Nordsächsische Nazis als Crystal-Dealer aufgeflogen

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30.

August
2012
Donnerstag

In Delitzsch und Eilenburg wurden am Donnerstag vier Männer im Alter von 24, 26, 30 und 54 Jahren festgenommen, die mit der Droge "Crystal" gehandelt haben. Bei der Durchsuchung von zehn Wohnungen, Garagen und Nebengebäuden wurde neben Rauschgift, Waffen, anabolen Steroiden und mehreren tausend Euro auch "rechtsradikales Material" sichergestellt. Laut Medienberichten gehören zumindest die drei Jüngeren der "gewalttätigen rechten Szene" in Nordsachsen an.

Die Aktion begann am Donnerstagmorgen mit der gezielten Kontrolle des 54-jährigen Kuriers der Gruppe, der von einer "Beschaffungsfahrt" aus der Tschechischen Republik mehr als 300 Gramm Crystal dabei hatte. Anschließend kam es zu den Durchsuchungen in Eilenburg und Delitzsch. Die Festnahme der drei Nazis erfolgte durch das Spezialeinsatzkommando (SEK) des Landeskriminalamtes. Anführer der Bande soll der aus Delitzsch stammende 30-Jährige gewesen sein, der 2009 noch zusammen mit dem lokalen NPD-Chef Maik Scheffler für den Stadtrat kandidiert und mit diesem nach Informationen des Antifa-Blogs "Gamma" auch intensiv beim sogenannten "Freien Netz" zusammengearbeitet hatte.

Der "nationale Widerstand" und das "Hitler-Speed"

Beim neonazistischen Internetforum "Altermedia" wird der Fall unter der Überschrift "Was der NW nicht braucht: Drogenfahnder fassen in Nordsachsen rechtsextreme Dealer" diskutiert. Das Problem besteht für die Neonazis also offenbar weniger im Dealen, sondern vor allem im Auffliegen dieser einträglichen Tätigkeit. Gemeinhin wird diese ja eher der "anderen Seite" zugeschrieben. So klagte das örtliche "Freies Netz"-Portal "Aktionsbüro Nordsachsen" erst im März 2012 darüber, dass "unsere Rosenstadt immer mehr zu Umschlaglagern der Leipziger Drogen- und Waffenmafia" verkomme. Gegen linke, alternative Jugendliche, bei denen es sich angeblich um "heroin- und crystalsüchtige[...] Chaoten" handele, solle "zum Schutz unserer Stadt und vor allem der Kinder" Gesicht gezeigt werden. Man darf gespannt sein, ob die Nazis diesen Ratschlag auch berücksichtigen, wenn die Dealer aus ihren eigenen Kreisen kommen.

Der frühere NPD-Stadtratskandidat Lars S. wurde nach MDR-Angaben bereits im April 2012 vom Landgericht Magdeburg wegen Drogenhandels verurteilt worden. Trotzdem distanzierte sich die NPD in persona Maik Scheffler erst im September 2012, nach der spektakulären Festnahme der drei Neonazis, von seinem einstigen Gesinnungsgenossen. S. sei bereits Anfang 2011 aus der NPD ausgeschieden und habe sich damit "aus einer Gemeinschaft herausgelöst, für die ein klarer Geist und ein gesunder Körper zu den Grundwerten ihrer Weltanschauung gehören." Für seinen späteren Weg sei "nicht die NPD verantwortlich, sondern die Gesellschaft, die solche Irrwege möglich macht." Die Gesellschaft soll also schuld sein am (angeblichen) Ausstieg aus der klinisch reinen Nazi-Gemeinschaft.

Allerdings ist "Crystal Meth" (eigentlich: N-Methylamphetamin) unter anderem wegen seiner gezielten Verwendung durch die Wehrmacht als Aufputschmittel im Zweiten Weltkrieg auch unter der Bezeichnung "Hitler-Speed" bekannt. Selbst der "Führer" soll auf die damals unter dem Markennamen "Pervitin" bekannte synthetische Droge gesetzt haben.

Verurteilung zu mehrjährigen Haftstrafen

Wegen des Handels von insgesamt drei Kilo Crystal mit einemn Marktwert von 300.000 Euro wurde der mittlerweile 31-jährige Delitzscher am 26. April 2013 vom Landgericht Leipzig zu insgesamt 9 Jahren und 8 Monaten Haft verurteilt, sein 26-jähriger Mitstreiter zu 6 Jahren und 5 Monaten und der 25-Jährige zu sechseinhalb Jahren Haft. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft hatte für alle Angeklagten mehr als acht Jahre Haft gefordert und prüft nun, ob sie Revision einlegt.

Laut Angaben seines Anwalts gegenüber dem MDR sei einer der Verurteilten nur durch seine unter Drogenproblemen leidende Freundin in Kontakt zu "diesem Milieu" gekommen. Er habe "dieses Zeug" aber selbst noch nie angefasst, weshalb auch keine Rückfallgefahr bestehe.
Die beiden jüngeren Verurteilten Nico R. und Peter M. sind laut einem LVZ-Bericht mutmaßliche Mitglieder der Hooligan-Gruppe "Scenario Lok" des Fußball-Viertligisten Lok Leipzig.

Quelle: 

LVZ-Online vom 31.08.2012, BILD vom 31.08.2012, Freie Presse vom 31.08.2012, Nazi-Forum "Altermedia" vom 01.09.2012, Nazi-Portal "Aktionsbüro Nordsachsen" vom 26.03.2012 und vom 11.09.2012, MDR-Magazin Exakt vom 12.09.2012, Gamma vom 12.09.2012, LVZ vom 23.02.2013,MDR-Online vom 26.04.2013