescheinigt Schläger von Naunhof bei klarem Bewusstsein gehandelt zu haben"
LVZ-Online vom 12.04.2017: "Schläger von Naunhof verurteilt: Zwei Jahre und elf Monate für Körperverletzung und Hitlergruß"