CDU und NPD vereint in Stimmungsmache gegen künstlerische Umgestaltung des Kriegerdenkmals in Wurzen

02.

Mai
2012
Mittwoch
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Mittwoch, 2. Mai 2012

Während einer Diskussionsveranstaltung des Wurzener "Bündnis für Demokratie gegen Neonazismus" im Plenarsaal des Stadthauses ist es zu tumultähnlichen Szenen und verbalen Ausschreitungen gekommen. Mit der Veranstaltung sollte über das vom Bündnis geplante Vorhaben einer künstlerischen Umgestaltung und Kommentierung des Denkmals für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges am Wurzener Bahnhof informiert werden. Dazu waren u.a. die Künstler_innen angereist, die sich im vergangenen Jahr an dem Wettbewerb unter dem Titel "DenkMal: Perspektivwechsel" beteiligt hatten.

Neben den Statements mehrerer Neonazis aus dem Umfeld der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN) um Mathias König und den NPD-Stadtrat Wolfgang Schroth kam es auch aus der so genannten bürgerlichen Mitte zu lautstarken fremdenfeindlichen und beleidigenden Äußerungen gegen die gebürtige Österreicherin Barbara Steiner, ehemalige Leiterin der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK), und die aus Berlin, München und Wien angereisten Künstler_innen Via Lewandowsky, Michaela Melián sowie das Ehepaar Helmut und Johanna Kandl. So wurde etwa die Österreicherin Johanna Kandl von den Besucherplätzen aus lautstark aufgefordert, hochdeutsch zu reden. Moderator Horst Schulze, Superintendent im Ruhestand, vermochte es nicht, die "hässlichen Zwischenrufe" (LVZ) zu verhindern. Der mit auf dem Podium sitzende Oberbürgermeister Jörg Röglin (parteilos), Mitglied des Bündnisses gegen Neonazismus, versäumte es, sein Recht als Hausherr wahrzunehmen und die Neonazis des Saales zu verweisen.

Beiträge von vor allem Wurzener CDU-Akteur_innen ernteten großen Beifall der rund 15 anwesenden Neonazis, was ohne Widerspruch oder Distanzierung hingenommen wurde. Nur wenige Befürworter_innen der Idee einer künstlerischen Umrahmung und Interpretation des umstrittenen Denkmals meldeten sich zu Wort. Ein Großteil der anwesenden Nazis trug sich zudem vor Ort in einer von der CDU mitinitiierten Unterschriftenliste gegen "jegliche Art von Veränderungen oder gar Verunstaltungen" des Denkmals ein.

Mit dem Kunstprojekt soll versucht werden, das von dem bekannten Bildhauer Georg Wrba 1929/30 geschaffene "Ehrenmal" für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs als Aufmarschziel für Neonazis weniger attraktiv zu machen. Seit mehreren Jahren zelebrieren NPD und "Freie Kräfte" aus Wurzen und Umgebung am Volkstrauertag an dem Denkmal ihr "Heldengedenken".

Beim neonazistischen "Aktionsbüro Nordsachsen" wurde nach der Veranstaltung in einem Artikel unter der Überschrift "Wenn linke Träume platzen ..." behauptet, die "'Künstler'" (in Anführungszeichen) und Barbara Steiner als Jury-Mitglied hätten den Saal mit vielen "teils provozierenden und ehrverletzenden Aussagen [...] zum Kochen" gebracht. Das Kunstprojekt wird als ein Vorhaben von "Gutmenschen", als "Umerziehungsmaßnahme" und "Verschandeln von Kulturgut" bezeichnet und zufrieden darauf verwiesen, dass sich eben auch CDU und andere Akteur_innen gegen das Projekt aussprechen: "Die CDU, der Altstadtverein, historisch interessierte Bürger und Zeitzeugen des zweiten Weltkrieges alles Nazis?"

Das am Bündnis beteiligte Netzwerk für Demokratische Kultur (NDK) hat auf seiner Internetseite eine Sammlung der bisherigen Artikel und Wortmeldungen zu diesem "Denkmalstreit" veröffentlicht.

Quelle: 

NDK Wurzen (Chronik Neonazismus), LVZ/MTL vom 04.05.2012 (Online-Version), Neonazi-Seite "Aktionsbüro Nordsachsen" vom 04.05.2012, Mitteilung der Stadt Wurzen zum Wettbewerb vom 27.12.2012 und Einladung zur Podiumsdiskussion vom 26.04.2012