Antisemitische Demonstration auf dem Augustusplatz

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15.

Mai
2021
Samstag

An einer israelfeindlichen Demonstration ("Für die Freiheit Palästinas"), die auf dem Augustusplatz stattfindet, nehmen ca. 400 Personen teil. Skandiert werden antisemitische Parolen wie "Kindermörder Israel" , "Frauenmörder Israel" und auf einem Plakat wird der Wunsch geäußert, den Staat Israel von der Landkarte zu tilgen. Letzterer Slogan nimmt Anlehnung an die antisemitische Losung des ägyptischen Staatspräsidenten Gamel Abdel Nasser vom Mai 1967, dessen Angriffspläne und panarabischer Traum durch den militärischen Präventivschlag im Sechstagekrieg zunichte gemacht wurde, und somit einem Krieg mit dem Ziel der Vernichtung des Staates Israel zuvorkam.

Auch eine der Organisatorinnen der Demonstration, sie nennt sich "Lina" von der Gruppe "Sumud Filastin", wiederholt in einem Interview mit der LVZ das Anliegen, "dass es einen Staat für alle Menschen vom Jordan bis zum Mittelmeer gibt." Damit stellt sie das Existenzrecht Israels in seiner jetzigen Form in Frage, des Staats, der seinen Bürger gleiche Rechte unabhängig von Herkunft und Religion garantiert. Sie betont zwar, dass es gleiche Bürgerrechte in "ihrem" Staat für alle geben müsse. Wie das in der bestehenden Situation mit Islamisten umsetzbar sei, bleibt ungeklärt. Immerhin bezeichnet sie die Hamas als Islamisten. Die Parole "Kindermörder Israel" bezeichnet sie als nicht antisemitisch, mit der absurden Begründung: "Soll ich Jugendlichen sagen, das ruft man nicht, weil es in Deutschland die absurde Vorstellung gab, dass Juden Brunnen vergiften." Die Ritualmordlegende, die tatsächlich einen christlichen und europäischen Entstehungshintergrund hat, wurde so und in abgewandelter Form allerdings auch in islamischen Ländern rezipiert, um den Hass gegen Juden zu rechtfertigen. Das Tragen einer Israel-Fahne bezeichnet sie als "menschenverachtend".

Die länderübergreifende Feindschaft zu Israel zeichnet sich auf der Demonstration in den vorhandenen Nationalflaggen ab. So ist die Flagge des Iraks mit der arabischen Aufschrift "Gott ist groß" zu sehen, auch dieses Bekenntnis hallt wiederholt über den Augustusplatz. Daneben befinden sich Flaggen der syrischen Opposition als auch "palästinensische" Flaggen. Ein weiteres Plakat wiederholt die These einer jüdischen Weltverschwörung. So wird behauptet, dass Israelis internationale Medien kontrollieren würden.
Dass Gewalt gegen Zivilist_innen in Israel – darunter auch Araber und andere Nichtjuden, Kinder und Frauen – kein grundsätzliches Problem für einige Demonstrant_innen darstellt, wird durch die Parole "Unsere Raketen treffen euch" deutlich, währenddessen selbst der Slogan "Zivilistenmörder Israel" skandiert wird.
Trotz der offensichtlichen moralischen Schieflage beruft man sich mit Plakaten auf universelle Menschenrechte, die jedoch einseitig ausgelegt werden, und somit mit Universalismus nichts mehr gemein haben.

Zu Beginn der Demonstration versuchen ca. 20-30 Teilnehmer_innen auf die Kundgebung "Gegen jeden Antisemitismus - Solidarität mit Israel" auf der Opernseite des Augustusplatzes zu gelangen. Die Polizei kann diese Störer nach kurzer Zeit entfernen.
Weiterhin kommt es zu einfältigen, allgemeinen Beleidigungen und Abwertungen von Juden, wie "Scheiss Juden", "Fotzen Juden". Die Stimmung ist aufgeheizt bis euphorisch. Wiederholt versuchen Personen, auf die Gegenkundgebung zu gelangen, wobei Ordner_innen bemüht sind, diese zurückzuhalten. Gegen Ende der Demonstration fahren Autos zum Teil mit herausgezeigten Palästina-Flaggen an der Gegenkundgebung vorbei und beleidigen die Demonstrant_innen sexistisch und antisemitisch. Zwischen der Straße und der Kundgebung steht lediglich eine lose Reihe Polizist_innen.

An der israelsolidarischen Kundgebung nehmen ca. 200 Personen teil. In Redebeiträgen wird die Solidarität mit dem Staat Israel kundgetan sowie Angriffe und Anfeindungen gegen Synagogen und jüdische Menschen verurteilt. Mit dem Ausruf "Free Gaza from Hamas" wird der Wunsch nach einer Beendigung der islamistischen Diktatur und des daraus folgenden antisemitischen Terrors und Leids gefordert, unter der auch die Zivilbevölkerung in Gaza leidet. Vereinzelt kommt es zu sexistischen Beleidigung in Richtung der Gegenseite.

Nachdem beide Kundgebungen beendet sind, wird ein Teilnehmer der Gegenkundgebung auf dem Heimweg an der Ecke
Universitätsstraße/Schillerstraße von einer ca. 15-20 Personen starken Gruppe angegriffen. Er wird zusammengeschlagen und muss daraufhin im Krankenhaus behandelt werden. Die angreifende Gruppe trägt Pali-Tücher und grüne Stirnbänder. Zeug_innen beobachten, dass sich die Gruppe gezielt auf die Suche nach Gegendemonstrant_innen macht und schon auf der Demonstration durch aggressives Gebärden auffiel.

Der ursprüngliche Aufruf für eine antiisraelische Demonstration am Torgauer Platz offenbart seine Intention schon in der Ansprache an "Muslime und nicht Muslime", setzt also selbst die Religion in das Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Im selbigen Aufruf wird die "Systematische Auslöschung" der Palästinenser behauptet.
Dass sich der Protest gegen beidseitige militärische Gewalt oder für Frieden einsetzt, wird somit zur Farce und ignoriert bzw. bekräftigt die bestehenden Verhältnisse – wie seit 16 Jahren ausstehende demokratische Wahlen, Renten für Familien von Terroristen statt fürs Bildung- oder Gesundheitswesen sowie eine islamistische Gewaltherrschaft in Gaza – in den Gebieten, die von der Palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet werden. Vielmehr äußert sich hier, sowie auch in den Parolen auf der Demonstration auf dem Augustusplatz, eine gängige Form des Antisemitismus, der Antizionismus, der über die Delegitimierung des Staates Israels auf Jüdinnen und Juden abzielt.

Am späten Nachmittag setzt sich das Geschehen in Form einer Spontankundgebung am Torgauer Platz mit ca. 70 Personen sowie eines Autokorsos an der Eisenbahnstraße fort. Auch dort ist die Stimmung euphorisch, was in ihrer Ästhetik doch sehr im Widerspruch zum proklamierten Anlass der Demonstration steht.

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