Rechte demonstrieren erneut für "Frauenrechte"

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29.

Juni
2019
Samstag

Bereits vor einem Jahr führt die rechte Initiative „Frauen fordern“ eine Kundgebung mit 70-80 Personen am Leipziger Ring durch. 2018 beschäftigten die Rednerinnen sich u.a. mit Geflüchteten, die nach Deutschland kommen und die einheimischen Frauen bedrohen würden sowie mit dem in rechten Kreisen verbreiteten Schlagworts eines angeblichen „Genderwahn“.

Die zweite Veranstaltung der Initiative „Frauen fordern“ wird, wie bereits die erste, hauptsächlich über die eigene Facebook-Seite der Initiative beworben. Deren Reichweite ist mit 435 Likes (Stand Juni 2019) allerdings gering. Angekündigt wird darauf eine Kundgebung vor dem Naturkundemuseum mit anschließendem „Protestmarsch“ zum Rathaus unter dem Motto „Frauen Fordern: keine Gewalt“.

Bereits vor der Veranstaltung treffen sich die sogenannten „Biker für Deutschland“ um 15 Uhr zu einer „Ausfahrt durch Leipzig“ an der Schongauer Straße im Leipziger Osten. Insgesamt machen Motorradfahrende bis zu 60 der zu Hochzeiten 90 Anwesenden aus.

Pünktlich um 16 Uhr startet die Kundgebung wobei sich bereits zu Beginn abzeichnet, dass es keine Demonstration zum Rathaus geben wird. Offensichtlich hatten die Veranstalter_innen mit deutlich mehr Teilnehmenden gerechnet. Mit einem Anteil von schätzungsweise 80-90% Männern ist das Geschlechterverhältnis eher ungewöhnlich für eine angebliche Demonstration von Frauen. Bereits hier wird der instrumentelle Charakter der Initiative und Veranstaltung deutlich.
Der Veranstaltungsplatz vor dem Naturkundemuseum am Leipziger Ring wird fortan durch die Motorräder der Anwesenden abgegrenzt. Als Bühne dient ein überdachter Anhänger an welchem mehrere Deutschland- und Wirmer-Fahnen angebracht sind. Am Dach der Bühne prangt der Slogan „Wir sind das Volk“. Im Hintergrund ist „Patrioten für Deutschland Volksbewegung“ zu lesen. Unterhalb der Bühne ist ein weiteres Banner einer „Friedensbewegung“ mit einer abgebildeten Friedenstaube angebracht.

Die einzige Frau, die den gesamt Tag über die Bühne betritt, stellt sich als Organisatorin vor und leitet die Kundgebung kurz ein und beendet sie. Sie bedankt sich ausdrücklich bei den auswärtigen Teilnehmenden, welche u.a. auch aus Nordrhein-Westfahlen angereist seien.
Alle weiteren folgenden inhaltlichen Beiträge an diesem Tag kommen von Männern.
Die Verlesung der Auflagen endet mit der Aufforderung sich so zu benehmen „wie es einem Deutschen gebürtig ist“.
Als erster Redner tritt Hartmut Issmer aus Berlin auf, der in der Vergangenheit bereits mehrfach auf rechten Veranstaltungen auftrat, so z.B. in Berlin im November 2018 bei Bärgida. Er spricht davon, dass der Bestand des deutschen Volkes durch die Islamisierung abgeschafft werde. In Westdeutschland seien "die Deutschen" teilweise schon in der Minderheit. Dort hätte die Polizei angeblich nichts mehr zu sagen. Seine Rede schließt Issmer damit ab, dass der Islam Deutschlands Feind sei.

Nach seiner Rede folgt das Lied „Erika“, das auch unter seinem Liedanfang „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein“ bekannt ist. Es wurde um 1930 durch Herms Niel geschrieben und komponiert. Niel trat 1933 der NSDAP bei und wurde zu einem einflussreichen Kapellmeister beim Reichsmusikzug des Reichsarbeitsdienstes. Er schuf u.a. mehrere Marschlieder im Sinne der NS-Propaganda.

Der zweite Redner spricht von einer „schwarz-rot-grünen Politikerkaste“, welche das deutsche Volk und die deutsche Kultur abschaffen wollen. Sie schaffe eine „eurasische Mischrasse“, „Pfaffen“ und „Lügenpresse“ würden dabei helfen. Die „Genderideologie“ sei ebenso wie der Klimawandel Schwachsinn. Belege für den menschlichen Einfluss auf das Klima gebe es nicht. Weiterhin meint er, die Kirche unterstütze die Islamisierung und „krieche denen in den Arsch“ (gemeint sind die Islamgläubigen).
Es folgt das Lied „Im Wald im grünen Walde (Lore Lore)“, das vermutlich kurz vor oder nach dem ersten Weltkrieg entstanden ist.

