Neulich in der LVZ: Brutaler "Ausländer" mit "schwarzen Haaren" und ein "polnischer Ladendieb"

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7.

Januar
2010
Donnerstag

Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) kann es einfach nicht lassen: Wenn die Polizei in ihrer täglichen Presseinformation die (mutmaßliche) Nationalität eines Tatverdächtigen erwähnt, übernimmt die Lokalredaktion das in der Regel penibel. Auch dann, wenn dies nichts zum Verständnis des Vorfalls beiträgt und nicht hilfreich für die Fahndung nach Tatverdächtigen ist.

So etwa in einer Meldung vom 7. Januar 2010 über einen brutalen Raubüberfall in der Nacht von Montag zu Dienstag in der Innenstadt. Die beiden Täter haben ihr Opfer, eine 39-jährige Frau, mehrfach ins Gesicht geschlagen, sie getreten, ihr Ohrringe, Kette, Handtasche und Jacke entrissen und sie schließlich verletzt liegengelassen. Einer der Täter, heißt es bei Polizei und LVZ, war ein "1,80 Meter großer Deutscher", der andere ein "ebenso großer Ausländer". Woran das Opfer dies erkannt hat - Aussehen, Sprache oder Personalausweis -, wird nicht mitgeteilt. Stattdessen heißt es, der "Ausländer" sei etwa 30 Jahre alt und habe "schwarze Haare in Form eines Igelschnitts" (zum vermutlich deutschen Täter werden keine weiteren Informationen preisgegeben). Während dies konkrete Hinweise sind, hilft die vage Identifizierung als "Ausländer" kaum bei der Suche nach dem Verbrecher, hätte also nicht erwähnt werden müssen.

In derselben Ausgabe der LVZ findet sich außerdem ein Bericht über einen nicht ganz so gravierenden Vorfall: Am Dienstag haben die Angestellten eines Drogeriemarktes einen Mann dabei ertappt, wie er versuchte, zwei Cremedosen zu stehlen. Als sie ihn zur Rede stellten, beschimpfte er die beiden Frauen und flüchtete noch vor dem Eintreffen der Polizei. Die Besonderheit: Die Beschimpfungen wurden teilweise auf polnisch geäußert, was nach Ansicht der LVZ "den Kreis der Verdächtigen etwas einschränkte". In der Polizeimeldung heißt es sogar, dass es sich aus diesem Grund "bei dem Dieb um einen Ausländer handeln muss". Dem muss zwar nicht so sein (vielleicht stammt der Mann aus Polen, hat aber inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft - oder er mag nur polnische Flüche), trotzdem ist der Hinweis auf die Sprache zusammen mit der weiteren Personenbeschreibung (35-40 Jahre, 170 Meter groß und dicklich) in diesem Fall tatsächlich hilfreich für die Suche nach dem entwichenen Creme-Dieb. Verwunderlich allerdings, dass die LVZ weitere Angaben aus der Polizeimeldung (kurze, braune Haare, schwarze Oberbekleidung und schwarze Hose, führte Tüte bei sich) weggelassen hat, obwohl diese möglicherweise auch zu seiner Identifizierung beitragen würden. Vermutlich fand der/die verantwortliche Redakteur_in es einfach amüsanter, das Klischee vom "klauenden Polen" zu bedienen.

Die nicht-sachgerechte Verknüpfung von Kriminalität mit nicht-deutscher Herkunft fördert und festigt bestehende rassistische Vorurteile in der Bevölkerung über "Ausländer". Der Pressekodex des Deutschen Presserates verlangt daher: "In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte." (Richtlinie 12.1 des Pressekodex)

Der geforderte "begründbare Sachbezug" bei der Nennung von ethnischer oder nationaler Zugehörigkeit fehlt in den Artikel der LVZ über Kriminalität häufig. Wegen der pauschalen, ethnisierenden Berichterstattung über den so genannten "Disko-Krieg" hatte das Antidiskriminierungsbüro Sachsen (ADB) Ende 2007 beim Presserat eine Beschwerde über die LVZ eingereicht, die dieser jedoch im April 2008 ablehnte. Siehe zur Kritik an der Zeitung in diesem Zusammenhang auch: Kontext und Bedeutung von »Leipzig toleriert… ein Zentralorgan« des Projekts "Leipzig-Aufsehen!".

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