Mehrere Verletzte nach Überfall auf Wohnhaus mit Geflüchteten in Wurzen

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12.

Januar
2018
Freitag

Am Freitagabend kommt es in Wurzen im Bereich des Bahnhofs und in einem von Geflüchteten bewohnten Haus zu einer gewaltvollen Auseinandersetzung mit rechten Jugendlichen. Laut Darstellung der Polizei waren daran "Gruppen junger Deutscher und Ausländer" beteiligt. Die Pressestelle weist selbst daraufhin, dass "zur Vereinfachung leider auch auf die wenig differenzierenden Begriffe 'Deutsche' und 'Ausländer' zurückgegriffen werde" müsse.

Nach den Erkenntnissen der Polizei beginnen die Übergriffe an diesem Abend mit verbalen Auseinandersetzungen in der Parkanlage gegenüber dem Bahnhof. Die Geflüchteten ziehen sich daraufhin in ihre Wohnung in der nahen Dresdner Straße zurück. Sie werden von zwei jungen Deutschen verfolgt, die auf die Haustür einschlagen und eine Scheibe beschädigen. Als die Geflüchteten die Angreifer zurückdrängen, stoßen sie auf eine größere Gruppe von 30 Personen.

Verfolgt von den Deutschen ziehen sich die Geflüchteten wieder in ihr Wohnhaus zurück. Schließlich verteidigt sich eine laut Polizei mit Knüppeln und Messern bewaffnete Gruppe von zwölf Bewohnern gegen den rechten Mob vor ihrer Tür. Dabei werden zwei Deutsche durch Messerstiche so verletzt, dass sie später im örtlichen Krankenhaus behandelt werden müssen. Eine weitere Person wird durch einen Elektroschocker verletzt.

Gleichzeitig stürmen einige der deutschen Angreifer das Haus. Dort ereignen sich laut Polizei "weitere körperliche Attacken". Nach Darstellung eines Betroffenen dringen vier mit Sturmhauben vermummte Gestalten in seine Wohnung im dritten Stock ein und bedrohen die Bewohner. Er selbst wird getreten, mit einer Holzstange geschlagen und mit einem Taser beschossen. Auch andere Wohnungen werden attackiert.

Erst als Polizeisirenen zu hören sind, ziehen sich die Angreifer aus dem Haus zurück. Die mit 40 Beamt*innen angerückte Polizei nimmt nach eigenen Angaben die Personalien aller Beteiligten auf, festgenommen wird jedoch niemand. Der polizeiliche Staatsschutz ermittelt wegen eines besonders schweren Falls von Landfriedensbruch. Insgesamt werden bei dem Übergriff laut Polizei drei Geflüchtete verletzt. Zum Arzt oder ins Krankenhaus begeben sie sich vorerst nicht. Aus Angst vor weiteren Übergriffen fliehen sie in den nächsten Tagen aus Wurzen.

Hinweise auf geplanten Angriff aus rassistischen Motiven
In der Folge verdichten sich Hinweise darauf, dass es sich bei der Auseinandersetzung keinesfalls um eine spontane Aktion gehandelt hat: "Das ist nicht spontan passiert – das war eine geplante Aktion. Wir haben Hinweise darauf, dass sich an dem Freitagabend in Wurzen zahlreiche junge Leute gezielt getroffen haben – auch aus dem Umland“, zitiert die LVZ einen Sprecher des Netzwerks für demokratische Kultur (NDK). Seinen Informationen nach gab es bereits in der Vergangenheit diverse Pöbeleien und Angriffe auf Geflüchtete am Bahnhof.

Am darauf folgenden Dienstag organisieren rechte Jugendliche, Hooligans und Neonazis eine Kundgebung, um ihre Sicht der Dinge zu verbreiten. An der "Mahnwache" nimmt auch einer der bei dem Angriff verletzten Deutschen teil. Der 16-Jährige aus einem Dorf bei Wurzen bekräftigt gegenüber der LVZ, aus rassistischen Gründen gehandelt zu haben: Er habe was gegen Ausländer, „weil die auf unserem Geld sitzen und nicht arbeiten gehen.“ An Angriffen wolle er sich sich in Zukunft nicht mehr beteiligen – "nur noch die eigenen Leute verteidigen!"

Zuvor war in der Zeitung zur Schuldfrage die rassistische Äußerung einer Einwohnerin zu lesen: "Die Ausländer sind schuld, ein Deutscher sticht nicht zu." Der LVZ-Regionalchefredakteur Thomas Lieb verstieg sich in einem Kommentar zu der Einschätzung: "Die Form der dezentralen Unterbringung von Asylsuchenden ist für Wurzen ungeeignet."