WGT-Newsletter enthält demokratiefeindlichen, antiindividualistischen Motivspruch

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6.

Juni
2011
Montag

Im Online-Newsletter des diesjährigen Wave-Gotik-Treffens (WGT) mit dem Titel "Treffen Weltbote", in dem seit Januar die auftretenden Bands angekündigt wurden, platzierten die Veranstalter Zitatfragmente mehrerer Autoren. Los ging es mit einem demokratiefeindlichen, von Elitarismus geprägten Zitat Ernest Renans, eines französischen Historikers, Theologen und Orientalisten aus dem 19. Jahrhundert.

Aus den einleitenden Worten der einzelnen Meldungen ergab sich zunächst folgender Satz:

Vernunft und Wissenschaft sind Erzeugnisse der Menschheit, aber die Vernunft unmittelbar dem Volke beizulegen und sie inmitten dieses Volkes zu realisieren - das ist eine Chimäre.

Dieses Zitat stammt aus einem 1876 erschienenen Buch von Renan und geht - wie u.a. dem Renan-Eintrag bei Wikipedia zu entnehmen ist - folgendermaßen weiter:

Es gehört nicht zum Wesen der Vernunft, dass sie von aller Welt verstanden wird. Wenn eine solche Einweihung Platz greifen sollte, so wäre sie auf alle Fälle doch nicht durch eine Form der niederen Demokratie möglich, die dahin zu führen scheint, dass jede feinere Kultur und jede höhere Ordnung ausgelöscht werden. Der Grundsatz, dass die Gesellschaft allein für das Wohlergehen und die Freiheit der Individuen besteht, die sie bilden, stimmt auch nicht mit dem Vorhaben der Natur überein, wonach allein die Art in Betracht gezogen und das Individuum geopfert wird. Es ist sehr zu befürchten, dass das letzte Ergebnis der so verstandenen Demokratie einen gesellschaftlichen Zustand darstellen würde, in dem eine verkommene Masse keine anderen Besorgnisse hat, als dem Genuß und dem Vergnügen des unedlen Durchschnittsmenschen zu frönen.

In der "schwarzen Szene" regte sich schnell Kritik an diesem Spruch. So wurde u.a. im offiziellen WGT-Forum auf Renans antisemitische Ansichten hingewiesen und gefragt: "Warum mußte es schon wieder so ein deutlicher Bezug zum Rechtsextremismus sein, kann man ein Gothic-Treffen nicht gestalten ohne ständig mit sowas aufzufallen?"

Wahrscheinlich als Reaktion auf die Kritik aus der eigenen Szene wurde das Renan-Zitat dann bereits am 1. März abgebrochen. An diesem Tag fand sich in dem "Weltbote"-Newsletter erstmals ein vollständiger Satz. Statt "Es gehört nicht zum Wesen der Vernunft, dass sie von aller Welt verstanden wird." hieß es nun: "Es gehört nicht zum Wesen der Ironie, von allen verstanden zu werden." In den folgenden Newsletter-Meldungen standen wieder nur einzelne Worte, die zusammen zwei weitere Sätze ergaben:

Ein Narr sieht nicht denselben Baum, den ein Weiser sieht. Denn nur dem Reinen offenbart sich das Reine.

Der erste Spruch stammt aus der Feder des englischen Dichters, Mystikers und Malers William Blake (1757-1827), bei dem zweiten handelt es sich um den Schlussatz aus dem Vortrag "Über die Natur der Philosophie als Wissenschaft" des deutschen Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling (1775-1854).

