Neonazis in Leipzig: Die "Freien Kräfte"

Neonazismus
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ANALYSE DER AKTIVITÄTEN UND STRUKTUREN DER LEIPZIGER NEONAZI-GRUPPIERUNG „FREIE KRÄFTE LEIPZIG“ (FKL).

Mit den „Freien Kräften Leipzig“ (FKL) besteht in Leipzig eine Neonazigruppierung, die über feste Strukturen verfügt und durch ihre Teilnahme am Internetportal „Freies Netz“ in überregionale Strukturen eingebettet ist.

Die Mitglieder und Sympathisanten dieser Gruppe nehmen nicht nur an Naziaufmärschen im gesamten Bundesgebiet teil, sondern führen auch im Leipziger Stadtgebiet Propagandaaktionen und Veranstaltungen durch. Darüber hinaus kommt es vermehrt zu Versuchen, Veranstaltungen (politischer) Gegner_innen zu stören oder anzugreifen. Spätestens seit dem Jahr 2006 stehen die FKL somit für das organisatorische und aktionistische Erstarken der Leipziger Neonaziszene. Dabei orientieren sie sich teilweise am Konzept der sogenannten „Autonomen Nationalisten“, die sich in Auftreten und Aktionsformen an die linke autonome Bewegung anlehnen. Mit dieser Organisationsstruktur gelingt es den FKL-Aktivisten zunehmend, breitere rechtsgerichtete Personenkreise anzusprechen und zu politisieren. Die Bedeutung, die die Gruppierung auf diese Weise in der Leipziger Neonaziszene erlangte, ließ sie zum wichtigen Partner für die Leipziger NPD werden, mit den daraus folgenden jüngsten Entwicklungen, die in diesem Heft im Beitrag „Leipzig nicht den Roten überlassen. Die NPD in Leipzig Lindenau“ (S.20) eingehender betrachtet werden.

Wie sind die FKL entstanden?

[img_assist|nid=1017|title=|desc=Führungskräfte der JN / FKL und Kandidaten zur Stadtratswahl in Leipzig 2009: Tommy Naumann (v.) und Istvan Repaczki (Fahne) (Foto: chronik.LE Archiv)|link=none|align=center|width=400|height=262]

Die Anfänge der „Leipziger Freien Kräfte“ liegen laut GAMMA [1] im Jahr 2004. Eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Gruppierung soll die damals schon gut organisierte Schkeuditzer Szene gespielt haben, aus der heraus der Versuch unternommen wurde, in Leipzig organisierte Strukturen aufzubauen. Daraus entstanden nach mehreren Anläufen wie „Jungsturm Leipzig“ und „Freier Widerstand Leipzig“ schließlich die „Freien Kräfte Leipzig“. Sie bestanden im Kern aus etwa 15 Personen, die unter diesem Label und mit entsprechendem Transparent vor allem an auswärtigen Aufmärschen teilnahmen. Den Schwerpunkt der Aktivitäten in Leipzig selbst bildeten zu dieser Zeit noch die jährlichen Aufmärsche des Hamburger Neonazis Christian Worch, zu denen überregional mobilisiert wurde. Diese Situation veränderte sich mit dem Boykott des letzten Worch-Aufmarsches im Juli 2007 durch die regionalen Nazistrukturen und der darauf folgenden Absage aller bis 2014 in Leipzig angemeldeten Aufmärsche durch Worch. Spätestens seit dessen Rückzug sind die Drahtzieher des Boykotts, die beiden parteifreien Kader Maik Scheffler [2] aus Delitzsch und Thomas „Ace“ Gerlach aus Altenburg die unangefochtenen regionalen Führungspersönlichkeiten. Beide betreiben seit April 2007 [3] das Internetportal „Freies Netz“, das seit Juni 2007 auch eine Unterseite für Leipzig enthält [4], die bis heute von Personen aus den FKL betrieben wird. Zu einer ersten gemeinsamen Aktion war es bereits am 8. Dezember 2006 gekommen, als sowohl Maik Scheffler als auch die Mitglieder der FKL an einer von Thomas Gerlach angemeldeten Kundgebung „Gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr“ vor dem Leipziger Gohlis-Center teilnahmen. Seither haben die FKL relativ selbstständig kleinere Aktionen in Leipzig durchgeführt, aber auch mehrere Aufmärsche mit zum Teil überregionaler Beteiligung organisiert [5] sowie sich an Aufmärschen vor allem im Einzugsgebiet des „Freien Netz“-Verbundes beteiligt. Ihr Mobilisierungspotenzial hat sich in den letzten Jahren bedeutend erhöht. An überregionalen Aufmärschen der FKL nahmen bis zu 350 Neonazis teil. Zu spontanen Aktionen konnten in Leipzig und Umland in der Vergangenheit bis zu 90 Personen mobilisiert werden.

