Versuchte Abschiebung, die Polizei und eine Frühgeburt

Text

In der Hildegartstraße im Leipziger Osten leitet die Polizei am 9./10. Juli 2019 eine Abschiebung eines 23-jährigen Syrers nach Spanien ein. Währenddessen bricht die Mutter zusammen. Menschen welche spontan gegen die Abschiebung protestieren werden von der Polizei brutal behandelt und tragen teilweise (schwere) Verletzungen davon.
Abschiebungen bedeuten für die Betroffenen immer Leid und Unsicherheit. Auch das gewaltsame Vorgehen der Polizei ist für viele Betroffene allgegenwärtig. Dies belegt auch nachfolgendes Beispiel von Anfang 2019 welches uns mit der Bitte um Veröffentlichung zugesandt wurde:

Anfang diesen Jahres klingelte es eines Abend an meiner Wohnungstür. Ich hörte dies nicht sofort, was dazu führt, dass das Klingeln in ein lautstarkes Hämmern an der Tür überging. Ich brachte daraufhin meine beiden kleinen Kinder in das Kinderzimmer und versuchte sie zu beruhigen. Ich öffnete die Tür um einen Spalt und erkannte, dass sich die Polizei vor meiner Wohnung befand.
Ich wusste erst einmal gar nicht, warum die Polizisten da waren und verlangte deshalb einen Durchsuchungsbefehl zu sehen. Diesen zeigten mir die Polizei nicht, sondern nannten lediglich die Adresse des angeblich zuständigen Verwaltungsgerichts. Immer noch im Unklaren, forderte ich den Chef der Truppe auf, mir mehr zu sagen, da ich keine Verbindung zwischen mir und dem Gericht erkennen konnte.
Daraufhin zeigten mir die Beamten ein Emergency Travel Dokument, auf dem ein altes Bild von meinem Freund zu sehen war. Nun kam ich ein Stück aus der Tür heraus, hielt diese aber weiterhin nur einen Spalt offen. Da ging der besagte leitende Beamte in die Initiative, ergriff den Türknauf und drängte sich rabiat an mir vorbei. Dabei stieß die Wohnungstür gegen meinen Bauch. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Monate schwanger, was ich auch laut kundtat. Es schien aber niemanden zu interessieren.
Die Beamten durchkämmten anschließend meine Wohnung. Meine Kinder und ich hatten dabei große Angst. Anstatt uns zu beruhigen, fragte mich eine weibliche Polizistin noch vorwurfsvoll, warum ich denn so lange gebraucht hätte die Tür zu öffnen. Als die Polizisten meinen Freund nicht finden konnten, geiferte der Brigadeleiter, dass er mich angezeigt hätte, wenn ich die Tür nicht geöffnet hätte.
Am nächsten Tag klingelt es am frühen Morgen erneut direkt an meiner Wohnungstür. Abermals stand da ein Trupp Polizisten, angeführt vom gleichen Chef des gestrigen Abends. Ich ließ die Polizisten gewähren und der wieder aggressiv auftretende Leiter verlangte von mir Auskunft, wo er meinen Freund finde, wo er arbeitete. Er knallte mir außerdem eine Kopie der Abschiebepapiere auf den Tisch mit dem Kommentar, dass sie jetzt öfter kommen würden. Daraufhin verschwanden die Beamten.
Kurz nach dem zweiten Besuch der Polizisten erlitt ich als Folge des vorher erlebten eine Frühgeburt. Der gemeinsame Sohn von mir und meinen Freund kam damit vier Wochen früher als normalerweise zu erwarten, auf die Welt. Glücklicherweise geht es unserem Kind aber heute gut.
Mein Freund konnte bei der Geburt seines ersten eigenen Kindes jedoch nicht dabei sein, er traute sich schlichtweg nicht in die Klinik. Das Aufwachsen unseres Sohnes zu erleben, wird meinem Freund durch die unmenschliche Abschiebepraxis des deutschen Staates verwehrt.
Jedes Kind steht nach der auch von der Bundesrepublik ratifizierten UN Kinderrechtskonvention das Recht zu, bei beiden Elternteilen aufzuwachsen. Doch scheinbar gilt dies noch lange nicht für alle Menschen in Deutschland. Familien mit Migrationshintergrund erleben eine Zwei-Klassen-Justiz. Grundrechte werden verwehrt. Mein Lebensgefährte lebte seit 2007 in Deutschland. Im Jahre 2013 wurde er beim Kraftsport schwer am Bein verletzt, nachdem ihn der Täter zuvor bereits mehrfach rassistische beleidigt hatte. Bei dem Angriff wurde ihm eine Hantel auf sein Bein geworfen. Eine 30 cm lange Narbe und bis zum heutigen Tag andauerende Schmerzen waren die Folge. Der Traum meines Freundes, seinen Lebensunterhalt in Deutschland als Fußballer zu verdienen, war gestorben. Er hoffte jedoch über die Verletzung eine Verlängerung seines Aufenthaltsstatus genehmigt zu bekommen. Dennoch wurde seine Duldung nicht verlängert. Die Amtsärztin gab ihn zur Abschiebung frei – mit dem Kommentar: „Flugfähig, aber bitte mit Rollstuhl zum Gate fahren.“ Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits hochschwanger.
Heute ist mein Freund wieder in Nigeria, wohin er nach Aushandlung eines Vergleichs „freiwillig“ ausreiste. Mithilfe des Familiennachzugs hoffen wir alle bald wieder vereint zu sein. Wann und ob uns dieser Wunsch erfüllt wird, können wir nicht mit Gewissheit sagen. Er macht sich schwere Vorwürfe, dass er nicht für sein Kind und mich da sein kann. Die ganze Situation belastet ihn sehr.
Auch Ich leide unter der Situation. Zu Hause habe ich Angst und fühle mich nicht mehr sicher. Meine Kinder hat das Erlebte nachhaltig geprägt. Sie erzählen noch heute in der Kita oder in der Schule von dem Erlebten: dass mehrmals Polizisten bei Ihnen zu Hause waren und Mama eine Tür in den Bauch bekam.