Nazi-Aufmarsch zum "Heldengedenken" in Wurzen

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12.

November
2011
Samstag

Rund 100 Neonazis zogen am Sonnabend ab 17 Uhr unter dem Motto "Ehre, wem Ehre gebührt – Großvater ich bin stolz auf dich!" durch Wurzen. Dabei führten sie Handfackeln, Grablichter, Soldatenporträts und Transparente mit sich. Sammelpunkt war ab 16 Uhr der Jacobsplatz, danach gab es Zwischenkundgebungen auf dem Bürgermeister-Schmidt-Platz und auf dem Markt. Der von nerviger Musik begleite Marsch endete schließlich am so genannten "Kriegerdenkmal", erbaut für die Toten der beiden Weltkriege in der Nähe des Bahnhofs. In den vergangenen Jahren hatten Neonazis ihr "Heldengedenken" stets am so genannten Volkstrauertag zelebriert. Diesmal waren sie auf den Vorabend ausgewichen, möglicherweise als Reaktion auf eine für Sonntag geplante Gedenkaktion des städtischen "Bündnisses für Demokratie gegen Neonazismus".

Der Aufzug war vom stellvertretenden sächsischen NPD-Vorsitzenden Maik Scheffler aus Delitzsch angemeldet worden, als Versammlungsleiter fungierte der Wurzener Mathias König (JN Muldental). Die mitgeführten Transparente stammten vom neonazistischen "Freien Netz" ("Ein Volk ist nur soviel wert, wie es seine Toten ehrt!"), der NPD-Fraktion im sächsichen Landtag ("Ehre, wem Ehre gebührt"), dem Dresdner Aktionsbündnis "Gegen das Vergessen" und dem JN-Stützpunkt Muldental ("Meines Volkes Not, ist Meine Not! Nationaler Sozialismus Jetzt!").

Erwartet hatten die Neonazis 200 Teilnehmer, tatsächlich kamen jedoch etwas weniger als in den Vorjahren. Die LVZ berichtet sogar von lediglich 60-80 Teilnehmern. Laut einem Bericht der Veranstalter beim neonazistischen "Aktionsbüro Nordsachsen" (Teil des "Freien Netzes") war dies "hauptsächlich dem Bundesparteitag der NPD und einer großen Solidaritätsveranstaltung in Sachsen geschuldet". Letzteres bezieht sich auf ein "Soli-Konzert" mit 1.300 Besuchern für den als Kriegsverbrecher verurteileten SS-Hauptsturmführer Erich Priebke im ostsächsischen Rothenburg. Daher hätten sich diesmal "vornehmlich Menschen aus der Stadt selbst und aus der näheren Umgebung" beteiligt.

Zu den Rednern gehörten einschlägige Kader wie Pierre Dornbrach aus Südbrandenburg, Manuel Tripp aus Geithain und der sächsische JN-Chef Tommy Naumann aus Leipzig. Der zuvor auf diversen "Freies Netz"-Seiten sowie der Homepage des JN-Bundesverbandes veröffentlichte Aufruf für das "Gedenken" enthält mehrere geschichtsrevisionistische, antisemitisch und antiamerikanisch konnotierte Behauptungen wie:

"Aber auch wollen wir mahnen, [...] dass genau dieselben Kräfte, welche die Völker Europas damals schon gegeneinander ausspielten, heute wieder Völker 'befreien'." Demonstriert werden sollte demnach u.a. "gegen die 'Geo-Strategen' der Neuen Weltordnung, für die wir alle keine Menschen, sondern lediglich eine Ware sind."

Bereits am Sonntag wurde bei Youtube ein mit "Sachsens heimattreue Jugend" unterzeichnetes Propaganda-Video eingestellt. Dies enthält vor allem Aufnahmen von der Abschlusskundgebung am Denkmal, bei der offen den "Gefallenen" von Wehrmacht, Waffen-SS, "Wehrwolf" und "Volkssturm" sowie den "Opfern" des "alliierten Bomben-Terrors" gehuldigt.

Am Bahnhof gab es am Sonnabend eine antifaschistische Gegenkundgebung, zu der u.a. das "Netzwerk Naunhof" aufgerufen hatte. Diese wurde im Vorfeld von Oberbürgermeister Jörg Röglin (parteilos) in extremismustheoretischer Manier mit den Neonazis auf eine Stufe gestellt:

"Beide Gruppen versuchen, die Stadt Wurzen zum Spielball eigener Interessen zu machen. [...] Wir müssen zeigen, dass wir unsere Stadt nicht schweigend zum Traditions-Treffpunkt derer werden lassen, die Geschichte verwässern und die Verantwortung Deutschlands an den Kriegsverbrechen relativieren und dass wir keine Leipziger Linken brauchen, die uns erklären, wie wir mit Geschichte zu beurteilen haben und mit aktuellen Situationen umgehen müssen."