Strukturen und Aktivitäten der FKL

FREIES NETZ

[img_assist|nid=1018|title=|desc=|link=none|align=none|width=250|height=188]Das Internetportal „Freies Netz“ wurde 2007 als „Mitteldeutsches Infoportal der freien Kräfte“ von Maik Scheffler und Thomas Gerlach ins Leben gerufen. Inzwischen ist es die wichtigste Internetplattform der sächsischen Neonaziszene. Unterteilt in Unterseiten unter anderem für Borna, Geithain, Chemnitz, Leipzig, Nordachsen und Zwickau umfasst es alle sächsischen Neonazihochburgen. Die Redaktion der Inhalte liegt jeweils in den Händen regionaler Gruppen. Die Weblogs dienen vor allem der Verbreitung neonazistischer und antisemitischer Propaganda sowie zur Mobilisierung von regionalen und bundesweiten Nazi-Aufmärschen, interne Bereiche ermöglichen eine konspirative Kommunikation. Das gemeinsame Label „Freies Netz“, sowie die Aufwertung einzelner Kleinstgruppierungen durch die Bereitstellung eines eigenen Weblogs führten zu großer Identifikation und starker Vernetzung weiter Teile der Kameradschaftsszene in Sachsen und den angrenzenden Bundesländern. Das spontane Mobilisierungspotenzial des Freien Netzes konnte zuletzt am 1. Mai 2009 beobachtet werden: Rund 450 Neonazis marschierten in Freiberg auf und attackierten die Polizei und politische Gegner_innen.

Die „Freien Kräfte Leipzig“ sind nicht als klassische Kameradschaft zu verstehen. Es besteht zwar ein organisatorischer Kern mit personellen Kontinuitäten, die teilweise bis in die Anfangszeit zurückreichen. Aber der Anspruch und das Auftreten sind lockerer und die Personen, die unter dem Label „Freie Kräfte“ an Aktionen teilnehmen, variieren. Inzwischen sind die Kern-FKLer – wahrscheinlich auch unter dem Verfolgungsdruck der Behörden – davon abgerückt, den Begriff überhaupt zu verwenden und versuchen durch Bezeichnungen wie „nationale Aktivisten“ oder „volkstreue Jugendliche“ eine vitale, heterogene sowie spontan und dezentral agierende Bewegung zu suggerieren.

Neben der Teilnahme an und der Organisation von Aufmärschen treten die „Freien Kräfte“ dabei vor allem mit „kreativen“ Aktionen an die Öffentlichkeit. Dazu gehören Straßentheater, das Umherwerfen von Papierschnipseln mit Propagandabotschaften an öffentlichen Orten, die anlassbezogenene Verteilung von Flugblättern und eher unbeholfene Versuche, Diskussionsveranstaltungen von Parteiverbänden für sich zu vereinnahmen.

Parallel dazu werden immer wieder Ausflüge in die Natur oder zu regionalen Sehenswürdigkeiten organisiert und auf dem „Freien Netz“ ausführlich dokumentiert. Wie bereits erwähnt liegt die Bedeutung der FKL dabei vor allem in ihrer Ausstrahlung in dem nicht voll politisierten rechten Dunstkreis, der sich für verschiedene Aktionen aktivieren lässt.

Die Übernahme von Codes und Styles moderner Jugendkulturen macht die „Freien Kräfte“ dabei vor allem für Jugendliche potentiell attraktiver und entspricht eher einem städtischen Umfeld. Diese Adaption von linken Organisations- und Aktionsformen im Rahmen der Selbstdefinition als „freie Kräfte“ hat zu erhöhter Anziehungskraft der neonationalsozialistischen Szene in Leipzig geführt.

Über Leipzig hinaus war bisher das „Freie Netz“ der wichtigste Bezugsrahmen für die FKL. Maik Scheffler kann nach wie vor als richtungsweisend nicht nur für die Leipziger Kameraden angesehen werden. Innerhalb der Einflusssphäre des „Freien Netzes“ beteiligten sich die FKL an Aufmärschen und Kundgebungen und erhielten auch in Leipzig des Öfteren personelle Verstärkung durch das Umland.

