Nazidrohungen beenden Sommerfest eines Leipziger Kunstvereins

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18.

August
2012
Samstag

Am Samstagabend musste in Lindenau ein Sommerfest aufgrund von Beleidigungen, Drohungen und massiven Einschüchterungen von Neonazis aus dem nahegelegenen Nazizentrum in der Odermannstraße 8 vorzeitig beendet werden. Im Anschluss warfen Neonazis Pflastersteine auf Besucher_innen des Sommerfests und auf herbeigerufene Polizeibeamte.

Der Kunstverein D21 feierte am Samstag ein Sommerfest mit Mitgliedern und Freund_innen des Vereins. Gleichzeitig fand auch im benachtbarten Nazizentrum eine Veranstaltung statt. Laut Aussagen von Augenzeug_innen wurde in dem Objekt in der Odermannstraße gefeiert, mit Lagerfeuer, lauter Musik und Gegröhle. Wenig später waren laute "Sieg Heil"-Sprechchöre zu vernehmen sowie Solidaritätsbekundungen mit dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU). Laut Angaben der Polizei war die Veranstaltung weder behördlich angemeldet noch im Vorfeld bekannt.

Gegen 1 Uhr bemerkten Besucher_innen des Sommerfests einen stark alkohlisierten Mann, der sich demonstrativ mitten auf der Kreuzung Odermannstraße/Demmeringstraße aufgestellt hatte und die c.a. 50 Feiernden vor dem Ausstellungsraum beobachtete. Etwa eine halbe Stunde später erschienen zwei ebenfalls angetrunkene Männer, einer mit einem "LOK Leipzig"-T-Shirt, provozierten die Feiernden mit neonazistischen Sprüchen und Beleidigungen. Bereits kurz zuvor hatten mutmaßlich die selben beiden Männer eine andere Gruppe angepöbelt und verbal bedroht.

Aufgrund der bedrohlichen Situation wurde auch von den Teilnehmenden des Sommerfests die Polizei per Notruf informiert. Etwa gegen 2 Uhr erschien dann ein Einsatzfahrzeug der Polizei. Bald folgten weitere, sodass schließlich fünf Einsatzwagen der Polizei auf der Kreuzung vor dem Kunstverein standen, während weitere Einsatzfahrzeuge den Lindenauer Markt absperrten.

Neonazis aus NPD-Zentrum bedrohen Sommerfest

Während die Teilnehmenden des Sommerfestes die Polizei baten, die beiden anwesenden Neonazis des Festes zu verweisen, erschienen weitere Männer aus der Odermannstraße. Unter neonazistischen und antisemitischen Beschimpfungen wurden die Anwesenden mittels Mobiltelefonen abgefilmt und bedroht. Die Besucher_innen des Sommerfests mussten die Polizeibeamten auf diesen Umstand hinweisen mit der Aufforderung, dafür Sorge zu tragen, dass die Foto- und Filmaufnahmen gelöscht werden. Ein Polizeibeamter antwortete daraufhin laut Aussagen einer Betroffenen abweisend mit: "Solang die Bilder nicht zu kommerziellen Zwecken genutzt werden, ist das rechtlich in Ordnung". Die anwesenden Polizeibeamten reagierten situationsbedingt dann doch mit der Aufforderung, das Filmen zu unterlassen. Einige Neonazis befolgten die Anweisung, jedoch in einem von der Polizei unkontrollierten und für die Betroffenen unklaren Umfang. Es folgten verbale Gewaltdrohungen: "30 Leute von euch mischen wir locker auf!" Einige Neonazis begannen erneut mit Bild- und Filmaufnahmen, die sie mit weiteren diskriminierenden Äußerungen kommentierten.

Weitere sechs bis acht Neonazis positionierten sich vor Ort und gröhlten neonazistische, antisemitische und rassitische Rufe. Die verbalen Gewaltandrohungen wurden durch geballte Fäuste und andere Gesten begleitet. Es folgten erfolglose Versuche, einzelne Gäste gewaltsam mit Tritten zu attackieren. Weiteres konnte durch die Polizei unterbunden werden. Auch wenn niemand verletzt wurde, hatten die Mitglieder des Kunstvereins aufgrund der zunehmend eskalierenden Situation bereits beschlossen, das Fest zu beenden und abzubauen, um den Gästen einen möglichst sicheren Heimweg zu gewährleisten.

Hooligans im NPD-Zentrum

Laut Augenzeug_innenberichten handelte es sich bei den Personen aus der Odermannstraße ausschließlich um angetrunkene Männer, von denen ein Teil blaue T-Shirts mit der Aufschrift "Leipziger Tradition" trugen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich dabei um ein T-Shirt, welches von der einschlägigen Lok-Fangruppierung "Scenario" hergestellt und verkauft wurde. Zum Lokalderby zwischen Lok Leipzig und Rasenball Leipzig trugen ein großer Teil der Anhänger_innenschaft sowie Betreuer des Vereins dieses T-Shirt.

Die Nazigruppe, die schließlich 20 bis 30 Männer umfasste, musste durch die Polizei in die Odermannstraße zurückgedrängt werden. Der erneute Zugang zum Nazizentrum wurde laut Angaben der Polizei verwehrt. Nun warfen Neonazis Pflastersteine in Richtung des Kunstvereins sowie der Polizeibeamten. Dabei wurden vier Polizeibeamte, von denen ein Großteil bereits Schutzausrüstung angelegt hatte, leicht verletzt. Im Anschluss wurden 25 Identitätsfeststellungen vorgenommen und ebenso viele Platzverweise ausgesprochen. Zu Festnahmen kam es jedoch nicht. Auf Nachfrage von chronik.LE gab die Polizei an, es habe keine Rechtsgrundlage für vorläufige Festnahmen gegeben. Das NPD-Objekt in der Odermannstraße wurde nicht durch die Polizeibeamten betreten. Es wurden zwei Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung sowie wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen eingeleitet. Da die begangenen Straftaten keiner konkreten Person zuzuordnen seien, laufen beide Anzeigen gegenwärtig gegen Unbekannt.

Weitere Angriffe im Umfeld der O8

Eine Person, die in Richtung Karl-Heine-Straße unterwegs war, wurde von fünf Männern bedrängt und von einem ca. 40 Jährigen mit einer Dachlatte bedroht. Es wurde von der Äusserung "Sonst werft ihr Steine, jetzt kommen wir!" berichtet. Eine weitere Gruppe wurde während dessen von anderen Nazis beschimpft und angegriffen.

Aufgrund des Ereignisses forderte das "Netzwerk unabhängiger Kunsträume Linde.Now" die Schließung des Nazizentrums. Bereits mehrfach ist das Nazizentrum in der Odermannstraße 8 Ausgangspunkt für ähnliche Aktionen gewaltbereiter Neonazis gewesen. So bedrängten Neonazis unter anderem bereits Anfang 2011 Partygäste in der Nähe des NPD-Zentrums. Auch im Mai 2011 kam es zu Angriffen auf Personen und Kunsträume sowie auf ein Nachbarschafts- und Kulturprojekt in Lindenau.

Quelle: 

Aussagen von Augenzeug_innen; Anarchorobben-Blog vom 21.08.2012; Antwort der Polizeidirektion Leipzig; LVZ-Online vom 21.08.2012; LVZ-Online vom 29.08.2012; L-IZ vom 2.9.2012