Leipziger Redner bei Pegida-Kundgebung

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22.

Dezember
2014
Montag

Bereits zum zehnten Mal versammelten sich Anhänger_innen der "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (PEGIDA) auf dem Platz vor der Dresdner Semperoper, um vorrangig gegen eine vermeintliche Islamisierung Europas - primär Deutschlands -, aber um ebenso gegen Asylsuchende zu protestieren.

Abstiegsangst als Teilnahme-Motiv
Die Motivation der Teilnehmenden sich an den Aufmärschen zu beteiligen, scheint sich, entsprechend der Inhalte in Interviews sowie Äußerungen durch Plakate und Transparente, unterschiedlich darzustellen, wobei auszumachen ist, dass der gemeinsame Kern die Angst vor dem sozialen Abstieg ist, der Bessergestellte dazu treibt, einen Kampf gegen ökonomisch Benachteiligte sowie Schlechtergestellte zu führen, was sich nunmehr im Konkreten gegen Asylsuchende richtet, sich aber auch auf Erwerbslose, denen eine negative Arbeitsmoral zugeschrieben wird, übertragen ließe.

Ein weiterer Kernmoment scheint neben der Abstiegsangst, dem die Forderung nach einer Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft zu Grunde liegt, die Angst vor Veränderung und Fortschritt zu sein, wozu auf konstruierte Werte zurückgegriffen wird, die es gegen außerhalb einer wiederum konstruierten "deutschen Gemeinschaft" stehende Menschen zu verteidigen gilt. Zentral hierfür ist der Kampfbegriff "Abendland".

Der zehnte Pegida-Aufmarsch
Die seit dem 20.10. wöchentlich durchgeführten Aufmärsche starteten mit schätzungsweise 350 Teilnehmenden und wuchsen bis auf 17.500 Personen am 22.12. an. An diesem Tag luden die Organisator_innen zum Absingen von Weihnachtsliedern ein, an dem sich ebenso spärlich wie holprig beteiligt wurde. Vor allem das vorherige Bereitstellen der Liedtexte samt Noten deutet auf wenig Vertrauen in die Kenntnisse "deutschen" und weihnachtlichen Liedgutes seitens der Organisation den Teilnehmenden gegenüber hin.

Ausfall statt Einfall: Stephane Simon
Waren die Sänger_innen eher rar und leise, kam Leben in den Pegida-Auflauf, wenn Politiker_innen diffamiert und gegen Medien gehetzt werden konnte. Prägend für den Abend war der Auftritt des Leipzigers Stephane Simon sowie die Reaktionen seitens seiner Zuhörer_innen. In seinem knapp zehnminütigen Beitrag sprach er alle Themen an, die die Pegida-Anhäufung bewegt und die ihm Zuspruch einbringt.

Gespickt waren seine Ausführungen von Oberflächlichkeit, Unkenntnis, Phrasen, Parolen, Beleidigungen und Obszönitäten, alles gepaart mit seinem Hang zu Verschwörungstheorien. Hauptsächlich redete er über Demokratie, Politiker_innen, Medien, Kriegseinsätze, seine Wahrnehmung der Pegida sowie seine bisher nicht verarbeitete und weiterhin kränkende, jedoch eingebildete Erfahrung, im Zusammenhang mit seinen Ausfällen während der Debatte um den Moscheebau in Gohlis, als "Nazi" bezeichnet worden zu sein.

Stephane Simon: Nähe zu "Reichsbürgern"
Gänzlich abwegig ist seine Imagination jedoch nicht, fabuliert Simon über die Ersatzverfassung Grundgesetz, ein Thema, das neben der NPD auch s.g. "Reichsbürger" aufgreifen, in dessen Umfeld er sich bewegt. Dahinter verbirgt sich die Annahme, die BRD sei kein souveräner Staat, sondern ein von alliierten Kräften - vorrangig us-amerikanischer - besetztes sowie kontrolliertes Gebiet. Weiterhin soll mit dem Verweis die Legitimität der BRD als Nachfolgestaat des Deutschen Reichs verneint werden, weshalb sich unzählige s.g. "Reichsregierungen" gründen, um den vermeintlich rechtmäßigen Vertretungsanspruch wahrzunehmen.

Simon & Pegida: Gegen Vieles, vor allem gegen Meinungsfreiheit
Wie die Pegida-Ansammlung den ihrerseits hochgehaltenen Begriff "Meinungsfreiheit" interpretieren, fasst Simon gut zusammen:

"Leute, die uns kritisieren, arbeiten für das System"

Damit verdeutlicht er, dass eben nur jene Meinungen unter das Label der pegidianischen "Meinungsfreiheit" fallen, die diese Zusammenrottung nicht kritisiert, sondern sich ihr ein- und schließlich unterordnet.

Begriffe von Simon & Pegida
Auch die Verwendung bzw. die Art der Verwendung des Begriffs "System" durch Simon zeigt Analogien zu (neo-)nazistischen Sprachgebrauch auf. Passend ließe sich hier Victor Klemperers Werk "LTI" (Lingua Tertii Imperii) anführen, der in der Verwendung des Begriffs "'System' ein[en] methaporischen[n] Tadel" sieht. Im Nationalsozialismus wurde mit "System" bzw. konkret dem "Weimarer System" die Zeit der Weimarer Republik und damit einer demokratischen Republik, das auf Parlamentarismus sowie Debatten und Auseinandersetzungen zwischen Parteien beruht, gemeint. Dieser Staatsform bzw. jenen demokratischen Prinzipien waren die Nazis feindlich gesinnt, weshalb der Begriff "System" zur Verächtlichmachung der Weimarer Republik genutzt wurde. Neonazis nutzen den Begriff "BRD-System" um ihre Abneigung gegen die demokratische Staatsformen sowie ihre Prinzipien der BRD zum Ausdruck zu bringen.

Simons Hetze: Je abwertender, desto mehr Zustimmung
Neben etlichen persönlichen beleidigenden Angriffen auf Politiker_innen, erhielt Stephane Simon den stärksten Beifall und Zuspruch, untermauert mit mehreren "Zugabe"-Rufen, als er eine Leipziger Landtagsabgeordnete der Linkspartei als "blöde, stalinistische Fotze" bezeichnete.

Quelle: 

leipzig.antifa.de vom 23.12.2014: "Stephane Simon: Leipziger Redner bei Pegida-Kundgebung"; FAZ.NET vom 23.12.2014: "Weihnachtsmann fürs Abendland"; Endstation Rechts vom 23.12.2014: "Aggressivere Töne von der Pegida in Dresden"; Pegida-Watch vom 22.12.2014