Neonazistisch, völkisch, sexistisch: NPD-Stadtratskandidaten im Interview mit Deutschlandfunk

04.

Juni
2009
Donnerstag
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Donnerstag, 4. Juni 2009

Das DLF-Magazin des Deutschlandfunks sendet unter dem Titel "Recht(s) freundlich - Die NPD will ins Leipziger Rathaus" einen Hörfunkbericht des Leipziger Journalisten Christian Werner. Eine kürzere Version des Beitrags war zuvor bereits bei MDR Info zu hören. Ausführlicher als bisher die lokalen Medien setzt sich Werner mit dem Programm und den Kandidaten der Leipziger NPD auseinander, die sich mit dem Slogan "Wir sind das Volk!" in die Tradition der "Friedlichen Revolution" im Herbst 1989 zu stellen versucht.

Das Wahlprogramm konzentriere sich zum einen auf sozialpolitische Forderungen, ohne dafür allerdings Finanzierungsvorschläge anzuführen. Der NPD-Landesvorsitzende und Landtagsabgeordnete Winfried Petzold, der auch für den Stadtrat kandidiert, sagt in dem Beitrag, dass die Partei dazu keine konkrete Vorstellung habe, da sie nicht an der Macht sei: "Da sollten sich im Prinzip die Leute Gedanken machen, die regieren." Die NPD verlange aber auch einen Ausländerstopp für Leipzig, das kein "Klein-Istanbul" werden solle. Außerdem sollten alle Projekte gegen Rechtsextremimus beendet und kulturellen Einrichtungen, in deren Räumen "Hetzveranstaltungen gegen heimatbewusste Deutsche" durchgeführt werden, der Geldhahn zugedreht werden. In nazistischer Manier werde zudem gefordert: "Entartungen Einhalt gebieten! Werksgetreue Inszinierungen statt volksfremdes 'Regietheater' auf den Leipziger Bühnen!"

In dem Radiobeitrag wird auch darauf hingewiesen, dass sich unter den Kandiaten der NPD in Leipzig mehrere Führungsfiguren der "Freien Kräfte" befinden. Mit dieser gewaltbereiten Neonaziszene habe die Partei im Vorfeld der Kommunalwahl ganz offen den Schulterschluss vollzogen. Zu Wort kommen Istvan Repaczki und Tommy Naumann, die in der Vergangenheit mehrfach als Anmelder von Demonstrationen der "Freien Kräfte" in Erscheinung traten. In ihren Äußerungen machen beide keinen Hehl aus ihrer neonazistischen und faschistischen Gesinnung. Repaczki trauert vor allem der Zeit des Nationalsozialismus nach, während Naumann die Deutschen vom Aussterben bedroht sieht. So erklärt der 21-jährige Lagerist Repaczki, er sei durch die "Auswüchse des Systems" und die "Schuld, die sie uns aufbürgen", zu dem Entschluss gekommen, "einfach mich den Demokraten nicht anzupassen". Statt dessen wolle er sich "kämpferisch gegen das System" stellen. Als eine Etappe in diesem "Kampf" betrachtet er anscheinend seine Kandidatur für den Stadtrat.

Dahin zieht es auch den 23-jährigen Tommy Naumann, seit April 2008 "Stützpunktleiter" der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN) in Leipzig und mittlerweile auch JN-Landesvorsitzender. Im Stadtrat wolle er sich unter anderem der Familienpolitik widmen. Schließlich ist seine Hauptsorge, dass "unser Volk" seit 1945 am Aussterben sei. Dies habe nichts damit zu tun, dass die Menschen einfach nicht mehr so viele Kinder bekommen wollen, sondern sei "hauptsächlich Schuld der jeweilig regierenden Staaten, beziehungsweise der BRD". Offen erläutert der gelernte Mechatroniker sein Weltbild: "Als Deutscher ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, eine deutsch-nationalistische oder völkische Einstellung zu haben." Dies gestehe er jedem zu, auch "dem Neger im Busch oder dem Chinesen". Allerdings solle dieser "seine vökische Gesinnung" bitteschön nur dort ausleben, "wo sein Volk lebt und wo sein Land ist". Fast ebenso differenziert ist Naumanns Frauenbild: So könne zwar jede Frau einen Beruf erlernen und arbeiten gehen. Dabei sollte sie aber nicht vergessen, "dass sie im Endeffekt die Mutter unseres Volkes ist und sie auch dafür Sorge trägt, dass unser Volk weiter wächst". Sobald sie Kinder hat, solle sie sich auf die Erziehung konzentrieren. Eine Frau, die in diesem Sinn ihre Aufgabe als Mutter wahrnimmt und "den Kinderwagen vor sich herschiebt", habe mehr Rechte und größere Achtung verdient als "der, der die größten Schlachten schlägt". Diese Rolle sieht Naumann anscheinend für sich reserviert.

Bei Radio Blau hatte Christian Werner bereits am 22. Mai von seinen Eindrücken aus den Interviews, die er im NPD-Zentrum in der Odermannstraße mit Petzold, Repaczki und Naumann sowie dem Dresdner Fraktionschef Holger Apfel geführt hat, berichtet. In diesem Gespräch kritisierte der Freie Journalist auch, dass die lokalen Zeitungen bisher kaum darüber aufgeklärt haben, mit was für einschlägigen Neonazi-Kadern die NPD in Leipzig zur Wahl antritt. Die LVZ weist erst sehr spät, am 4. Juni, und nur kurz daraufhin, dass auch "stadtbekannte Neonazis und Gewalttäter der sogenannten Freien Kräfte sowie rechtsradikale Hooligans aus dem Umfeld der berüchtigten Blue Caps LE" für die NPD kandidieren. Dadurch würde sich die Antifa-Szene "offenbar provoziert" fühlen, mutmaßt die Zeitung. Anlass dafür ist ein Übergriff auf zwei NPD-Wahlhelfer während einer Plakatieraktion in der Nacht zu Pfingstmontag in Plagwitz.

Eine detaillierte Analyse der Ideologie der Leipziger NPD finden sie in der chronik.LE Broschüre "Leipziger Zustände"

Quelle: 

MDR Info vom 02.06.2009, DLF vom 04.06.2009, Radio Blau vom 22.05.2009, LVZ vom 04.06.2009, Polizeibericht PD Leipzig vom 02.06.2009