Neulich in Leipzig: "Mohrenkopf" beim Bäcker - und kein Problembewusstsein

16.

Februar
2012
Donnerstag
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Donnerstag, 16. Februar 2012

Während der Faschingszeit verkaufte die Bäckerei-Kette "Wendl" in mehreren Leipziger Filialen ein Produkt namens "Mohrenkopf". Dabei handelt es sich um ein mit Gesicht und einem Hütchen verziertes, dunkelbraunes Schokogebäck-Stück. Als sich ein Kunde bei dem Unternehmen wegen dieser diskriminierenden Benennungspraxis beschwerte, reagierte die Bäckerkette mit Unverständnis sowie scharfer Zurückweisung der Vorwürfe.

Seit den 1960er Jahren werden Debatten um den diskriminierenden Charakter des Begriffs „Mohr“ geführt, der eng mit einem rassistisch-stereotypen Bild von Menschen mit dunkler Hautfarbe verbunden ist. Dies sieht die Bäckereikette jedoch scheinbar anders. In einem Antwortschreiben auf die Kundenbeschwerde wird stattdessen aus einem Wikipedia-Artikel zitiert, der die Herkunft, Herstellungsweise und Bezeichnung dieser traditionalen Leipziger Backerfindung dokumentieren soll. Der Zusammenhang von Kolonialzeit und Gebäckerfindung im ausgehenden 19. Jahrhundert ist Wendl dabei offenbar entgangen oder schlicht egal.

Zwar betont "Wendl" explizit, keine rassistischen Absichten zu hegen. Dennoch fügt sich die Verwendung der Bezeichnung in eine alltagsrassistische Praxis ein, die Reaktion auf die Kritik entspricht einem typischen Abwehrverhalten. Zu ähnlich gelagerten Fällen teilt die Antidiskriminierungsinitiative "Der braune Mob" mit:

Oft wird das Recht, Bezeichnungen zu benutzen, die viele Menschen als beleidigend oder rassistisch empfinden, mit dem Argument des “Gewohnheitsrechtes” verteidigt: “das war schon immer so”. Da sich die Zeiten ändern und es heute gottlob nicht mehr gesamtgesellschaftlicher Konsens ist, nicht-weiße Menschen generell in Dienstboten-Uniform abzubilden oder sie zu beleidigen, ist dieses Argument hinfällig. Mit dem “Gewohnheitsrecht” liesse sich im übrigen jede reaktionäre Meinung vertreten und jeglicher Fortschritt aufhalten. So war es früher beispielsweise auch “normal”, dass Frauen das Eigentum ihres Ehemannes waren.

Es fragt sich, weshalb einige Menschen den Status Quo bezüglich nicht-aufgearbeiteter Kolonial-Vergangenheit und daraus resultierender täglicher Rassismen aus der Mitte der Gesellschaft unbedingt aufrechterhalten wollen! Apotheken werden ständig umbenannt, etwa bei Besitzerwechsel oder wenn sich der Straßenname ändert.

Die Möglichkeit, dabei mitzuhelfen, dass die unreflektierte Benutzung und Verharmlosung kolonialrassistischer Begriffe ausgeräumt wird, und das Vorhaben, Menschen aller Hautfarben gleichermaßen respektvoll zu behandeln, sollte eigentlich als positiv empfunden und genutzt werden. (der braune mob)

Quelle: 

Augenzeug_in, Antwortschreiben von "Wendl", chronik.le, Wikipedia-Eintrag, Eintrag bei "Der braune Mob"