Geithain: Waffen-SS-Mann erzählt "lustige Geschichten" über den Nationalsozialismus

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30.

Oktober
2009
Freitag

Am Samstag Abend veranstalteten Neonazis einen "Zeitzeugen-Vortrag" mit dem Waffen-SS-Mitglied Gottfried Pönitz. Dafür mietete Manuel Tripp, der auf der NPD-Liste in den Geithainer Stadtrat einzog, die Garten-Kneipe "Petersilie". An der Veranstaltung nahmen ca. 100 Neonazis teil, die Augenzeug_innen der NPD und deren Nachwuchsorganisation JN sowie der NPD-nahen Freien-Netz-Struktur zurechnen. Demnach soll nach dem "Zeitzeugen-Vortrag" noch ein Mitglied der Band "Novus Ordo Mundi" (Neue Weltordnung) musiziert haben.

Nach Angaben des Fachjournalisten Volkmar Wölk hatte es Versuche gegeben, die Veranstaltung zu verhindern. So hätte der Inhaber der "Petersilie" zwar auf Nachfrage gewußt, wen er sich da ins Gartenlokal holt; aber die braunen Gäste scheinen sein Ordnungsempfinden nicht nachhaltig zu stören. Schon beim letzten Mal sei alles ruhig geblieben, also gebe es keinen Grund, etwas zu unternehmen. Das "letzte Mal" war eine Wahlkampfveranstaltung der NPD vor den Kommunal- und Landtagswahlen in Sachsen 2009. Auch seien Bürgermeisterin Bauer (CDU) und Polizei informiert gewesen. Trotzdem wurde die Veranstaltung nichtmal polizeilich abgesichert. Auch seien alternative Jugendliche in Geithain erschrocken gewesen, als die Neonazis unbehelligt von der Polizei durch die Stadt zogen.

Der Referent Gottfried Pönitz war während des Nationalsozialismus Mitglied der SS. Nach dem Krieg betätigte er sich in verschiedenen geschichtsrevisionistischen Vereinen, unter anderem der "Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS". Die "HIAG" wurde bis zur Auflösung des Bundesverbandes 1992 vom Verfassungschutz als "rechtsextrem" eingestuft und beobachtet. Die Organisation versucht seit Ende des Zweiten Weltkrieges, die Verbrechen der Waffen-SS zu relativieren bzw. zu leugnen. Dies scheint bis heute Pönitz' Ziel; vor jungen Neonazis schildert er auf "Zeitzeugenvorträgen" seine persönliche Perspektive. Deswegen entsprächen die Schilderungen des Altnazis der "Wahrheit", dem entgegen stünde eine "Geschichtsverklärung" und "Umerziehung", meinen die Neonazis auf der Freien-Netz-Seite: "[D]enn wahrheitsgemäß über die Zeit vor ‘45 zu sprechen, ohne dabei vor den Besatzern zu kriechen, ist heute zu einem Tabu geworden". Die nationalsozialistischen Verbrechen stellen sich den Freies-Netz-Neonazis als "Erlebnis" dar, wenn sie Pönitz einen "Überlebenden der Erlebnisgeneration" nennen. So hätte Pönitz mit der ein oder anderen "lustigen Geschichte" die Anwesenden erheitert.

Quelle: 

Homepage Kerstin Köditz vom 29.10.2009, Freies Netz Borna-Geithain