"Ostdeutschland, Naziland": Hallenfußball-Turnier in Beilrode

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8.

Januar
2011
Samstag

Bei einem Hallenfußballturnier des sächsischen Fußball-Verbandes in Beilrode riefen ca. 40 vermummte Personen Parolen wie "Ostdeutschland, Naziland" und "Meine Eltern wählen die NPD" sowie "Juden raus", während der Leipziger Fußballverein Roter Stern sein erstes Spiel bestritt. Nach dem Spiel äußerte der Turnierleiter Eberhard Sowa, Funktionär im Leipziger Fußballverband, über das Hallenmikrofon, er verbäte sich die "Juden-raus"-Rufe, schließlich sei man nicht "in Judenland". Die Polizei verwies nach eigenen Angaben 36 Personen des Platzes und leitete Verfahren wegen verfassungsfeindlicher Parolen ein.

Seit der antirassistisch und antifaschistisch auftretende Verein Roter Stern Leipzig (RSL) 2009 in den Leipziger Bezirk aufgestiegen ist, erscheinen regelmäßig neonazistische Gruppierungen zu den Auswärtsspielen. Nach den gewalttätigen Übergriffen auf Fans und Spieler des Vereins in Brandis im Oktober 2009 wird jede Auswärtsfahrt des Roten Sterns von einem größeren Polizeiaufgebot abgesichert.

Damit einher geht die Wahrnehmung, der Leipziger Verein sei "mitschuld" am Auftreten der Neonazis. Entsprechend werden Äußerungen und Transparente, die sich gegen das Auftreten von Neonazis und diskriminierendes Gedankengut richten, als "Provokation" wahrgenommen. Augenzeug_innen berichten, dass sich der Turnierleiter Eberhard Sowa ganz in diesem Sinne auch mehrfach an die Fans des Roten Sterns richtete und ebenfalls mit Räumung durch die Polizei drohte. So hatte Sowa vor Turnierbeginn bekannt gegeben, dass es nicht erlaubt sei, Transparente aufzuhängen - um "Provokationen zu vermeiden". "Provokant" wäre auch in dem Fall eine deutliche Positionierung gegen neonazistisches Gedankengut gewesen. Als die Anhänger_innen des RSL andeuteten, wieder abreisen zu wollen, gestattete die Turnierleitung zwei Transparente.

Zur "Normalität" der Auswärtsfahrten des Vereins gehört auch, dass die Fans der "Sterne" in extra abgesperrte Bereiche geleitet werden. So auch in Beilrode: Für das sechsstündige Turnier in der "Ostelbien"-Halle war ein 15 Meter langer und zwei Meter breiter Gang für die 70 RSL-Fans durch einen Zaun vom Rest der Halle abgetrennt worden, wo sich die etwa 100 Anhänger_innen der anderen Vereine aufhielten.

Im Nachgang des Turniers entschuldigte sich der Sächsische Fußballverband (SFV) mit einem Brief bei allen anwesenden Vereinen für die "Unannehmlichkeiten" und bedankte sich für das "...verantwortungsvolle und entschlossene Verhalten aller Vereins- und Verbandsfunktionäre". Der SFV betont in dem Brief, entschlossen gegen "rechtsextremes" Gedankengut vorgehen zu wollen, da dieses innerhalb der "Fußballfamilie" nichts zu suchen habe. Vertreter_innen des Vereins Roter Stern Leipzig erkennen in diesem Brief ein neues, weil erstmalig eindeutiges Zeichen seitens des Verbandes, gegen Diskriminierung und Neonazismus vorgehen zu wollen.

Beilrode liegt nur wenige Kilometer entfernt von der großen Kreisstadt Torgau, wo Ende 2009 ein "Stützpunkt" der NPD-Nachwuchsorganisation JN gegründet wurde. Auch unter den anwesenden Neonazis befanden sich Personen aus dem Umfeld der "Freien Kräfte" und der JN aus Torgau und Borna.