Redebeitrag auf der Demonstration "Faschist*innen das Fürchten lehren"

Redebeitrag Demonstration 31.10.2017

Hallo liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten, vielen Dank für die Gelegenheit, auf dieser schönen Demonstration unser Projekt chronik.LE vorstellen zu können!

Wie betreiben die Internetplattform www.chronikLE.org – also „Chronik“ wie Chronik und dann die zwei Buchstaben „LE“ für Leipzig und als Endung „.org“ → „ork“ wie die Grunzmonster aus Herr der Ringe.

Auf dieser Seite dokumentieren wir faschistische, rassistische und andere diskriminierende Ereignisse in und um Leipzig. Also Vorfälle und Handlungen, mit denen gegen die Gleichwertigkeit von Menschen verstoßen wird – von neonazistischen Übergriffen bis hin zu Propaganda-Aktivitäten. Wir versuchen auch, Fälle von sog. Alltagsrassismus (oder -antisemitismus) sowie Sozialchauvinismus – z.B. die Abwertung und Ausgrenzung von Menschen ohne Arbeit oder ohne Wohnung – sichtbar zu machen. Das ist aber nicht so einfach, weil sich viele Menschen – gerade Nicht-Betroffene – schon daran gewöhnt haben und das gar nicht mehr als besonders schlimm empfinden. Das gilt auch für sog. institutionelle oder strukturelle Diskriminierung, z.B. von Seiten der Polizei oder in den Medien.

Warum machen wir das? Zum einen deshalb, um diese Vorfälle überhaupt erst mal sichtbar zu machen und als problematisch ins Bewusstsein zu rufen. Die Stadt Leipzig gibt sich ja gern weltoffen und tolerant. Das ist zwar ein schönes Ziel, aber noch lange nicht erreicht. Eine Voraussetzung dafür, dass sich diese Zustände verbessern, ist, dass die bestehenden Probleme überhaupt erstmal zur Kenntnis genommen werden. Die Dokumentation auf unserer Seite dient zum anderen der Recherche. Wir machen das nämlich schon ziemlich lange, seit Ende 2008. Ihr könnt auf www.chronikLE.org also auch nachvollziehen, was vor 7, 8 oder 9 Jahren in Leipzig und in den beiden angrenzenden Landkreisen – Nordsachsen und Landkreis Leipzig – los war. Die Ereignisse sind verschlagwortet und auch nach Orten – einzelnen Städten oder Stadtteilen – geordnet und somit durchsuchbar.

Die dokumentierten Ereignissen werden von Journalist*innen und im Themenbereich aktiven Menschen, Antifa-Gruppen oder zivilgesellschaftlichen Initiativen als Grundlage für ihre Arbeit genutzt. Wir selbst veröffentlichen zudem ungefähr aller zwei Jahre eine Broschüre mit dem Titel „Leipziger Zustände“. Darin finden sich längere Artikel und Analysen zu den Zuständen in Leipzig und Umgebung. Die letzte Broschüre ist Anfang des Jahres erschienen und steht als PDF auch auf der Internetseite. Ihr könnte uns auch gern zu Vorträgen und Workshops einladen.

Zurück zur Chronik. Natürlich ist diese alles andere als vollständig. Wir kriegen leider auch nicht alles mit, unsere Recherchemöglichkeiten als relativ kleines, ehrenamtliches Projekt sind begrenzt. Zudem sind Wir nutzen zwar viele öffentliche Quellen, z.B. Polizeimeldungen, Presseartikel oder die Antworten auf Kleine Anfragen im Sächsischen Landtag. Aber viele Vorfälle tauchen da gar nicht oft. Manchmal sind die Pressemitteilungen bzw. das Agieren der Leipziger Polizei oder die Artikel in der LVZ aus unserer Sicht selbst sehr problematisch – das kritisieren wir dann natürlich ebenfalls.

Besonders wichtig sind für uns deshalb die Berichte von Betroffenen oder Beobachter*innen von diskriminierenden Ereignissen. Diese können sich z.B. über das Kontaktformular auf unserer Seite oder per E-Mail bei uns melden. Solche Ereignismeldungen überprüfen wir dann so gut es geht und veröffentlichen sie dann ebenfalls auf www.chronikLE.org.

Hier zum Abschluss – und vielleicht zum Gruseln – noch ein zwei aktuelle Beispiele:

Neonazis greifen Geflüchteten beim Stadtfest an
Sonntag 24. September 2017

Beim Stadfest in Grimma sind das gesamte Wochenende über dutzende Neonazis anwesend. Es läuft Rechtsrock, Naziparolen werden gegrölt und sich mit dem Hitlergruß begrüßt. In der Nacht von Samstag auf Sonntag greifen fünf Neonazis einen vorbeikommenden Geflüchteten an. Sie bepöbeln und bespucken ihn. Dann treten auf ihn ein. Als die Angreifer durch die Securitys abgehalten werden können, kommt ein weiterer Sicherheitsmitarbeiter, dessen Schicht beendet ist, hinzu und schlägt abermals auf den Geflüchteten ein. Anschließend wird das Opfer zurück gelassen.

(Die Polizei hat davon angeblich nichts mitgekriegt, berichtet nur von einem „unpolitischen“ Vorfall. Einleitung zur Meldung: „Stadtfeste machen viel Spaß – sie haben aber immer ihre Nebenwirkungen.“)

Antisemitische Graffiti auf der Eisenbahnstraße
Donnerstag 12. Oktober 2017

Auf der Eisenbahnstraße werden an einem in Renovierung befindlichen Ladengeschäft mehrere antisemitische Graffiti gesprüht. Über mehrere Schaufenster stehen die Worte „Jude“, „Rolex“, „Schindlers Liste“ und ein angedeuteter Davidstern. Gerade die Anbringung an ein Ladengeschäft erinnern an die Attacken und Boykott-Aufforderungen der Nationalsozialisten.

Am 1. April 1933 standen überall in deutschen Städten uniformierte, teils auch bewaffnete SA-, HJ- und Stahlhelm-Posten vor jüdischen Geschäften, Arztpraxen und Anwaltskanzleien und hinderten etwaige Kunden den ganzen Tag daran, diese zu betreten. Schilder und Plakate forderten: "Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei(m) Juden! – Die Juden sind unser Unglück! - Meidet jüdische Ärzte! – Geht nicht zu jüdischen Rechtsanwälten!" Der Boykott war der Anfang, der in der Shoah endenden, Judenvertreibung- und vernichtung durch die Nationalsozialisten.

Nein, schön ist das alles nicht. Aber es hilft ja nichts, die Augen davor zu verschließen. Wir müssen vielmehr genau hinsehen, um dann gemeinsam den Faschistinnen und Faschisten und auch allen anderen Feinden des guten Lebens für alle Menschen das Fürchten zu lehren!

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und noch eine erfolgreiche Demonstration!