Wurzen: Nazis und Stadt im "Trauerwettbewerb"

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15.

November
2009
Sonntag

Am Sonntag zwischen 18 und 21 Uhr führten ca. 180 Neonazis in Wurzen ein "Heldengedenken" durch. Sie knüpften damit an die nationalsozialistische Umdeutung des 1919 eingeführten "Volkstrauertages" an. Die Veranstaltung wurde von Tommy Naumann angemeldet, Stützpunktleiter der NPD-Nachwuchsorganisation JN in Leipzig und JN-Chef in Sachsen. Die Veranstaltung wurde auch vom "Aktionsbüro Nordsachsen" beworben. Demnach seien JN- und NPD-Nazis sowie "freie Kräfte" aus Nordsachsen und Leipzig beteiligt gewesen.

Vorher lud Bürgermeister Rögelin alle "demokratische Kräfte" (LVZ vom 13.11.) zum Gefallenendenkmal auf dem Alten Friedhof, um "den Opfern von Krieg und Gewalt" zu gedenken. Auch hier konnten circa fünfzehn Anhänger der neonazistischen NPD ihre Kränze niederlegen. Anschließend erinnerten die Teilnehmenden mit Fotos und Dokumenten an die Gefallenen des ersten Weltkrieges, in einigen Reden wurden auch die Kriegs-Opfer "aller Länder" gewürdigt. Gemeindepädagoge Winkelmann widersprach auch der neonazistischen Deutung der Gefallenen als Helden: Es seien meist junge Männer gewesen, denen nicht bewusst war, wofür sie ihr Leben ließen, zitiert ihn die LVZ. Unter den Besuchern der Gedenkveranstaltung befanden sich die ganze Zeit über die NPD-Stadträte Wolfgang Schroth und Marcus Müller. Erst gegen Ende der Veranstaltung versuchte Gemeindepädagoge Winkelmann, die NPD-Kader mit Verweis auf das Hausrecht auszuschließen. Schroth beharrte jedoch darauf, an der Veranstaltung teilnehmen zu dürfen. Augenzeug_innen berichteten, dass nun auch Vertreter_innen von Stadt und Behörden hilflos wirkten. Daraufhin verließen alle Teilnehmenden außer den NPD-Kadern das Zelt, in welchem eigentlich noch der Antikriegsfilm "Im Westen nichts Neues" gezeigt werden sollte. Erst nachdem Polizeikräfte die NPD-Kader zum Verlassen der Veranstaltung aufforderten, verließen diese das Zelt.

Wie die LVZ am 14.11. berichtete, hieß es aus der Kreisverwaltung, dass ein Verbot der NPD-Aktion denkbar und juristisch möglicherweise durchsetzbar gewesen wäre, hätte die Stadt ihre Veranstaltung zur gleichen Zeit wie die NPD anberaumt. Bereits in den letzten Jahren führten Neonazis in Wurzen Aufmärsche am Volkstrauertag durch. Erst 2008 marschierten ca. 100 Neonazis mit Trommeln und Fackeln durch Wurzen. Damals kündigte OBM Rögelin an, "einen solchen Spuk" nicht wieder zuzulassen.

Quelle: 

LVZ Muldental vom 13., 14./15 und 16.11.2009, NDK Wurzen