Verstoß gegen Pressekodex: LVZ verknüpft Erwerbslosigkeit mit einer Sexualstraftat

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9.

Dezember
2014
Dienstag

Laut der Richtlinie 12.1 des Pressekodex des Presserates, der eine diskriminierungsfreie Berichterstattung bei Straftaten einfordert, darf "niemand (...) wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden." Gemäß der Vorgabe darf "in der Berichterstattung über Straftaten [nur dann] die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten (...) erwähnt [werden], wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte." Der Presserat will damit auf Journalist_innen und Medienschaffende sensibilisierend einwirken und ihnen mögliche Konsequenzen ihrer Berichte aufzeigen.

Gegen jene Vorgabe hat die LVZ mit einem Artikel vom 09.02.2014 verstoßen. In dem Bericht über eine Sexualstraftat verknüpft der Autor den sozialen Status des Angeklagten mit der ihm vorgeworfenen Tat. Der Redakteur greift in seinen Ausführungen zum Prozesstag sowie den bisherigen Ermittlungen auf Zuschreibungen zurück, die den Beklagten als "Arbeitslose[n]" und "Hartz-IV-Empfänger" einführen sowie darstellen.

Aus den Schilderungen des Reporters wird jedoch nicht ersichtlich, wie die Straftat mit der vermeintlichen Erwerbslosigkeit des Beschuldigten bzw. dessen Bezug von Leistungen nach SGB II in Verbindungen stehen. Vielmehr werden Zuschreibungen bei Leser_innen aktiviert, die Erwerbslose bzw. SGB-II-Bezieher_innen stigmatisiert, als soziale Gruppe zusammenfasst und abwertet. In der Kommentarspalte zum LVZ-Artikel bestätigt die_der Nutzer_in "Ordnungsfanatiker (original)" genau jenes:

Ein Arbeitsloser aus Grünau. Danke, mein Feindbild ist jetzt wieder frisch.

Die Schilderungen des Journalisten eröffnen daher eine Perspektive, nach der ein Erwerbstätiger bzw. eine Person, die nicht auf s.g. "Hartz IV" angewiesen ist, jene Straftat nicht begangen hätte bzw. hätte begehen können. Jedoch ließe sich fragen, wie diese Vermutung zustande käme? Möglicherweise verbirgt sich dahinter eine Projektion, nach der die imaginierte Gemeinschaft der Produktiven und Arbeitswilligen zu einer solchen Tat - oder generell zu Straftaten - nicht fähig bzw. zeitlich nicht in der Lage sei.

Quelle: 

LVZ-Online vom 09.12.2014: "Grünauer gesteht vielfachen sexuellen Missbrauch: "Er hat nie Nein gesagt""; LVZ vom 17.12.2014: "Ziehsohn missbraucht: Dreieinhalb Jahr" (S.18)