Sexistische Ausfälle gegen die Rektorin der Uni Leipzig

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5.

Juni
2013
Mittwoch

Im sozialen Netzwerk Facebook wurde am Mittwoch eine Gruppe gegründet, die den Rücktritt von Beate Schücking vom Posten der Rektorin der Universität Leipzig fordert. Die Gruppenseite dient einerseits als öffentliches Forum, in dem gegen antidiskriminierenden Sprachgebrauch gehetzt wird. Gleichzeitig finden sich aber auch zahlreiche sexistische Beleidigungen, die sich gegen die Rektorin selbst richten. Anlass für die Auseinandersetzung ist eine Änderung der Grundordnung der Universität, die der erweiterte Senat Mitte April mehrheitlich beschlossen hatte, und die Anfang Mai vom Rektorat bestätigt wurde.

In der Neufassung der Grundordnung wird durchgehend das generische Femininum verwendet. Dass heißt, zur Bezeichnung unbestimmter Gruppen und Einzelpersonen wird immer die weibliche Form verwendet (zum Beispiel "die Professorinnen der Universität"). In einer Fußnote zu Beginn des Textes wird darauf verwiesen, dass die Formulierung männliche Personen ebenfalls mitumfasst.

Stimmen aus den Medien und sozialen Netzwerken

Nachdem Zeitungen auf dieses Detail der neuen Grundordnung öffentlich aufmerksam machten, brach in den Kommentarspalten der Online-Medien sowie in Blogs und sozialen Netzwerken ein Sturm der Entrüstung von zumeist männlichen Usern los. Dazu trug unter anderem auch der falsche Eindruck bei, die Änderung der Personenbezeichnung im Einzeltext der Grundordnung würde gleichzeitig eine Änderung in sämtlichen anderen Bereichen des Universitätslebens zur Folge haben.

Die Anrede "Guten Tag, Herr Professorin" zierte den Titel eines Artikels auf Spiegel-Online, der den Stein ins Rollen brachte. Die neurechte Publikation "Blaue Narzisse" behauptete kontrafaktisch: "Die Uni Leipzig verwendet künftig in offiziellen Schreiben nur noch die weibliche Bezeichnung, also »Rektorin« statt wie früher »Rektor/Rektorin«. Alle männlichen Professoren sind also jetzt Professorinnen." Außerdem schlug der Autor Felix Menzel vor, der Rektorin eine auf dem Blog offerierte Postkarte mit dem Spruch "Ganz normal heterosexuell" zu schicken.

In einem Kommentar unter diesem "Blaue Narzisse"-Artikel wurde auch auf die eingangs erwähnte Facebook-Gruppe mit der Rücktrittsforderung an die Rektorin hingewiesen. Binnen weniger Tage konnte diese Gruppe mehr als 1500 "Likes" verbuchen. Gruppenmitglieder posten seitdem regelmäßig allgemeine Beleidigungen gegen die Universität, vor allem aber höchst sexistische Beleidigungen gegen die Rektorin selbst. Grundtenor ist dabei eine diffamierende Infragestellung von Schückings Kompetenz als Frau oder ihres Geschlechts insgesamt. Es scheint, als müsse Schücking als Frau an der Spitze der Bildungseinrichtung die Entscheidung allein vertreten. Der Umstand, dass sie lediglich einen Mehrheitsbeschluss des erweiterten Senats bestätigte, wird geflissentlich ignoriert.

Die Heftigkeit der Anfeindungen lässt die Vermutung zu, dass aus Sicht der aufgeregten Kommentator_innen durch den Beschluss der Universität der Untergang der männlichen Dominanzkultur in der Gesellschaft unmittelbar bevorsteht. Andernfalls ist es nicht erklärlich, warum ihnen soviel an einem verwaltungsinternen Dokument liegt, von dessen Existenz sie bis vor wenigen Tagen keinerlei Notiz genommen haben dürften.

Stimmen aus der Universität

Das Echo zum tatsächlichen Inhalt der Kontroverse, dem Gebrauch des generischen Femininums als aktive Sprachpolitik für mehr Geschlechtergleichberechtigung, ist indes auch an der Universität geteilt. Während die Rektorin die Entscheidung öffentlich mit dem Hinweis auf den Frauenanteil an der Universität verteidigt, meldete sich der Juraprofesser Bernd-Rüdiger Kern bei Spiegel-Online als Kritiker der Sprachregelung zu Wort. Kern war in der Vergangenheit bereits durch sprachliche Diskriminierungen von linken StudentInnen aufgefallen. Der Dekan der Jurist_innen-Fakultät, Professor Christian Berger, veröffentlichte zudem eine Erklärung, in der er im Pluralis Majestatis versichert: "Wir missbilligen den Beschluss des Senats." Unnötigerweise heißt es weiter: "Wir werden ihm nicht folgen. Kein männlicher Student der Juristenfakultät Leipzig muss damit rechnen, als 'Studentin' angesprochen zu werden." Auch diese Erklärung wurde beim "Blaue Narzisse"-Blog wohlwollend aufgenommen.

"Die Irritation, die sich anhand der neuen Grundordnung entwickelt hat, bringt den Vorteil mit sich, dass bestehende Geschlechterungleichstellungen thematisiert werden", heißt es in einer Pressemitteilung des Student_innenrates der Universität. Gleichzeitig kritisiert die Stura-Referentin für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik die dabei transportierten sexistischen und diskriminierenden Voruteile sowie die persönliche Diffamierung der Rektorin: "Dass die Diskussion um geschlechtergerechte Sprache derart personalisiert und undifferenziert verläuft, beweist, dass die Kritiker_innen weder Interesse an der Grundordnung der Uni noch an dem Thema der gendersensiblen Sprache haben. Stattdessen fallen sie vor allem durch eine patriarchal gefärbte und sexistische Polemik auf."

Weitere Informationen

Für mehr Informationen zum Thema Sexismus und diskriminierungsfreier Sprachgebrauch verweisen wir auf das chronik.LE-Dossier: How to talk about... Plädoyer für einen nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch