Sharing-Pic-Aufruf der AfD gegen Covid-Schutzmaßnahmen

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15.

Juni
2020
Montag

In Eilenburg ruft die AfD am Montag Abend zu einer Kundgebung auf dem Eilenburger Marktplatz auf. Der Aufruf, der in sozialen Medien als Sharing-Pic vebreitet wird, ist dabei zusammengesetzt aus agitatorischen Elementen (Leo Löwenthal, "Falsche Propheten", 1982) und nimmt durch die Datierung klar Bezug zu den historischen Montagsdemonstrationen in den späten 1980er Jahren. Offensichtlich richtet sich die Veranstaltung gegen die Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Covid-19-Virus, die seit März 2020 in verschiedener Ausprägung deutschlandweit und international das öffentliche Leben beeinflussen.

Leo Löwenthal bemerkte in den 1940er und 1950er Jahren, dass in den USA in der "Mitte der Bevölkerung" eine Reihe von Personen offensichtliche Sympathie und Bewunderung für die Nationalsozialisten hegten und dies öffentlich bekundeten. Das war ihm Anlass, zu untersuchen wie die politische Agitation dieser faschistischen Personen funktionierte. Er war interessiert daran, wie "die zeitgenössische Propaganda-Manipulation" funktioniere, aus welchen Elementen die Agitation bestand. Was Leo Löwenthal an politischen Reden analysierte lässt sich, wenn man die Komplexität reduziert, auch am Sharing-Pic der AfD aufzeigen, nämlich, dass dieses Bild manche der Elemente faschistischer Agitation enthält.

Neben gewöhnlichen Text-Angaben, die die Leser_innen gezielt informieren (Uhrzeit, Ort) wird mit dem Ausspruch "Wir lassen uns den Mund nicht verbieten!!!" sowie dem dreifachen Ausrufezeichen suggeriert, man würde politisch unterdrückt und handlungsunfähig gehalten, setze sich aber nun, also genau in diesem Moment, zur Wehr. Das dreifache Satzzeichen unterstreicht einen aggressiven, entschlossenen und kämpferischen Charakter. Als Hintergrund wird das Bild eines Grundgesetzes verwendet, das kraftvoll wie ein massiver Fels in's Bild ragt. Daran hängt eine Mund-Nasen-Bedeckung mit AfD-Logo. Beides zusammen, die abgenommene und aufgehängte Maske, die quasi den "zivilen Ungehorsam" ausgedrückt und die Gewalt des Grundgesetzes sollen den Anlass, die "aktuelle Situation" darstellen, die als Text explizit implizit bleibt. Als Aufruf sagt der Text nämlich lediglich aus, das es sich um "einen Spaziergang und eine Kundgebung zur aktuellen Situation" handele. Das agitatorische, das manipulative daran ist nun, dass der Anlass einerseits sehr konkrete affektive Reaktionen auslöst - jede und jeder meint, sich vorstellen zu können, was genau "die aktuelle Situation" sei. Dadurch bleibt genug Spielraum, um möglichst viele unterschiedliche individuelle Assoziationen hinter einem Aufruf zu mobilisieren. Gleichzeitig wird sehr vage gehalten, was genau gemeint ist. Die implizite Bedrohung, die affektiv ausgelöst wird - der Mund würde "verboten", doch man setze sich souverän zur Wehr - bleibt so vage, dass die Bedrohungssituation umso bedrohlicher wirkt, weil sie so allgemein scheint. Wenn man nun die Arbeiten Löwenthals als renommierten Literatursoziologen des 20. Jahrhunderts beachtet, dann lässt sich sagen, dass der historische Faschismus des 20. Jahrhunderts ähnlicher manipulativer Mittel bediente, um Massen zu mobilisieren.

Leo Löwenthal untersuchte als zeitweiliges Mitglied des Instituts für Sozialforschung in Deutschland und in den USA faschistische Reden und faschistische Literatur. In "Falsche Propheten" befasst er sich mit der politischen Psychologie des Autoritarismus.

Quelle: 

chronik.LE