Nazischläger von Geithain bekommt „noch eine Chance“

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29.

Oktober
2010
Freitag

Fünf Monate, nachdem ein 15-Jähriger in Geithain von dem Nazi Albert R. angegriffen und schwer verletzt worden war, ist am Amtsgericht Chemnitz gegen den Beschuldigten verhandelt worden. Dieser hat eine milde Bewährungsstrafe erhalten.

Zu Beginn der Verhandlung haben sieben Nazis Sitzplätze in der ersten Reihe besetzt. Der Angeklagte selbst erschien mit einem schwarzen Pullover mit der Aufschrift "Volksgemeinschaft. Einer für alle, alle für einen." Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Nebenklage plädierte auf eine Verurteilung des Angeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung.

R., der im Prozess vom Rechtsanwalt Alexander Held (Schmalkalden) vertreten wurde, zeigte sich geständig und richtete mehrere Entschuldigungen an den Betroffenen. Allerdings versuchte er zugleich, seine Tat zu relativieren, indem er behauptete, sein Opfer habe ihn provoziert. Die angebliche Provokation kann im Verlaufe des Verfahrens jedoch nicht erkennbar gemacht werden.

Die anwesenden Nazis störten die Verhandlungen mehrfach, schüchterten auch die Mutter des Betroffenen ein. "Halt's Maul" flüsterten sie in ihre Richtung, als sie dem Anwalt ihres Sohnes etwas zu verstehen geben will.

Albert R. wurde schließlich zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten verurteilt, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung. R. muss zudem einen Anti-Aggressions-Kurs absolvieren und sich in die Obhut einer Suchtberatung und eines Bewährungshelfers begeben. Hinzu kommen 40 Arbeitsstunden, die er bis zum Ende seiner Ausbildung monatlich verrichten muss. Außerdem muss er den Betroffenen finanziell entschädigen. Besonders beeindruckt hat das den Täter offenbar nicht, R. feierte das Urteil wie einen Sieg: nach der Verhandlung wurde er mit seinen Unterstützern an einer Tankstelle gesehen, die Neonazis stießen mit Bier auf den nun wieder freien Gewalttäter an. An der Tankstelle mit dabei: der Geithainer NPD-Stadtrat Manuel Tripp.

Der befand sich schon während der Verhandlung unter den Gesinnungsgenossen des Täters. Später relativierte der Jurastudent Tripp, 2009 auf der Liste der NPD in den Geithainer Stadtrat gewählt, die Tat und verhöhnte das Opfer in einer Twitter-Meldung: „Erstmals hat ein Gericht heute wegen einem(!) Faustschlag auf gefährliche Körperverletzung erkannt - natürlich bei einem Nationalisten!“ Damit spielt er auf die anfängliche Argumentation von Albert R.s Verteidiger an, dass ein Schlag laut BGH-Urteilen für einen Tatvorwurf der gefährlichen Körperverletzung nicht ausreiche.

Das R.s Geständnis ein Anzeichen für tatsächliche Reue ist, darf getrost bezweifelt werden. R. nahm am 6.11. an einer Neonazikundgebung in Döbeln teil und soll sich dort Augenzeugenberichten zufolge an einem Versuch beteiligt haben, eine Polizeikette zu durchbrechen. Keine Woche später, am 14.11., war er schon wieder auf einem Aufmarsch, anläßlich des Volkstrauertages liefen Neonazis durch Wurzen.