Neulich in Leipzig: Menschenverachtende Parolen im Stadion

Druckeroptimierte VersionAls Email versenden

28.

Januar
2018
Sonntag

Die Fankurve ist immer ein Stück Gesellschaft, daher überrascht es nicht, dass sich leider auch im Stadion die Alltäglichkeit menschenverachtender Einstellungen wiederfindet. sei es durch Gesänge oder Tapeten. Diskriminierende Aussagen zur Abwertung des gegnerischen Teams sind im Fußball keine Seltenheit. So auch beim letzten Spiel am 28. Januar zwischen Chemie Leipzig und Energie Cottbus.

Bereits zu Beginn rufen Cottbus-Fans “Ob Ost, ob West, nieder mit der Roten Pest” in Richtung der als links geltenden Chemie-Fans, um klar zu machen, welche politischen Gegensätze[1] hier aufeinander treffen. Im weiteren Spielverlauf kam es jedoch beidseitig zu einer ganzen Reihe an diskriminierenden Äußerungen.

Homosexuellenfeindlichkeit im Gästeblock
Fußball in Deutschland ist ein weithin von Männern dominierter Sport. Damit geht auch eine bestimmte Kultur der Männlichkeit einher, welche häufig mit Härte, Kampfgeist oder Durchsetzungsvermögen assoziiert wird. Da im Fußball neben der sportlichen auch eine verbale Auseinandersetzung üblich ist, kommt es nicht selten vor, dass die gegnerische Seite als besonders “nicht-männlich” dargestellt wird. Die gewünschte Abwertung erfolgt hierbei oft über sexistische oder homosexuellenfeindliche Aussagen und Zuschreibungen.

Als die Ultras von Chemie Leipzig ein Banner mit der Aufschrift “Cottbus, du mieses Stück Scheisse!”[2] entrollen, erwidern Cottbus-Fans dies mit “Schwule, Schwule”-Rufen. Hierbei geht ihnen nicht um die tatsächliche sexuelle Orientierung der gegnerischen Fans, sondern um die vermeintliche Abweichung von der herrschenden und verklärten Vorstellung von heterosexueller “richtiger” Männlichkeit. Die Rufe funktionieren wie ein Code, wonach schwule Menschen schwach, unnormal und vor allem unmännlich seien.

Rassismus und Sexismus auf der Heimtribüne
Doch nicht nur aus dem Fanblock von Energie Cottbus, sondern auch von Chemie-Fans sind an diesem Tag diskriminierende Äußerungen zu hören. So werden kurz vor der Halbzeitpause auf dem Norddamm von einer Person sogenannte “Affenlaute” gerufen. Diese richten sich gegen José Matuwila, ein Schwarzer Spieler von Cottbus, der zuvor aufgrund einer Tätlichkeit vom Platz gestellt wurde. Das rassistische und entmenschlichende Imitieren von Affenlauten ist in Fankurven leider weit verbreitet. Noch in den 1990er Jahren kam es zu Bananenwürfen auf Schwarze Menschen im Fußball.

Im weiteren Spielverlauf bezeichnen Chemie-Fans von der Tribüne aus das gegnerische Team als “Sorbenschweine”. Anspielend auf die geografische Lage von Cottbus, erfolgt mit dem beleidigenden Bezug auf die vermeintliche Ethnie also erneut eine Abwertung mittels rassistischer Denkmuster.

Neben den rassistischen Äußerungen kommt es von Chemie-Seite außerdem auch zu sexistischen Äußerungen in Richtung der Cottbus-Fans. So ruft zum Ende der zweiten Halbzeit ein Großteil der Ultras von Chemie Leipzig: “Warum seid ihr Huren so wenig?”. Wie auch bei den homosexuellenfeindlichen Äußerungen der Cottbusser Fans, spielt der Begriff hier nicht etwa auf die vermeintliche Tätigkeit als Sexarbeiterin[3] an, sondern dient ausschließlich der sexistischen Herabwürdigung.

Die Bezeichnung ‘Hure’ ist in diesem Kontext moralisch stark aufgeladen und transportiert ein konservatives, antifeministisches Bild von Frauen und Sexualität. Demnach gebe es “gute“ Frauen, die monogam leben und sich anständig benehmen, und “böse” Frauen, die unanständig/unehrenhaft sind, weil sie Sex mit vielen Personen haben und damit Geld verdienen. Wofür Frauen in sexueller Hinsicht als unrein markiert und als ‘Huren’ oder ‘Schlampen’ bezeichnet werden, bekommen Männer wiederum Anerkennung: Bei ihnen gilt es als heldenhaft, wenn sie mit möglichst vielen Frauen Sex haben.

Ein Stadion für alle?
Mit dem Spielende werden die beiden Teams verabschiedet. Dabei anwesende Medienvertreter_innen werden schließlich noch von Cottbusser Fans mit “Lügenpresse” beschimpft. Dieser Slogan wurde während des Nationalsozialismus zur Denunziation von Kritiker_innen der Nazis genutzt und erfährt seit einiger Zeit bei rechten Versammlungen eine neue Konjunktur.

Es war ein Spiel, das von einer Vielzahl an menschenverachtenden und abwertenden Äußerungen durchzogen war. Mit homosexuellenfeindlichen, rassistischen und sexistischen Parolen wurde Fußball und das Stadion erneut als weißer, heterosexueller und “männlicher” Raum markiert, in dem Menschen, die diesem Bild nicht entsprechen, keine Position haben.

________________________________________________________
[1] Im Vorfeld kündigten Fans des FC Energie Cottbus an “Connewitz in Schutt und Asche legen” zu wollen.
[2] Mit dem Banner lehnen die Fans sich an eine Aktion von TOP Berlin (“Deutschland, Du mieses Stück Scheisse!”) an, um sich damit gegen die rassistischen Angriffe und Aufmärsche in Cottbus zu positionieren.
[3] Seit den 1970/1980er Jahren eigneten sich Sexarbeiterinnen den Begriff ‘Hure’ an; er wird seitdem als selbstbewusste und positive Selbstbezeichnung genutzt. Der Begriff 'Sexarbeiterin' wird ebenfalls verwendet und betont, dass sexuelle Dienstleistungen eine Form der Erwerbsarbeit sind.

Quelle: