Moderne Nazis? Die "Freien Kräfte" und der Nationalsozialismus

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Aufmarsch von "Freien Kräften" in Reudnitz im Januar 2009

Dieser Text beschäftigt sich mit der neonazistischen Ideologie der „Freien Kräfte“. Er soll grob die Denkmuster nachzeichnen, die hinter dem Handeln moderner Nazis wie den „Freien Kräften“ stehen. Es soll gezeigt werden, dass es sich bei „Autonomen Nationalisten“, „nationalen Sozialisten“, „Freien Nationalisten“, kurzum den „Nationalen Aktivisten“ aus unserer Nachbarschaft, um echte Nationalsozialisten im ideologischen Sinne handelt. Die Analyse wird mit drei Texten untermauert, die Anfang 2009 auf dem „Freien Netz Leipzig“ veröffentlicht wurden.

Am 3. Januar 2009 erschien ein „Jahresrückblick 2008“.[1] Der Text enthält die eigenen Darstellungen und Einschätzungen zu öffentlichen Aktionen der „Freien Kräfte“ im Jahr 2008. Der zweite Text ist ein Aufruf für den 30. Januar 2009. Am Jahrestag der Machtübergabe an Adolf Hitler wollten die „Freien Kräfte“ zwischen 19.33 und 19.45 Uhr eine Kundgebung in Leipzig-Stötteritz abhalten. Die Kundgebung wurde wegen zu offensichtlicher Verherrlichung bzw. Verharmlosung des Nationalsozialismus verboten. Dies wiederum nannten die „Freien Kräfte“ im dritten verwendeten Text, einer Stellungnahme vom 30. Januar, einen Erfolg, weil Nazi „dem System einen Spiegel vor[ge]halten“ habe.

Das Feindbild, das Vorbild und das Selbstbild

Immer wieder bestehen NPD-Kader, „Freie Kräfte“ und „Autonome Nationalisten“ darauf, die wahren Demokraten zu sein: Statt der bundesrepublikanischen „Bevölkerungsdemokratie“ strebten sie eine „deutsche Volksdemokratie“ an. Dabei dient die Bundesrepublik als Feindbild: der bürgerlich-parlamentarische Rechtsstaat [2] ist für sie eine von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges auferzwungene Ordnung mit dem Zweck, das „deutsche Volk“ zu vernichten. Das schrittweise Voranschreiten dieser Zerstörung sehen sie in der „Vermischung der Rassen“, der Auflösung der deutschen Sprache und Kultur (vor allem identifiziert mit der internationalen/US-amerikanischen Massenkultur), sowie der materiellen „Ausbeutung“ durch die Überlebenden des Holocaust, der vehement geleugnet wird [3]. Den Neonazis erscheinen nicht nur die etablierten Politiker_innen, sondern jeder nicht-nationalistische politische Mensch wahlweise als Marionette oder als Kollaborateur_in mit den „fremden Mächten“.

Antisemitische NS-Propaganda in Großzschocher am 24.04.2009 (Foto: chronik.LE)Antisemitische NS-Propaganda in Großzschocher am 24.04.2009 (Foto: chronik.LE)

„Überall in der Bundesrepublik wird der 30. Januar von den etablierten Politikern genutzt um den gebetsmühlenartigen Reflex eines ‚Betroffenheitskultes‘ zu frönen, der im Grunde nur zur eigenen Sicherung von bürgerlicher Existenz und Pfründen dienen dürfte!“, heißt es im Aufruf zur Kundgebung am 30. Januar. „Bürgerliche Existenz“ und „Pfründe“ werden hier angeprangert, stehen stellvertretend für „undeutsche“ Eigenschaften. „Um Geld geht es den Politikern, jedenfalls nicht ums Volk!“, lautet der Vorwurf. Dass die Deutschen inzwischen nicht mehr deutsch sein dürften, liege an ihrer Vergangenheit. Der von den Siegermächten eingetrichterte „Betroffenheitskult“ hindere letztlich die Bürger_innen daran, sich den Ideen der „Nationalen Aktivisten“ anzuschließen. Diese „Einsicht“ hilft offenbar bei der Selbststilisierung als einzig wahrer Opposition:

„Der ‚Schuldkult‘ dient einzig und allein dafür, dass man fundamentaloppositionelle Positionen gesellschaftlich ächten kann und sich das System somit nicht der Gefahr einer Abwicklung zugunsten eines zeitgemäßen und volksgemeinschaftlichen Systems aussetzt!“

Selten finden sich konkretere Vorschläge zum „zeitgemäßen und volksgemeinschaftlichen System“; die „Freien Kräfte“ definieren ihre Idee eines „nationalen Sozialismus“ über das historische Vorbild des Nationalsozialismus. Es verbirgt sich also wenig Neues hinter dem „[Z]eitgemäßen“, nämlich die Hoffnung auf einen Führer, auf eine homogene, am Ende alle vermeintlichen Feinde ausschließende Volksgemeinschaft (was nichts weiter als Gewalt, nämlich das ständige „Ausschalten“ neuer „Volksschädlinge“ bedeutet). Der „ungetrübte Blick in die Vergangenheit“ soll dabei helfen, das historische Vorbild als „zeitgemäßes“ System wieder denkbar zu machen und dieses dem Feindbild Bundesrepublik entgegenzusetzen.

Rudolf Heß: noch besser als Hitler!

Im Zentrum des aktuellen Vergangenheitsdiskurses der modernen Nationalsozialisten steht dabei immer wieder Rudolph Heß. Der Hitler-Stellvertreter bietet ihnen den Vorteil, einerseits tief in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen zu sein – bis zu seinem Tode 1987 stand er zu Hitler, zum NS-Staat und bekundete während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse: „Ich bereue nichts“ [4]. Andererseits war er durch seinen „Friedensflug“ nach England seit Mitte 1941 in Haft. Der systematische, industrielle Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden in den Gaskammern der nationalsozialistischen Vernichtungslager begann erst Ende 1942 [5]. Heß ist damit der ranghöchste Funktionsträger des historischen Nationalsozialismus, dem offen gehuldigt werden darf, ohne eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung zu riskieren.
In der Neonaziszene ranken sich Mythen um Heß‘ Tod: Er soll im Gefängnis ermordet worden sein. Als Beweis wird seine noch bis heute unter Verschluss gehaltene Gefängnisakte angeführt. Das macht Heß zu einem „Märtyrer“ in der Neonazi-Szene.
So wird er auch von den Leipziger „Freien Kräften“ wahrgenommen. Im August 2008 riefen sie die „Heßwochen“ in Leipzig aus, „gewidmet einem der größten Söhne Deutschlands“. Sie veranstalteten einen Vortrag zur „Heß-LKW“-Aktion [6] aus dem Vorjahr, und besuchten ein Zeitzeugengespräch mit Heß‘ letztem Krankenpfleger, einem bekennenden Heß-Verehrer.

Nationalsozialismus? Denkbar!

Letztlich dient die Person Heß einer positiven Bezugnahme auf den Nationalsozialismus, gelöst vom Holocaust und von Hitler. Es ist der absurde Versuch, einen „humanen“ Nationalsozialismus denkbar und diskursfähig zu machen. Dafür unterscheiden Neonazis in bekannter Manier immer wieder zwischen „guten“ und „schlechten“ Seiten des NS-Systems, wie im Demoaufruf zum 30. Januar: „wir [lassen] uns einen ungetrübten Blick in die Vergangenheit (sowohl im positiven als auch im negativen!) NICHT nehmen“.

Hier wird versucht, diese „schlechten“ Seiten „der Vergangenheit“ als kleine „Betriebsunfälle“ zu verharmlosen, oder in verschwörungstheoretischer Manier wird behauptet, das „Schlechte“ hätten die westlichen Demokratien hervorgerufen bzw. im Nachhinein „erfunden“, um das deutsche Volk zu „verdummen“. So erst werde die Idee eines völkisch-autoritären, nationalistischen Systems verunmöglicht. Beispielhaft dafür schreibt der „junge Kamerad“ im Jahresrückblick zum Feiertag der Kapitulation des „Dritten Reiches“:

„8. Mai: Befreiung, nur wovon?! Als eines der markantesten Daten in der deutschen Geschichte der Neuzeit gilt wohl der 8. Mai, predigen doch an diesem Tag so viele immer von Befreiung, vom Beginn einer besseren Zeit, das endlich wieder Freiheit in Deutschland einzog, dass dies jedoch nur Lügen sind um unser Volk dumm zu halten [...]“.

Die Freiheit wurde also nicht gewonnen, sondern mit der Kapitulation beendet; Freiheit ist hier „Freiheit des Volkes“ (im Gegensatz zur Freiheit des Individuums), die Demokratien westlichen Vorbilds hingegen bedeuten Unfreiheit: „in der unser Volk - ebenso wie die anderen Völker der ‚westlichen Wertegemeinschaft‘- in unfreien Systemen leben müssen!“ [7].

Im Demoaufruf für den 30. Januar bekunden die „Freien Kräfte“ und ihren Willen zum Kampf: „Nämlich gegen die Vortäuschung eines freien Staates, welcher in der Form aber eben NICHT existiert!“

Der Staat, respektive das Volk, müsse frei sein, nicht seine Bürger_innen. Begriffe wie Freiheit und Demokratie beziehen sich also im NS-Diskurs immer auf das Kollektiv. Die Umdeutung und Übernahme dieser Begriffe ist eine diskursive Strategie, um sich öffentlich als „freiheitlich“ und „demokratisch“ zu gerieren. Dahinter steht jedoch ein Mechanismus zur Disziplinierung des Individuums: die „Volksgemeinschaft“, die einen kollektiven „Volkswillen“ impliziert. Was der Volkswille ist, wird dabei keineswegs ausgehandelt, sondern autoritär festgelegt: Das Volk Gestehe wie ein Mann; wer sich ihm in den Weg stelle, werde vernichtet. Letztlich steht also diese „Volksfreiheit“ den Menschen- und Freiheitsrechten entgegen. Das Individuum habe sich gefälligst in den Dienst des Volkes zu stellen:
„Der Mensch als (untrennbarer) Teil der Volksgemeinschaft ist unsere Maxime und an der hat sich die Politik und eben auch die staatliche Ordnung auszurichten“, heißt es in der Stellungnahme zum verbotenen Aufmarsch.

