"Hoher Durchmischungsgrad": Rassismus auf dem Leipziger Gesundheitsamt

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20.

Januar
2011
Donnerstag

Es muss ja nicht unbedingt etwas schlechtes sein, wenn Mitarbeiter_innen von Behörden ein etwas intensiveres Interesse für die Bürger_innen zeigen, die mit einem Anliegen zu ihnen kommen. Trotzdem wunderte sich eine junge Leipzigerin, als sie neulich auf dem Gesundheitsamt bei der Schuluntersuchung ihrer Tochter danach gefragt wurde, ob sie noch Kontakt zum Vater habe und was er arbeite. Die Eltern leben getrennt, die Mutter hatte aber seinen Namen und seine Telefonnummer angegeben. Als sie wissen wollte, ob alle Mütter nach der Arbeit des Vaters gefragt werden, erhielt sie zur Antwort, dass der Vater ihrer Tochter ja wohl ein Ausländer und nicht deutsch sei. Ein Nicht-Weißer scheint nach Ansicht der Mitarbeiter also kein Deutscher sein zu können.

Anlass für die auffälligen Nachfragen war offenbar allein die Tatsache, dass ihr Kind schwarzist. Die Sechsjährige sei "nicht rein weiß", sondern "aus verschiedenen Kulturen zusammengesetzt", eben ein "Mischling", versuchte sich eine Mitarbeiterin zu erklären. Diese "Andersartigkeit" sei einfach interessant, sagte sie weiter. Das sei nichts Negatives, obwohl bei "diesen Kindern oft Auffälligkeiten bestehen". Da Weißsein "hier normal" ist, würde das Mädchen eben auffallen. In diesem Zusammenhang bezeichnete diese Mitarbeiterin vom Gesundheitsamt auch Behinderte als "andersartig".

Doch damit nicht genug. In ihrem Versuch, die Perspektive eines "andersartigen" Kindes einzunehmen, wollte die Mitarbeiterin von der Mutter noch wissen, ob der Vater denn "ganz schwarz" sei und ob ihre Tochter "erschrocken" war, als sie ihn kennenlernte. Als die junge Mutter ihr daraufhin zu verstehen gab, dass Begriffe wie "Mischling" diskriminierend sind und sie sich durch die Ausfragerei diskriminiert fühle, wurde ihr entgegnet, dass sie "übersensibel" sei.

Kurze Zeit später rief die untersuchende Mitarbeiterin vom Amt bei der Leipzigerin an, die ihrer Empörung deutlich zum Ausdruck gebracht hatte, und versuchte, sich für ihr Verhalten zu rechtfertigen. Bei einem einige Tage später folgenden Gespräch mit ihrem Vorgesetzten gaben die Vertreter_innen der Behörde schließlich zu, einen Fehler gemacht zu haben. Zudem wurde vereinbart, dass sich die Mitarbeiter_innen des Gesundheitsamtes über (nicht-)rassistischen Sprachgebrauch informieren und weiterbilden lassen werden.

Allerdings fielen auch während dieses Gesprächs wieder Begriffe wie "hoher Durchmischungsgrad". Und es wurde angeführt, dass es in Deutschland auch heute eben normal sei, von "Menschenrassen" zu sprechen. Dies sei zwar bedauerlich, aber der allgemeine medizinische Sprachgebrauch. Als die Leipzigerin darauf hinwies, dass es keine so genannten Menschenrassen gibt, wurde seitens der Mitarbeiter im weiteren Gesprächverlauf ersatzweise der Begriff „Menschentypen“ verwendet. Ob die Absichtserklärung, den diskriminierenden Sprachgebrauch zu reflektieren, ernst gemeint ist, bleibt also abzuwarten.

Quelle: 

Betroffene, chronik.LE