Dritte inhaltlicher Redner ist Erik Graziani aus Berlin, welcher bereits mehrfach bei Legida in Leipzig auf der Bühne stand. Auf diese Erlebnisse bezieht er sich positiv und spricht von einer „Feuertaufe“. Seiner Meinung nach wettern die Medien gegen den Osten Deutschlands und kaschierten so den tatsächlich stattfindenden Wirtschaftskrieg, der es Ostdeutschland nicht ermögliche eine starke und konkurrenzfähige Wirtschaft aufzubauen. Zweites Thema sind bei ihm Messerangriffe und Vergewaltigungen. Diese seien in Deutschland an der Tagesordnung, allerdings natürlich lediglich durch Geflüchtete. Angela Merkel hätte Deutschland 2015 binnen Minuten ins
Mittelalter kapituliert.
Damit unterstellt er eine aktive Entscheidung der Kanzlerin zur Grenzöffnung 2015, wobei damals lediglich keine Grenzschließung der offenen innereuropäischen Grenze zwischen Deutschland und Österreich durchgeführt wurde. Merkel sei für die aktuelle Situation verantwortlich und habe in Berlin nichts verloren. Vielmehr müsse sie und Claudia Roth (Grüne) vor Gericht, Geflüchtete sollen ausgewiesen werden. Die deutsche Kultur gebe es schon seit 2000 Jahren. Diese gelte es zu bewahren. Leider erkennen die Deutschen dies nicht, da sie nicht aufwachten. Auch die Antifa erkenne die Realität nicht an. Er jedenfalls sei bereit sein Leben für die Sache zu opfern. Zum Schluss bewirbt er die Anfang Juli in Berlin stattfindende rechte Demonstration vor dem Kanzleramt („Festung der Verräter“).

Nach der Rede von Graziani brechen alle Biker, mit Ausnahme von Nicos Chawales aus Dresden, auf und verabschieden sich von der Kundgebung. Die übrig gebliebenen ca. 30 Personen können nun der Rede von André Poggenburg (AdPM, Abspaltung AfD) lauschen. Zunächst überreicht Poggenburg einen Kornblumenstrauß an die Organisatorin der Veranstaltung. Die Kornblume ist ein Symbol von Poggenburgs Partei. Sie war weiterhin Erkennungszeichen der antisemitischen und deutschnationalen Schönerer-Bewegung ab Ende des 19. Jahrhunderts in Österreich. Zwischen 1933 bis zum Anschluss Österreichs 1938 war sie Erkennungszeichen des illegalen Nationalsozialismus in Österreich.

Laut Poggenburg sei Deutschland weltweit isoliert und werde belächelt, dass die aktuelle Regierung noch vom Volk anerkannt werde. Politiker seien „Volksschädlinge“ und Kasper. Im Gegensatz zu anderen Rednern versucht Poggenburg zumindest auf „Frauen-Themen“ einzugehen. So spricht er über Quoten, wobei ihm die Frauen, die durch eben diese zu Jobs oder Posten gekommen seien, Leid tun. Diese Quoten seien ein Rückschritt für die Frauenbewegung. Die Bewegung #metoo versteht er als peinliche, hanebüchene linke Spinnerei, welche zu einer Hexenjagd aufrufe. Engagierte Frauen stünden gegen diese Form der Bevormundung auf und bräuchten dazu keine „linke Agitation“. Den größten Anteil in seiner Rede nimmt allerdings die „Islamisierung“ ein. Poggenburg hält den Islam für grundgesetzwidrig und plädiert dafür der „Brut“ (gemeint sind Islamgläubige) Einhalt zu gebieten. Seiner Meinung nach sei Kriminalität von Geflüchteten kein Einzelfall sondern habe System. Linke würden dies aufgrund ihrer „degenerativen Dummheit“ nicht erkennen und stattdessen den Islam hofieren. Dabei sei dieser die „neue Pest und Cholera in Europa“. Er schließt mit den Worten „Deutsch und frei, ohne faule Kompromisse, für Heimat, Volk und Vaterland.“ Anschließend werden alle drei Strophen der Nationalhymne gespielt.

Die Organisatorin will die Veranstaltung eigentlich schon beenden doch erinnert nochmal an das offene Mikrophon. Dies wird vom Dresdener Nico Chawales genutzt, der von Gewalt gegen Männer, Frauen und Kinder spricht – ausgeübt natürlich von Migranten. Schuld am aktuellen Zustand seien die Bundeskanzlerin Angela Merkel und die „Globalisten“. Die Linke seien Steigbügelhalter eben jener. „Globalisten“ kann in diesem Zusammenhang als ein Schlagwort für eine antisemitische Verschwörungstheorie gedeutet werden, die unterstellt, dass eine kleine Gruppe im Hintergrund die Fäden zieht und versucht die Geschicke der Welt in ihrem Sinne zu lenken.
Die Kundgebung schließt mit dem Abspielen aller drei Strophen der deutschen Nationalhymne.

Die einzig angekündigte Rednerin Steff Charlotte von „NRW stellt sich quer“ hatte bereits vor der Veranstaltung abgesagt.
Die Teilnehmenden der Kundgebung waren hauptsächlich Biker und zum Großteil Männer. Weiterhin waren mehrere Personen anwesend, die auch in der jüngsten Vergangenheit an mehreren rechten Demonstrationen teilgenommen haben. So z.B. eine Frau mit einem T-Shirt der Verschwörungstheorie Q-Anon. Diese wird hauptsächlich über das Message-Bord 4chan und 8chan verbreiten und liefert anonymen NutzerInnen angebliche Informationen über den US-amerikanischen Präsident und seinen vermeintlichen Kampf gegen einen "tiefen Staat". Die oftmals kryptisch formulierten Nachrichten werden dabei so lange interpretiert, bis sie in verschwörungstheoretischer Manier etwas voraussagen.
Gegenprotest zur rechten Kundgebung wurde von Leipzig nimmt Platz unter dem Motto „Chrillen für den Feminismus“ organisiert. Teilnehmende der Gegenkundgebung äußerten immer wieder lautstark ihren Unmut über die rechte Veranstaltung was zur Verärgerung bei diesen führte. Auch Passant_innen äußerten sich immer wieder negativ über die rechte Veranstaltung.

Quelle: 
  • chronik.LE
  • Facebook-Seite "Frauen Fordern"