Über Spannungsfelder und Widersprüche. Unser Projekt chronik.LE und der alltägliche Sexismus

Der Text erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe der Leipziger Zustände. Anlässlich des Frauenkmapftages wollen wir ihn nochmal gesondert veröffentlichen und zur Diskussion stellen.

„Obwohl es chronik.LE über eine Ereignissammlung nicht leisten kann, strukturellen Sexismus – in seinen Formen der Frauenabwertung, Homophobie oder Heteronormativität – zu analysieren, sollen auf der Internetseite künftig mehr sexistische Diskriminierungen dokumentiert werden.“ Das schrieben wir in unserer ersten Broschüre der Leipziger Zustände im Jahr 2009. Wir wollten damit dokumentarisch näher an die Realität diskriminierender Ereignisse kommen, als wir es bis dato schafften. Hat sich seitdem etwas daran geändert?

Nach über neun weiteren Jahren der Dokumentationsarbeit ist es eigentlich schon längst an der Zeit, unsere Arbeit und die Weise, welche diskriminierenden Ereignisse wir warum erfassen, zu reflektieren. Das betrifft insbesondere eine Schieflage unserer Dokumentation: Wir erfassen viel mehr rassistische und neonazistische Vorfalle als sexistische, und das, obwohl sexistische Diskriminierung ebenso Alltag unzähliger Menschen in und um Leipzig ist. Im Jahr 2009 dokumentierten wir lediglich vier sexistische Ereignisse, was nicht im Geringsten die reellen Verhältnisse darstellt oder sich diesen anzunähern vermag. Es drangen sich daher die Fragen auf, welche Ursachen diese Schieflage unserer Dokumentation hat und wie sich daran etwas ändern lasst.
Eine der Besonderheiten an der Erfassung sexistischer Vorfalle ist, dass Sexismus de facto jede_n (be)trifft, jedoch in der alltäglichen Wahrnehmung nur selten als solcher erkannt wird. In unserer Gesellschaft zeigt sich das unter anderem an der Blindheit eines großen Bevölkerungsteils für das Verhalten ihrer Mitmenschen. War es doch „nur ein Kompliment“, wenn jemand das Aussehen einer Frau ungefragt bewertet oder „nur ein Spas“, wenn jemand auf der Straße einer Frau wünscht, vergewaltigt zu werden.[1] Sexismus wird häufig nur dann thematisiert, wenn die (vermeintlichen) Täter nichtdeutscher Abstammung sind. Das wohl bekannteste Beispiel dafür sind die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht 2015/2016 in Köln oder die mediale Debatte um den Mord an Sophia L. Falle wie diese zeigen, dass die (bundes)deutsche Debatte über Sexismus und die Debatte über die Objektivierung von Frauen* dann am lautesten wird, wenn sie ethnisierend ist. Sind die Täter weiß, deutsch und Muttersprachler, dann wird geflissentlich ein Auge zugedrückt oder sexistische Vorfalle werden erst gar nicht als solche anerkannt. Als Täter und Gefahr für die öffentliche Sicherheit erscheint nur „der Fremde“, der heutzutage zumeist als „Araber“ oder „Muslim“, in jedem Fall aber als „Nichtdeutscher“ benannt wird.[2]