„Freie Kräfte“ und NPD/JN

Wie wenig autonom die Leipziger Nazis tatsächlich sind zeigt sich jedoch daran, wie getreu sie Maik Schefflers Linie in Bezug auf die NPD folgen. Dieser hatte sich im April 2008 von der NPD zu den Kreistagswahlen im damaligen Landkreis Torgau-Oschatz-Delitzsch aufstellen lassen und propagiert seither eine Zusammenarbeit der „Freien Kräfte“ und der NPD. Nicht zufällig genau am 20. April 2008 gründeten dann die FKL den JN-Stützpunkt Leipzig, zu dessen Leiter der FKL-Kader Tommy Naumann ernannt wurde. Seitdem dokumentiert die Leipziger Seite des „Freien Netzes“ vor allem Aktionen der JN (Junge Nationaldemokraten). Die Art und Weise, in der sich die FKL als offen, unabhängig und revolutionär gerierten, steht dabei in offenem Widerspruch zur bereitwilligen Zusammenarbeit mit der NPD. Die von Scheffler vorgegebene Linie wird beim „Freien Netz Leipzig“ als Konsens verkauft und gleichzeitig der Eindruck aufrechterhalten, die Seite wäre ein Sprachrohr verschiedener Strömungen innerhalb einer breiten Bewegung. Aber eine Abspaltung existiert jedoch bereits, repräsentiert durch einen weiteren Weblog [6]. Einige Nazis aus dem Umfeld der „FKL“ versuchen auf diese Weise, unabhängig von der NPD aktiv zu bleiben.

„Freie Kräfte Leipzig“ und Lok

Es bestehen enge Verbindungen zwischen den „Freien Kräften Leipzig“ und neonazistischen Hooligangruppierungen beim 1. FC Lok Leipzig. Mitglieder der „Freien Kräfte“ tauchen immer wieder bei Fußballereignissen auf, um mit neonazistischer Propaganda zu provozieren oder Gewalt auszuüben [7]. Des Weiteren übernahmen Anhänger der Lok-Hooligangruppierung „Blue Caps“ immer wieder Ordneraufgaben bei Demos der „Freien Kräfte“. Auch die neuerliche Kooperation der FKL mit der NPD wird durch die „Blue Caps“ mitgetragen. Der Verein hat sich von der „Fan-Gruppierung“ inzwischen offiziell distanziert. [8]

Ausblick und Fazit

Mit den „Freien Kräften Leipzig“ ist das bundesweite Phänomen der „Autonomen Nationalisten“ in Leipzig angekommen. Die modernisierten Aktionsformen haben auch hier zu einer Vitalisierung der Szene geführt. Durch ihr Aufgehen in der Leipziger JN könnte jedoch ein Großteil der Attraktivität der FKL für junge Nazis wieder verloren gehen. Es bleibt abzuwarten, ob die Abtrünnigen („Freies Leipzig“) den FKL/JN das politische Vorfeld abspenstig machen können. Denkbar wäre auch, dass die FKL/JN sich in Zukunft mehr an der Bundes-JN orientieren und einzelne Personen versuchen, innerhalb dieser Strukturen weiter aufzusteigen.

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[1] Gamma Antifa-Newsflyer für Leipzig & Umland Nr. 176 – März 2007 gamma.antifa.net
[2] inzwischen Landtagskandidat der NPD - http://www.chronikle.org/ereignis/freies-netz-initiator-landtagskandidat-npd-organisationsleiter-regierungsbezirk-leipzig
[3] Antifaschistisches Infoblatt AIB Nr.79 - 2.2008 oder auch: Gamma Antifa-Newsflyer für Leipzig & Umland Nr. 177
[4] Gamma Nr. 179
[5] z.B. 12.Januar 2008 in Reudnitz - http://www.chronikle.org/ereignis/nazidemo-reudnitz, 29.April 2008 in Grünau - http://www.chronikle.org/ereignis/naziaufmarsch-gruenau
[6] Vgl. Website Freies-Leipzig, 26.08.2008: “Das ‚Freie Netz‘ war ursprünglich zu Parteiunabhängigen Meinungsäußerungen und Berichterstattungen gedacht. Leider ist/war dies nicht mehr der Fall, da in letzter Zeit zu oft die ‚NPD Schiene‘ gefahren wurde. Man löste sich also vom ‚Freien Netz‘, da einige auch weiterhin Parteiunabhängig bleiben wollen. Deshalb wurde die Weltnetzseite ‚Freies Leipzig‘ ins Leben gerufen.“
[7] Vgl. 19.4.2009 Nazis aus dem FKL Umfeld tauchen bei BSG-Chemi-Spiel auf: http://www.chemieblogger.de/2009/04/19/frei-von-kraeften/
[8] Vgl. http://www.chronikle.org/ereignis/lok-fangruppierung-blue-caps-bewirbt-demonstration-jn