Gründer der "Wehrsportgruppe Hoffmann" referiert auf Einladung des "Freien Netzes" in Colditz

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11.

September
2010
Samstag

Der einstige Anführer der 1973 gegründeten "Wehrsportgruppe Hoffmann" (WSG), Karl-Heinz Hoffmann, hat am Sonnabend im Gasthof Zollwitz in Hausdorf bei Colditz (Landkreis Leipzig) über die 1980 verbotene, rechtsterroristische WSG referiert. Laut einem Bericht beim neonazistischen "Freien Netz Borna-Geithain" sollen dem nachmittäglichen Vortrag knapp 100 Gäste gelauscht haben.

Die Veranstaltung war zuvor unter dem Motto "Der Chef spricht!" im neonazistischen Thiazi-Forum angekündigt worden. Dabei wurde betont, dass der Vortrag "nicht als etwaige Werbung für die inzwischen historisch gewordene WSG missverstanden werden" sollte. Karl-Heinz Hoffmann hatte sich nach dem WSG-Verbot zunächst in den Libanon abgesetzt und dort in Zusammenarbeit mit der palästinensischen Fatah-Organisation eine "WSG-Ausland" gegründet. Diese werde bei dem Vortrag "ausdrücklich nur marginal thematisiert", hieß es vorsorglich in der Ankündigung. Der heute 73-jährige Hoffmann wurde 1981 auf dem Flughafen Frankfurt festgenommen und 1984 unter anderem wegen Freiheitsberaubung, gefährlicher Körperverletzung und Verstößen gegen das Waffen und Sprengstoffgesetz zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung unterhielt er weiterhin Kontakte in die neonazistische Szene, trat jedoch nicht mehr öffentlich auf.

Seit 2004 besitzt Hoffmann ein altes altes Rittergut in Kohren-Sahlis (Landkreis Leipzig). Laut der Ankündigung bei "Thiazi" wurde von den Besucher_innen der Veranstaltung ein "geringer Unkostenbeitrag" erhoben, der "vollständig in die Kulturstiftung von Karl-Heinz Hoffmann zur Instandsetzung und Erhaltung des Rittergutes Sahlis" fließen soll.

Erst nachträglich offenbarte sich das "Freie Netz" (FN) als Veranstalter des Hoffmann-Vortrages. Unter den Gästen waren laut Augenzeug_innen Mitglieder des FN-Gruppen Borna-Geithain, Nordsachsen und Jena sowie bekannte Neonazis aus Colditz. Der "Freies Netz"-Aktivist Manuel Tripp, der für die NPD im Stadtrat von Geithain sitzt, hat die Ankunft der Besucher_innen per Handy koordiniert. Im Gasthof Zollwitz haben in jüngster Zeit bereits öfter neonazistische Konzerte und Veranstaltungen stattgefunden.

Laut dem Bericht beim "Freien Netz Borna-Geithain" erklärte WSG-Chef Hoffmann in seinem Vortrag unter anderem, dass es einer "disziplinierten militärischen Organisationsform" bedarf, um eine als Vorbild dienende "Gegenwelt" aufzubauen. Wehrsport sei "im Grunde nicht strafbar", problematisch würde es nur, wenn der Gruppe eine "gemeinsame politische Ausrichtung" nachgewiesen werden könne. Heute seien Wehrsportgruppen jedoch "kein taugliches Instrument" mehr, um "unerträgliche gesellschaftliche Zustände" zu verändern." Statt dessen appellierte Hoffmann an die versammelten Neonazis, dafür "andere Wege" zu finden: "Überraschen Sie Ihre politischen Gegner mit unerwarteten neuen Strategien, bewegen Sie sich im Rahmen des geltenden Rechtes und lassen Sie sich nie in den Untergrund abdrängen."

Der Vortrag wurde aufgezeichnet und soll später als DVD beim "Nordsachsen-Versand" des Eilenburger NPD-Stadtrates Kai Rzehaczek erhältlich sein.

In der Nacht zu Sonntag wurden in Thüringen vier Neonazis, die an der Hoffmann-Veranstaltung teilgenommen hatten, vorläufig festgenommen und ihre Wohnungen sowie das so genannte "Braune Haus" in Jena, das bis zum Vorjahr als Sitz des dortigen NPD-Kreisverbandes diente, von der Polizei durchsucht. Laut MDR-Informationen habe der Verdacht betanden, dass dort Sprengstoff gelagert werde. Wie die Staatsanwalt Gera später mitteilte, wurden jedoch weder Sprengstoff noch Waffen gefunden und die vier Festgenommenen mangels dringenden Tatverdachts wieder freigelassen.

Beim "Freien Netz Jena" heißt es dazu und zur Veranstaltung in Hausdorf: "Dass dies die Überwachungsapparate nervös werden ließ, war von vornherein klar, denn schließlich galt Hoffmanns WSG als eine Art 'Braune Armee Fraktion'." Außerdem wird gemutmaßt, dass die Durchsuchungsaktion dadurch ausgelöst worden sein könnte, dass sich die Thüringer Neonazis "auf ihrer Heimfahrt am Telefon etwas scherzhaft über eventuelle Souvenirs unterhalten haben."

Ehemalige Mitglieder der "Wehrsportgruppe Hoffman" waren Anfang der 1980er Jahren an mehreren Attentaten beteiligt, unter anderem am Bombenanschlag auf das Münchener Oktoberfest am 23. September 1980, bei dem 13 Menschen getötet wurden, und an der Ermordung des jüdischen Verlegers und früheren Vorsitzenden der israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, Shlomo Lewin, und dessen Lebensgefährtin.

Quelle: 

"blick nach rechts" vom 06.09.2010 und vom 13.09.2010, MDR-Online vom 12.09.2010, "Freies Netz Borna-Geithain" und "Freies Netz Jena" vom 12.09.2010, Thiazi-Forum, chronik.LE ...