Unsere Berichterstattung
Als chronik.LE versuchen wir, mit unserer Dokumentation ein breites Feld der Diskriminierungsformen abzudecken, um auf die verschiedenen Facetten menschenfeindlicher Ideologien hinzuweisen. Wir orientieren uns dabei am Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF). Dieser Ansatz geht von Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Denk- und Diskriminierungsformen aus. Personen, die zur Diskriminierung einer bestimmten Minorität neigen, tendieren statistisch gesehen häufiger dazu, auch andere Minoritätengruppen zu diskriminieren. Die GMF erfasst also Einstellungsmuster. Hier bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen den Einstellungen der Menschen und ihren konkreten Handlungen. Nur letztere können wir erfassen. Wir versuchen aufzuzeigen, wo diese Einstellungsmuster in Taten übersetzt werden.
Die Ereignisse, die wir festhalten, stehen als punktueller Ausdruck für die gesamtgesellschaftlichen Problemkomplexe, mit denen sich emanzipatorische Ideen konfrontiert sehen. Dabei wollen wir weiterhin einen möglichst fundierten Überblick für eine interessierte Öffentlichkeit geben – von neonazistischen Konzerten, Versammlungen und Angriffen über den Rassismus auf dem Wohnungsmarkt und in Bildungseinrichtungen hin zu alltäglichen Formen sexistischer Diskriminierung, um nur einige Beispiele zu nennen. Wir bewegen uns dabei in einem gewissen Widerspruch. Als ehrenamtliches Projekt versuchen wir in unserer Freizeit, die Beschissenheit der Verhältnisse deutlich zu machen. Wenngleich wir versuchen, eine möglichst breite Dokumentation zu gewährleisten, müssen wir uns auf bestimmte Aspekte begrenzen. Dem Sexismus, der alltäglich stattfindet, können wir in der Veröffentlichung einzelner Ereignisse nicht gerecht werden. Was wir jedoch können, ist, auf die Vorfälle, die im öffentlichen Raum stattfinden, aufmerksam zu machen und Betroffenen die Möglichkeit zu bieten, sich an uns zu wenden als eine Unterstützungsstelle im Kampf um Anerkennung.
Den zentralen Fokus setz(t)en wir dabei auf neonazistische Akteure und Ereignisse sowie auf die verschiedenen Formen des Rassismus. Dies erzeugt ein realitätsfernes Verhältnis in unserer Dokumentation. Im Jahr 2017 dokumentierten wir sieben, im Jahr 2018 zwanzig sexistische Vorfalle in und um Leipzig. Dass es „so wenige“ Ereignisse sind, erzeugt den Eindruck, wir wurden den alltäglichen Sexismus nicht wahrnehmen und als sei dieser kein Teil unserer Arbeit, was wiederum bedingt, dass uns wenige sexistische Ereignisse mitgeteilt werden. Diese Außenwahrnehmung, die sich teilweise selbst reproduziert, ist nicht gewollt. Die Falle, die an uns herangetragen werden und die, die wir selbst wahrnehmen, versuchen wir stetig zu dokumentieren.[3] Gesellschaftlich zeigt sich für unsere Arbeit noch folgendes Problem: Wenn, wie wir oben dargestellt haben, eine öffentliche Berichterstattung über sexistische Vorfalle in Deutschland stattfindet, ist sie häufig ethnisierend. Die Informationslage, auf die wir für unsere Arbeit zurückgreifen müssen, stellt uns daher vor die Herausforderung, keine rassistischen Inhalte zu reproduzieren. Um in Zukunft auch dem Themenfeld Sexismus mehr Raum in unserer Dokumentation zu geben, benötigen wir deswegen Unterstützung.

Versuch einer progressiven Perspektive
Wir haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit unserer Dokumentation. So etwas ist nicht möglich. Die Alltäglichkeit von Diskriminierungen deutlich zu machen, ist uns jedoch ein Anliegen. chronik.LE begreift sich schließlich nicht als „neutraler“ Akteur, sondern steht auf der Seite der von Diskriminierung Betroffenen. Wir wollen gerade diesen Menschen über unsere Art des öffentlichen Kampfes einen Moment der Selbstermächtigung ermöglichen. Geschlecht ist eines der zentralen Themen der Rechten (ihr Familienbild, ihre Haltung zu Abtreibungen, die Naturalisierung von Geschlecht etc.), welches viele Überschneidungen mit der Debatte der ethnisierenden Mehrheitsgesellschaft aufweist. Überlassen wir dieses Thema nicht ihnen. Wir wollen und müssen Sexismus mehr Raum in unserer Arbeit einräumen, aber dabei stehen wir auch nach 10 Jahren ehrenamtlicher Arbeit noch am Anfang. Um in Zukunft auch dem Themenfeld Sexismus mehr Raum in unserer Dokumentation zu geben, benötigen wir eure Unterstützung. Denn der sexistische Normalzustand ist ebenso unerträglich wie die alltägliche (Re-)Produktion von rassistischen Hegemonieansprüchen und das Teilen von (strukturell oder direkt) antisemitischen Denkmustern. Diese zu überwinden, erfordert einen langen Atem. Seid ihr interessiert an unserer Arbeit und wollt Teil davon werden? Seid ihr von einem Vorfall als Geschädigte_r betroffen oder habt einen solchen mitbekommen? Dann meldet euch bei uns.

[1] Letzteres Beispiel ist so in Leipzig geschehen am 27. Januar 2017. Siehe „Ereignisse“ am Ende dieses Kapitels.
[2] Es ist uns ein Anliegen, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass wir mitnichten leugnen wollen, dass Sexismus auch unter Migrant_innen, Asylsuchenden oder Muslim_ innen weit verbreitet ist. Darum geht es jedoch in diesem Artikel nicht. In diesem Artikel geht es uns darum, auf das Problem der ethnisierten Debatten hinzuweisen, dass es oft unmöglich macht, eine nichtressentimentgeleitete Debatte zu fuhren und progressiv zu handeln.
[3] chronik.LE ist Teil dieser Gesellschaft und daher ist es nicht verwunderlich, dass auch innerhalb unseres Projekts strukturell patriarchale Strukturen wie Geschlechterverhältnisse zum Teil reproduziert werden. Uns ist bewusst, dass in unserer Gruppe Frauen* unterrepräsentiert sind. Daher besteht aktuell ein Aufnahmestopp für Männer.