Ungeachtet des konkreten Hintergrundes dieser beiden Autoren ergibt sich aus der Gesamtkomposition des "Weltbote"-Spruchs eine politische Position, gemäß der Bildung und damit auch Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nur einer kleinen Elite - den "Weisen" bzw. "Reinen" - zugestanden werden und den diesen gegenüberstehenden "Narren" grundsätzlich die Fähigkeit abgesprochen wird, über Vernunft zu verfügen. In der Fortsetzung des Renan-Zitats - das in dem "Weltbote"-Newsletter zwar nicht mehr enthalten, aber zumindest mitzudenken ist - wird das Schreckensbild einer Demokratie entworfen, in der eine "verkommene Masse" dem "Genuß und dem Vergnügen des unedlen Durchschnittsmenschen" frönt. Dieser Individualismus widerspreche der Natur, in der "allein die Art in Betracht gezogen und das Individuum geopfert wird". Renan argumentiert hier offen biologistisch und antiindividualistisch.

Indem sie solche Aussagen prominent in ihrem Newsletter platzieren, machen sich die WGT-Verantwortlichen eine Position zu eigen, die heute vor allem von Neonazis, aber auch populären "Tabubrechern" wie Thilo Sarrazin vertreten wird. Demnach gibt es innerhalb des als organische Einheit imaginierten "Volkes" eine natürliche Hierarchie, die auf Herkunft und genetischen Voraussetzungen basiert.

Mit der Abwandlung des zweiten Renan-Satzes hin zu: "Es gehört nicht zum Wesen der Ironie, von allen verstanden zu werden." soll zwar möglicherweise ein Bruch mit den propagierten Thesen angedeutet werden. Worin hier jedoch die Ironie bestehen soll, bleibt unklar. Die Gesamtdarstellung lässt zumindest keine Distanzierung von elitären, biologistisch-völkischen Standpunkten erkennen.

Wie bereits erwähnt regte sich auch in der Gothic-Szene selbst Kritik an dem diesjährigen Motivspruch. So wurde in einem Blogbeitrag gemutmaßt, dass solche "provokativen" Sprüche, die der Eigendarstellung als "unpolitisches Festival" eklatant widersprechen, ein Versuch der Veranstalter seien könnten, dem WGT eine größere Aufmerksamkeit in einem bestimmten Spektrum zu verschaffen:

Es scheint sich um ein Spiel zu han­deln, in dem man unbe­dacht Zitate wählt, wäh­rend sich der Ver­an­stal­ter zurück­lehnt und zuschaut. Die Ein­ar­bei­tung ist sub­til und unauf­fäl­lig, vie­len der Besu­cher fällt es gar nicht erst auf, das sich über­haupt ein Zitat dahin­ter ver­birgt. Aber nach 2009 und auch 2010 schauen viele Szene-Mitglieder und Besu­cher genauer hin. [...] Es drängt sich die Frage auf ob das tat­säch­lich ein legi­ti­mer Weg ist, Dis­kus­sio­nen anzu­re­gen und wohl mög­lich Reak­tio­nen von Stadt oder Poli­tik zu provozieren.

Ende Februar gründete sich bei Facebook die Gruppe "Für ein schwarzes WGT (Gegen unerwünschte politische Einflüsse)", die einen Offenen Brief an die drei Geschäftsführer der "Treffen & Festspielgesellschaft für Mitteldeutschland mbH" richtete, die das WGT veranstaltet. Darin wird auf ähnlich bedenkliche Vorfälle aus den Vorjahren verwiesen, etwa die "Schwarze Sonne" auf der Obsorgekarte 2009 und ein Motiv aus dem Leni-Riefenstahl-Film "Olympia" auf den Eintrittskarten 2010. Am Ende des Briefes werden die WGT-Veranstalter aufgefordert:

[...] den wiederkehrenden Diskussionen durch eine Stellungnahme Ihrerseits ein Ende zu bereiten. Wir wünschen uns ein 'schwarzes Wave-Gotik-Treffen', frei von politischen Aussagen seitens des Veranstalters. [...] Wir wollen ein Festival der Zusammenkunft, ungetrübt durch etwaige Verwendung von Symbolen fremdenfeindlicher Gruppierungen oder antisemitischer Schriftsteller. Dabei ist uns gleich, welcher politischen Strömung diese entstammen.

Die geforderte Stellungnahme blieb bis zum Treffen im Juni aus.