Opfer? Täter!

Neben der Verharmlosung des NS-Systems ist hier auch ein Versuch zu erkennen, die Opfer- und Täterrollen zu verdrehen. Wem (am 8. Mai) die Freiheit genommen werde, der sei zunächst auch Opfer eines Aggressors. Diese Verdrehung findet ihren Höhepunkt in den auch von den Leipziger „Freien Kräften“ besuchten „Gedenkveranstaltungen“ anlässlich der Bombardierung deutscher Großstädte. Ahistorische bzw. widerlegte Behauptungen [8] stützen die übliche Täter-Opfer-Verdrehung, beispielsweise die angeblich fünfzigprozentige Zerstörung Leipzigs.

Auch an anderer Stelle im „Jahresrückblick“ wird versucht „Positives“ in den NS zu phantasieren. Der Autor bewundert die „vorrausschauende NS-Führung“: „Die verhältnismäßig geringen Opferzahlen, gehen auf die vorausschauende NS-Führung in Leipzig zurück. So wurden in Leipzig ein möglichst dichtes Netz von Luftschutzräumen und Bunkern für die Bevölkerung eingerichtet“.

Außen modern? Innen ganz die Alten!

"Freie Kräfte" bei Aufmarsch in Reudnitz im Januar 2008 (Foto: Indymedia / icke 13.01.2008)"Freie Kräfte" bei Aufmarsch in Reudnitz im Januar 2008 (Foto: Indymedia / icke 13.01.2008)„Freie Kräfte“, „Autonome Nationalisten“, „Nationale Sozialisten“, wie auch immer sie sich nennen: Neonazistische Gruppierungen möchten modern sein. Doch die Texte zeigen: Sie sind es höchstens äußerlich. Ihre Ideologie entspringt dem historischen Vorbild des Nationalsozialismus.

Ihr Denken ist rassistisch, chauvinistisch, autoritär und antidemokratisch. Ihre Vorstellungen von Volk und Volkskörper bedeuten Gewalt – gegen „äußere“ wie „innere“ Feinde. Und dies bekommen (nicht nur) Jugendliche, (nicht nur) aktive Nazigegner_innen, (nicht nur) vermeintlich Nicht-Deutsche tagtäglich (nicht nur) in Leipzig zu spüren.


[1] Als Autor wird ein „junge[r] Kamerad“ genannt. In Bezug auf den Jahresrückblick stellt „Admin“, der Administrator der Leipziger Seite, klar, dass „[d]as Geschriebene [...] nicht unbedingt immer die Meinung der Schriftleitung darstellt“, aber prinzipielle Einwände gegen den Artikel scheinen nicht zu bestehen.
[2] Bzw. die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, welche dafür verantwortlich gemacht werden.
[3] Wenn Neonazis von fehlender Meinungsfreiheit reden, so geht es gewöhnlich um das im Strafgesetz verankerte Verbot, den Holocaust zu leugnen bzw. den Nationalsozialismus zu verherrlichen oder zu verharmlosen.
[4] Aus Rudolf Heß‘ Schlußwort beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess: „Es war mir vergönnt, viele Jahre meines Lebens unter dem größten Sohne zu wirken, den mein Volk in seiner tausendjährigen Geschichte hervorgebracht hat.[...] Ich bin glücklich, zu wissen, daß ich meine Pflicht getan habe meinem Volke gegenüber, meine Pflicht als Deutscher, als Nationalsozialist, als treuer Gefolgsmann meines Führers. Ich bereue nichts.“
[5] Dieser Versuch, sich auf eine Führungsperson des NS-Staates zu beziehen und gleichzeitig den Mord an den europäischen Juden auszublenden, kann als charakteristisch für den Umgang moderner Neonazis mit dem Holocaust gesehen werden. So schließen sie sich in ihren Aufrufen einerseits gern den Holocaust leugnenden Theorien an, rechtfertigen oder relativieren andererseits aber den in ihrem Geschichtsbild eigentlich ja gar nicht existenten Holocaust.
[6] Am „Heß-LKW“ war zu lesen: „Rudolf Heß - Mord verjährt nie“ und „Märtyrer für den Frieden“.
[7] Aus der Stellungnahme zum 30.Januar.
[8] So kommt eine Historikerkommission auf 25.000 Opfer des Bombenangriffs auf Dresden vom 13./14.2.1945. Neonazis behaupten auch in diesem Jahr wieder bedeutend höhere Zahlen, von 250.000 Opfern ist öfter die Rede, so im Aufruf der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ für den größten Naziaufmarsch Europas am 14.2.2009 in Dresden