Leipzig: Angst vor Kontrolleuren in Nazi-Klamotten

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15.

März
2010
Montag

Thor Steinar, seit Jahren beliebte Kleidungsmarke bei Neonazis, wurde auch von einem Fahrscheinkontrolleur der LVB getragen.

Am 15. März wird ein junger Mann gegen 14.45 Uhr in der Straßenbahnlinie 1 zwischen Friedrich-List-Platz und Einerstraße durch einen Kontrolleur der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) aufgefordert, seinen Fahrschein zu zeigen. Nachdem er das getan hatte, fiel ihm die Mütze des Kontrolleurs auf, auf der groß ein Schriftzug der Nazikleidungsmarke Thor Steinar prangte. Der junge Mann fühlte sich durch die Gegenwart dieses Bekenntnises zu menschenverachtenden Einstellungen bedroht.

Daraufhin rief der Betroffene beim LVB-Kundenservice an und beschwerte sich darüber, dass Bedienstete des Unternehmens, die noch dazu öffentlich im Namen der LVB auftreten und Menschen "kontrollieren", die bei Nazis beliebte Marke tragen. Nach Angaben des Betroffenen teilte der Angestellte mit, dass "ja in diesem Land Meinungsfreiheit herrsche" und "der Thor-Steinar-Träger ja trotzdem ein Mensch sei". Außerdem hätte er erläutert: So lange niemand angegriffen, beleidigt oder gestört werden würde, stelle Thor Steinar bei der LVB kein Problem dar.

Nach Angaben der LVB ist deren Tochtergesellschaft Leipziger Servicebetriebe (LSB) GmbH mit der Fahrausweiskontrolle beauftragt. Diese nehme auch selbständig die Auswahl der Mitarbeiter_innen vor. Für die Mitarbeiter_innen gelte grundsätzlich, dass über die Bekleidung keine Aussage zu irgendeiner Organisation oder auch geistigen Strömung getätigt werden darf. Nach der Schilderung des Betroffenen scheint das dem Kundenservice-Mitarbeiter nicht bekannt gewesen zu sein. Im benannten Fall habe die LSB, da sie den Fall bereits selbst festgestellt hatte, das Tragen des entsprechenden Kleidungsstückes sofort unterbunden. Der Kontrolleur habe ausgesagt, dass ihm die Symbolik nicht bewußt gewesen sei. Zum den Äußerungen im Rahmen des Telefonats mit dem Kundenservice machten die Leipziger Verkehrsbetriebe keine Angaben. Es sei "leider nicht [zu] rekonstruieren, auch aus Datenschutzgründen nicht".

Viele Menschen fühlen sich in der Gegenwart von Menschen mit Thor-Steinar-Kleidung verunsichert. Insbesondere Alternative oder Menschen mit Migrationshintergrund wissen, dass sie von Nazis als "Feinde" betrachtet werden. In Anwesenheit von Personen, die sich ganz offensichtlich zu menschenverachtenden Einstellungen bekennen, rechnen potentiell Betroffene immer mit einem verbalen oder körperlichen Angriff. Dass sie sich von einer Person in Thor Steinar kontrollieren lassen müssen, wird als besonders einschüchternd und bedrohlich empfunden.

Lektüre-Empfehlung zu Thor Steinar: "Investigate Thor Steinar: Eine kritische Auseinandersetzung mit einer umstrittenen Marke"

Quelle: 

chronik.LE